Viele Unternehmen liefern hervorragende Arbeit und haben einzigartige Angebote – und trotzdem kennt sie kaum jemand. Gleichzeitig sind soziale Netzwerke voll von belanglosen, oft KI-generierten Inhalten, während diejenigen mit echter Substanz unsichtbar bleiben. Im ersten Teil des Gesprächs mit Selling-Experte und Geschäftsentwickler Constantin Ragazzo im Podcast Video Reloaded geht es darum, warum Video im Marketing so wirkungsvoll ist, weshalb reine Reichweite in die Irre führt und in welchem "Spiel" mittelständische Dienstleister eigentlich antreten sollten.

Vom Musiker zum Marketing-Denker

Ragazzo beschreibt sich selbst als "eierlegende Wollmilchsau": Er kann vieles, war aber nur in einem Bereich wirklich in der Tiefe zu Hause – in der Musik. Als studierter Musiker, der Gitarre und Laute spielt, weiß er, was professioneller Anspruch bedeutet. Live auf der Bühne muss jeder Ton sitzen, sonst hört einem niemand mehr zu. Diese Erfahrung überträgt er auf seine heutige Arbeit: Statt sich in einzelne Spezialdisziplinen zu vertiefen, betrachtet er das Gesamtbild aus der Vogelperspektive – aus 30.000 Metern Höhe, wie er es nennt.

Sein großes Vorbild ist der Gitarrist Pat Metheny, den er als "Mozart des zwanzigsten und einundzwanzigsten Jahrhunderts" bezeichnet. Was ihn fasziniert: Metheny entwickelt sich ständig weiter, findet eine eigene, unverwechselbare Sprache und schließt das Neue, das er lernt, wirklich ab. Genau darin sieht Ragazzo eine Blaupause fürs Marketing.

Du hörst zwei Töne und Du weißt, es ist Pat Metheny. Das ist ja wie eine Hook. All diese Dinge sind da vereint – und genauso ist es im Marketing: Wie kannst Du etwas interessant machen, was ist die Hook von dem Ganzen?

Wenn Musik nur noch zusammengeklickt wird

Ragazzo und Podcast-Host Florian Gibser beobachten eine bedenkliche Entwicklung: Immer mehr Nachwuchsproduzenten können kein Instrument mehr spielen, sondern klicken Musik nur noch aus fertigen Samples zusammen oder lassen sich von KI-Werkzeugen ganze Songs generieren. Für Ragazzo geht dabei das Wesentliche verloren – der Moment, in dem man ein Instrument in die Hand nimmt und ein spontanes Gefühl ausdrückt.

Besonders kritisch sieht er ein psychologisches Phänomen: Wer sich Musik per Klick generieren lässt, hört zunehmend nur noch die eigens erzeugte Musik, isoliert sich von der Außenwelt und glaubt, es handle sich um die eigene Komposition. Das Ego wachse, obwohl keine eigene Leistung dahinterstehe. Genau diese Parallele zieht er zu Social Media: Auch dort dominierten inhaltsleere, generische Beiträge – Menschen, die eigentlich nichts zu sagen hätten, weder fachlich noch aus eigener Erfahrung.

Warum Video das wirksamste Medium ist

Video ist laut Ragazzo deshalb so wichtig, weil es die maximal mögliche Anzahl an Sinnesreizen anspricht: Sehen, Hören und Bewegung zugleich. Damit lassen sich gute Geschichten erzählen – und Storytelling sei im Marketing entscheidend, weil es darum gehe, Menschen zu stimulieren und zu beeinflussen.

Doch Video allein reicht ihm zufolge längst nicht mehr aus. Wer glaubt, ein kurzes Video zu produzieren und die Botschaft finde die richtigen Menschen von selbst, sei naiv. Wir leben in einer Aufmerksamkeitsökonomie, in der um jede Sekunde gekämpft wird. Entscheidend sei deshalb, vor der Produktion zu wissen, wo sich dieser Kampf überhaupt lohnt.

Die fünf Spiele der Sichtbarkeit

Der zentrale Fehler vieler Unternehmen: Sie fragen nach der Strategie, ohne ihr eigenes "Spiel" zu kennen. Nicht jedes Video verfolgt dasselbe Ziel. Ragazzo unterteilt die Möglichkeiten in fünf Felder:

  • Spiel 1 – Reine Unterhaltung: Ziel sind möglichst viele Augenpaare. Monetarisiert wird über Werbeeinnahmen und Markendeals. Man konkurriert jedoch mit Netflix, YouTube und anderen, braucht Millionen an Zuschauern und ist dem Algorithmus ausgeliefert.
  • Spiel 2 – Bildung als Unterhaltung: Die Zuschauer lernen etwas, etwa Kochen oder Investieren. Das Geschäftsmodell bleibt aber ähnlich riskant und erfordert gewaltige Zahlen.
  • Spiel 3 – Einfache Alltagsprodukte: Man verkauft Greifbares wie ein Sofa oder ein T-Shirt. Niemand braucht eine Erklärung, es zählen Reichweite, Ästhetik und der sofortige Kaufimpuls.
  • Spiel 4 – Erklärungsbedürftige Produkte: Etwa Proteinpulver, Finanzprodukte oder Software. Hier muss man eine Brücke bauen: das Problem erklären und zeigen, wie das Produkt es löst. Glaubwürdigkeit ist dabei größter Freund und größter Feind zugleich.
  • Spiel 5 – Experte trifft Unternehmen: Die Königsklasse für B2B-Agenturen, Berater, Videografen und Coaches.

Klasse statt Masse: das fünfte Spiel

Für Dienstleister, die komplexe Probleme lösen, gilt laut Ragazzo eine andere Logik. Hier geht es nicht um die Masse, sondern um die richtigen Menschen. Sein Rechenbeispiel: Drei Zuschauer, die 10.000 Euro Umsatz bringen, seien wertvoller als eine Million Zuschauer, die nur fünf Euro abwerfen.

In diesem Spiel ist Vertrauen alles. Und Vertrauen entsteht nicht durch einen kurzfristigen Dopaminstoß, wie ihn virale Aufmerksamkeit auslöst, sondern über Zeit. Der Zuschauer müsse spüren, dass man ein Meister seines Fachs sei – nicht durch leere Behauptungen, sondern durch Beweise. Das bedeutet: Wissen öffentlich teilen, echte Probleme sichtbar lösen und sich als Person zeigen.

Genau hier liege das Hauptproblem vieler Agenturen, so Ragazzo. Aus einer typisch deutschen Mentalität heraus hätten sie Angst, Wissen preiszugeben, weil die Konkurrenz es übernehmen könnte. Doch Vertrauen gewinne man nur durch Offenheit. Wer sich hinter einem Agentur-Logo verstecke, gehe in Zukunft unter.

Bau Vertrauen auf, zeig deine Fähigkeiten und sprich die richtigen 300 Menschen an. Das reicht. So viele Jobs kannst Du gar nicht bewältigen. Du brauchst nicht die Millionen, Du brauchst die richtigen Leute – der Rest kommt von ganz alleine.

Die Kernbotschaft des ersten Teils lautet daher: Video machen, aber wissen, für wen. Wer sein Geschäftsmodell versteht und im richtigen Spiel antritt, muss nicht der Reichweite hinterherjagen, sondern baut Sichtbarkeit dort auf, wo sie tatsächlich zu Umsatz führt. Der zweite Teil des Gesprächs folgt in der nächsten Woche.