Video ist in nahezu jedem Unternehmen präsent – doch fast immer in denselben drei Ausprägungen. In dieser Solofolge von Video Reloaded räumt Host Florian Gipser mit einer weit verbreiteten Denkfalle auf: Video wird viel zu oft mit Marketing gleichgesetzt. Dabei liegt sein größtes Potenzial in Bereichen wie Vertrieb, Wissensmanagement und interner Kommunikation. Wer Video als Werkzeugkasten statt als teure Hochglanzproduktion begreift, spart Zeit, transportiert Wertigkeit und erleichtert den gesamten Unternehmensalltag.
Die drei typischen Formate – und was dahinter fehlt
Fragt man in Workshops oder Vorträgen nach den drei Videoformaten, die ein Unternehmen typischerweise nutzt, landet man laut Gipser fast immer bei denselben Antworten: Videokonferenzen über Teams oder Zoom, Webinare sowie E-Learning. Social Media und YouTube klammert er dabei bewusst aus, weil diese Themen längst etabliert und über Jahre durchgekaut sind.
Sein eigentliches Feld verortet er in der Mitte zweier Extreme: Auf der einen Seite die schnelle, mit dem Smartphone gefilmte "Quick and Dirty"-Produktion für Social Media, auf der anderen Seite die aufwendigen Hochglanzproduktionen – Produktfilme, Messevideos und der "nicht totzukriegende" Imagefilm. Bei letzterem beobachtet er immer wieder dieselbe Reaktion: Man hat einen, weil der Chef einen wollte oder die anderen auch einen haben, aber niemand kann sagen, wofür er genutzt wird. Meist verstaubt er irgendwo auf der Webseite.
Ausreden statt echter Hindernisse
Warum nutzen Unternehmen nicht die vielen weiteren Formate, die ihnen zur Verfügung stünden? Als Gründe werden fehlende Technik, fehlendes Budget und fehlendes Personal genannt. Gipser hält diese Argumente für vorgeschobene Ausreden, die vor allem aus mangelndem Wissen entstehen.
Er rechnet vor: Beauftragt man für E-Learning eine Agentur, ist man für ein einzelnes Video schnell einen mittleren vierstelligen Betrag los. Zehn Videos summieren sich auf 40.000 bis 50.000 Euro – und das sind in der heutigen Kommunikationswelt praktisch nichts. Für dasselbe Budget lasse sich ein professionelles Studio einrichten, das jeder im Unternehmen selbst nutzen kann, nach fünf Minuten sendebereit und ohne laufende Kosten. Der entscheidende Unterschied zur Agentur, die man wie einen Handwerker immer wieder neu bucht.
Die Denkfalle: Video ist nicht gleich Marketing
Ein Kernproblem sieht Gipser darin, dass jeder, der sich im Unternehmen mit Video beschäftigt, sofort ans Marketing verwiesen wird. Damit setzen viele Video automatisch mit teuren Imagefilmen, Recruiting-Videos oder Social Media gleich – und das Thema stirbt im Kopf, bevor es beginnt.
Dabei ist Video für ihn schlicht ein Kommunikationswerkzeug wie E-Mail, Chat oder WhatsApp. In seinen Vorträgen zeigt er eine Liste von über 30 Formaten, die für Aha-Momente sorgen. Aus über 15 Jahren Praxis haben er und sein Team sogar rund 40 Formate entwickelt.
Angebotserklärung: der schnellste Return on Investment
Als effektivstes und am schnellsten umsetzbares Format nennt Gipser die Angebotserklärung. Der klassische Weg – ein 15-seitiges PDF voller "Bleiwüste" – scheitert regelmäßig daran, dass Entscheider direkt nach unten rechts zum Preis scrollen. Ein Einkäufer bestätigte ihm genau dieses Verhalten. In einem Fall flog sein fachliches Ansprechpartner-Team komplett aus dem Prozess, der Einkauf verstand das Angebot nicht und kaufte eine 60 Prozent günstigere Videokonferenzlösung, mit der sich weder Webinare noch Produktvideos machen ließen.
Seine Lösung: Er verschickt statt der Dateien nur einen Videolink. In einer Bildschirmaufnahme erklärt er zunächst per PowerPoint das Beratungs-, Umsetzungs- und Studiokonzept, wechselt dabei zwischen Folien und Kamera, und geht anschließend die einzelnen Angebotsposten durch. Erst am Ende des Videos erscheint ein Call-to-Action-Button, der zu den PDFs führt – so werden die Zuschauer sanft gezwungen, das Video zu Ende zu sehen.
Über die Plattform Loom sieht er, wie oft und wie lange das Video angeschaut wurde. Rekord: über 20 verschiedene Personen, die es bis auf eine alle zu 100 Prozent angesehen haben. Seine Videos sind im Schnitt 15 bis 25 Minuten lang, eines sogar 35 Minuten – und werden dennoch komplett konsumiert. Die Vorteile: Wertigkeit wird transportiert, jeder schaut es zeitunabhängig, kann zurückspulen und es an bisher unbeteiligte Personen weiterleiten.
Anti-Ghosting-Videos gegen die stille Absage
Ein weiteres Vertriebsformat sind "Anti-Ghosting-Videos" – kurze Follow-up-Botschaften unter einer Minute. Menschen reagieren immer seltener zuverlässig auf E-Mails, telefonische Nachfragen empfindet Gipser selbst als aufdringlich. Die Videobotschaft hingegen ist ein wertschätzender Touchpoint mit einer Reaktionsquote von rund 80 Prozent innerhalb von 24 Stunden.
Über Loom lässt sich ein animiertes GIF der ersten Sekunden in die E-Mail einbetten. Häufig blendet er dabei das LinkedIn-Profil des Empfängers ein – das wirkt persönlich, seriös und macht klar, dass es sich nicht um KI-generierten Spam handelt.
Babyboomer-Offboarding: Wissen konservieren
Im Wissensmanagement erzählt Gipser vom "Babyboomer-Offboarding". Beispiel ist ein Servicetechniker – "Jupp" – der seit 40 Jahren dieselben Turbinen wartet. Sein Erfahrungswissen steht nirgends geschrieben; ihn zum Schreiben zu zwingen wäre aussichtslos.
Interviewt den Jupp doch einfach. Setzt ihn hin mit jemandem, mit dem er sich gerne unterhält, zeichnet das als Video auf, jagt es durch eine KI zur Transkription und ab damit ins Wissensmanagement.
So lässt sich in strukturierten, kurzen Snippets festhalten, was sonst mit der Person verloren ginge – Video liefert Bild, Ton und dank KI mühelos eine Transkription.
Warum Video oft dem Text überlegen ist
Ein persönliches Beispiel unterstreicht die Kernbotschaft: Bei der Reparatur seines alten Volvo verzweifelte Gipser an einer dreiseitigen Forenbeschreibung, wie ein winziges Kühlröhrchen im Motorraum zu finden sei. Ein 45-sekündiges Video, in dem jemand einfach das Handy hineinhielt und auf die Stelle zeigte, erklärte alles auf einen Schlag.
Sein Appell an Unternehmen: Quält Kunden und Mitarbeiter nicht mit fünfseitigen PDFs, die ohnehin niemand liest. Auch Microsoft Teams bietet inzwischen einfache Clip-Funktionen für Videobotschaften.
Kein Budget-, sondern ein Ideenproblem
Das Fazit fällt klar aus:
- Unternehmen, die Video meiden, haben meist kein Budget- und kein Personalproblem, sondern ein Informations- und Ideenproblem.
- Informationsproblem: Sie wissen nicht, welche Formate es gibt und was möglich wäre.
- Ideenproblem: Sie sind sich nicht bewusst, an wie vielen Stellen wertvolles Wissen liegt, das sich per Video besser transportieren und konservieren lässt.
Ob Podcast-Themen, wiederkehrende Vertriebsfragen oder Erklärungen im Buying Center – die Inhalte sind in jedem Unternehmen längst vorhanden. Eine Vertriebsmitarbeiterin, die fünf verschiedenen Personen immer wieder dasselbe erklärte, war begeistert von der simplen Idee, das Angebot einmal als Video aufzunehmen. Es braucht, so Gipser, vor allem ein Umdenken und einen Perspektivwechsel in der Einstellung zur Kommunikation.