Der Schornsteinfeger gilt seit jeher als Glücksbringer. Doch hinter dem traditionellen Image steckt heute ein hochmoderner Beruf, der bei der Energiewende eine zentrale Rolle spielt. Im Gespräch mit dem Podcast Handwerk spricht gibt Alain Rappsilber, Schornsteinfegermeister und bevollmächtigter Bezirksschornsteinfeger in Berlin-Kreuzberg, Einblicke in einen Beruf, der weit mehr umfasst als den analogen Kehrbesen.
Vom Kehrbesen zur Wärmebilddrohne
Seit 34 Jahren ist Rappsilber im Beruf, seit rund 13 Jahren verwaltet er im Auftrag des Senats einen Kehrbezirk. Was ihn an der Arbeit fasziniert, ist die Vielfalt der Menschen und Aufgaben: Vom Multimillionär bis zur Rentnerin, die sich zwischen Essen und Heizen entscheiden muss, lernt er täglich neue Lebenswelten kennen. Er spricht von einem gesellschaftlichen Fahrstuhl, den er im Alltag fahren dürfe.
Der Beruf hat sich radikal gewandelt. Von der ersten Ölkrise 1974 an habe das Handwerk begonnen, den Menschen richtiges Heizen und Energiesparen beizubringen. Wo Heizungen damals 15 bis 30 Prozent Abgasverluste hatten, seien es heute nur noch sieben bis acht Prozent. Die technische Bandbreite reicht inzwischen vom Kehrbesen bis zur Wärmebilddrohne, modernen Kamerasystemen und aufwendiger Messtechnik.
Neutrale Beratung statt Produktverkauf
Ein zentraler Punkt ist für Rappsilber die neutrale Position des Schornsteinfegers. Anders als Industrie und Installateure verkaufe er keine Wärmepumpen, keine Lüftungsanlagen und keine sonstige Technik, sondern hole das Beste für jedes Gebäude heraus. Gerade im Berliner Altbau, wo jede Wohnung anders gemauert sei, brauche es einen genauen Blick vor Ort.
Genau hier liege oft das Problem: Die Beratung falle beim Verkauf zu kurz aus. Als Beispiel nennt er eine falsch errichtete Wärmepumpe, die zum Riesenwasserkocher geworden sei, weil die Außeneinheit fehlte. Die Mieterin habe sich über hohe Kosten beklagt.
Seit Hunderten von Jahren schützen wir eigentlich die Leute entweder vor Feuer oder vor Ersticken oder vor sich selbst, weil sie es einfach nicht wissen.
Als Beleg für unzureichende Kontrolle nennt er den hydraulischen Abgleich. Technisch sei er seit 1983 bei jeder neu errichteten Feuerstätte vorgeschrieben, doch mangels Kontrolle brauche es heute ein eigenes Gesetz. Hätte man die dadurch entstehenden rund 20 Prozent Energieverlust früher vermieden, wären Milliarden für die Energiewende verfügbar.
Sicherheit: Wenn dichte Häuser zum Risiko werden
Ein weiterer Schwerpunkt ist die Sicherheit. Rappsilber betont das über Jahrzehnte gewachsene Vertrauensverhältnis zu den Bewohnern seines Bezirks. Zugleich warnt er vor den Folgen unbedachter Sanierungen: Schon ein ausgetauschtes Fenster oder eine abgedichtete Hausflurtür könne für eine Gasfeuerstätte kritisch werden oder dafür sorgen, dass die Lüftung in oberen Wohnungen nicht mehr funktioniert.
Häuser würden immer dichter gedämmt, was sinnvoll sei. Doch der Mensch werde dabei zu wenig mitgenommen und nicht ausreichend über richtiges Lüften informiert. Die Folge sei häufig Schimmel. Wer zu billig baue, so seine Erfahrung, baue manchmal zwei- oder dreimal.
Wärmepumpe ja, aber richtig eingebaut
Die Luft-Wasser-Wärmepumpe hält Rappsilber für ein gutes Produkt, das jedoch fachgerecht eingebaut werden müsse, sonst werde sie zur Energievernichtungsmaschine und verärgere die Kunden. Er verweist darauf, dass die Wärmepumpe in der Schornsteinfeger-Ausbildung mit rund 30 Stunden deutlich länger vertreten war als in anderen Gewerken, und fast jeder Kollege eine entsprechende Schulung sowie den Klimaschein absolviert habe. Als Lösung sieht er selten die Wärmepumpe allein, sondern Kombinationen etwa mit Pellet, Gasbrennwert oder Solarkollektoren.
Fehlende Ausbildungsstätten als Bremse
Deutlich wird Rappsilbers Kritik an den Rahmenbedingungen. In Berlin fehle es an Ausbildungsstätten, es gebe nicht einmal eine Brennwertfeuerstätte zum Üben. Berliner Azubis müssten nach Hannover geschickt werden, wo ein modernes Ausbildungszentrum für Lüftung und Wärmepumpen entstanden sei.
Die Bürokratie in der öffentlichen Hand dauere acht bis zehn Jahre, ein Zeitraum, der angesichts der Klimaziele kaum noch Sinn ergebe. Man rede über die Wärmewende und suche Fachkräfte, sei aber nicht in der Lage, Schulen und Lehrkräfte auf den neuen Bedarf vorzubereiten. Als neutraler Berater lehne das Handwerk zugleich reine Produktschulungen einzelner Industriepartner ab.
Nachwuchs, Frauenquote und ein Kalender für Vorurteile
Beim Nachwuchs sieht sich das Schornsteinfegerhandwerk vergleichsweise gut aufgestellt. In Berlin liege die Ausbildungsquote bei rund 27 Prozent, hinzu komme eine hohe Frauenquote, die auf frühe Öffnung seit den 1970er-Jahren zurückgehe. Gute Bezahlung, geregelte Arbeitszeiten und weitere Leistungen machten den Beruf attraktiv.
Ein besonderes Herzensprojekt ist der Kalender unter dem Motto Schwarz bringt Glück. Entstanden während der Corona-Zeit, greift er die Beobachtung auf, dass schwarze Tiere in Tierheimen deutlich länger auf Vermittlung warten. Kollegen posieren mit den Tieren, die Erlöse gehen zu 100 Prozent an das Tierheim, Fotografen und Trainer arbeiten kostenlos. Inzwischen läuft die fünfte Auflage mit Beteiligten aus mehreren Bundesländern, und fast alle Tiere wurden vermittelt.
Handwerks-Tipps und ein Plädoyer für Wertschätzung
Zum Abschluss gibt Rappsilber konkrete Tipps zum Energiesparen. Wer sich eine Stunde Zeit nehme, Heizkörper zwischen den Platten reinige, entlüfte, Vorhänge und Möbel nicht vor die Heizung stelle, könne bis zu 20 Prozent Energie sparen.
- Schornsteinfeger beraten neutral und verkaufen keine Technik.
- Dichte Sanierungen erfordern angepasstes Lüften, sonst droht Schimmel.
- Die Wärmepumpe funktioniert nur bei fachgerechtem Einbau.
- In Berlin fehlen moderne Ausbildungsstätten für die Wärmewende.
Sein Fazit zur Stellung des Handwerks ist ein klares Plädoyer: Das Handwerk war vor der Industrie da und müsse aufgewertet werden, weil es am Ende die Fehler der Industrie ausbaden müsse. Verbraucher sollten sich fragen, ob sie es billig oder qualitativ hochwertig haben wollten, und nicht stets das günstigste Angebot wählen.