Das Bewusstsein für Video ist im deutschen Mittelstand angekommen – doch der entscheidende Schritt zur strategischen Nutzung bleibt bei den meisten Unternehmen aus. Diese Beobachtung zieht Florian Gipser aus zahlreichen Gesprächen, unter anderem auf der Fachmesse All About Automation in Friedrichshafen. Zwischen der Erkenntnis, dass Video wichtig ist, und der tatsächlichen Integration in den Arbeitsalltag klafft weiterhin eine große Lücke.

Eine Anekdote, die vieles erzählt

Auf der Messe präsentierte sich Gipser mit einem mobilen Pop-up-Studio in Kooperation mit dem Veranstalter EasyFairs. Dort kam er mit einem Herrn Anfang 60 ins Gespräch, der Video kategorisch ablehnte: Videos klicke er sofort weg, das sei ein reines Generationending und koste nur Zeit. Sein Fazit: „Ich bin jetzt Anfang 60, hab noch ein paar Jahre, ich hab keinen Bock mehr, mich mit so neumodischem Kram zu beschäftigen.“

Später stellte sich heraus: Der Gesprächspartner war Leiter der Unternehmenskommunikation eines nicht ganz kleinen mittelständischen Maschinenbauunternehmens.

Für Gipser ist diese Haltung symptomatisch – auch wenn sie inzwischen zur Ausnahme wird.

Das Bewusstsein wächst – die Gründe sind überall gleich

Anders als in den Vorjahren erlebte Gipser auf der Messe klarere Aussagen: Den Unternehmen ist bewusst, dass sich das Informationsverhalten verändert hat und dass mehr Video nötig ist. Die genannten Gründe ähnelten sich stark:

  • steigender Preis- und Wettbewerbsdruck, gerade im internationalen Umfeld
  • zunehmende Schwierigkeit, Zielgruppen mit bisherigen Maßnahmen zu erreichen
  • veränderte Altersstrukturen: Während die Generation X eher auf persönliche Treffen, E-Mails und Telefonate setzt, reagieren jüngere Generationen stärker auf Video

Gerade die Generation Z sitzt inzwischen häufig in Führungs- und Entscheidungspositionen. Die etablierten Wege funktionieren zwar noch, aber schlechter als zuvor – während Vertrieb und Marketing komplexer werden.

Studios stehen still: Technik ohne Nutzung

Etwa die Hälfte der Gesprächspartner berichtete, bereits ein eigenes Studio und Equipment zu besitzen – oft angeschafft in der Corona-Zeit, als Messen und persönliche Kontakte wegfielen. Doch das Muster wiederholt sich: Nach Corona wurden die dafür eingestellten Teams zunächst verkleinert und schließlich entlassen. Die Studios stehen die meiste Zeit still, gelegentlich wird ein externer Videograf gebucht.

Gipser nennt ein Beispiel eines Unternehmens mit einem großen Greenscreen-Studio. Weil dieses ausschließlich für Greenscreen-Produktionen taugt und der Aufwand von Ausleuchtung über Dreh bis Postproduktion enorm ist, kommt es nur drei- bis fünfmal im Monat zum Einsatz. Es gibt keinen Prozess, der spontane Produktion ermöglicht – und damit keine Regelmäßigkeit und keine Wirkung.

Video als Projekt statt als Prozess

Der Kernfehler liegt für Gipser in der Denkweise: Video wird als technisches Projekt verstanden – Technik kaufen, Studio einrichten, mal ein Produktvideo oder Webinar produzieren, fertig. Er stellt dem eine andere Sichtweise entgegen:

Ich will euch gar kein Studio verkaufen. Der Kern meines Angebotes ist, dass ihr die Struktur, die Strategie und die Prozesse habt.

Das Studio sei lediglich das notwendige Werkzeug. Wer Video richtig versteht, fragt nach den Prozessen im Arbeitsalltag, die viel Zeit und Personal binden. Seine Beispiele:

  • Eine Leasingbank gibt dieselbe Software-Schulung monatlich mehrfach live – einmal professionell produziert, spart das dauerhaft Arbeitszeit.
  • Beim Onboarding eines Unternehmens ist eine Person pro Monat fünf Tage nur mit Einführungen beschäftigt. Im Workshop zeigte sich, dass mindestens die Hälfte der Inhalte über generische Videos vermittelt werden könnte.
  • Ein Mitarbeiter eines großen Molkereibetriebs erkannte spontan, dass der gigantische Aufwand für Maschinen-Wartungs- und Reinigungsschulungen sich per Video erheblich reduzieren ließe.

Kontinuität schlägt Perfektion

Ist Video erst als Alltagsprozess integriert, entsteht Kontinuität: regelmäßige Webinare oder monatliche Livestreams – Gipser nennt scherzhaft ein „Müller Maschinen TV“ jeden Donnerstag. Über Kanäle wie LinkedIn oder YouTube und den Netzwerkaufbau der Mitarbeitenden entsteht so eine Sichtbarkeit, die einzelne Werbeanzeigen nicht erreichen. Der zweite Vorteil: schnellere, kurzfristige Produktion aktueller Inhalte – ohne externe Abhängigkeit.

Ein zweiter beobachteter Trend: Der Perfektionsdruck lässt nach, zumindest auf Team-Ebene. Vielen Mitarbeitenden ist klar, dass Videos nicht hochglanzpoliert sein müssen – Authentizität und Menschlichkeit wirken oft stärker. Häufig gibt es jedoch einen Clash mit der Führungsebene, die weiterhin auf Perfektion besteht und Projekte deshalb blockiert. Auch hier sieht Gipser über die letzten Jahre eine Veränderung – Social Media habe gezeigt: Authentizität und Kontinuität schlagen Perfektion.

Vertrieb entlasten: Fragen beantworten, bevor sie gestellt werden

Für die Vorqualifizierung von Interessenten empfiehlt Gipser das Konzept aus dem Buch „They Ask, You Answer“ von Marcus Sheridan, dessen deutsche Übersetzung René Neubach besorgt hat (siehe auch Folge 211 des Podcasts). Die Idee: alle typischen Kundenfragen beantworten, lange bevor ein Beratungsgespräch stattfindet. Auf der Website stehen dann statt Werbefloskeln klare Informationen – flankiert von kurzen, ein- bis vierminütigen Videos zu den zehn häufigsten Fragen. Videos zu konsumieren, sei heute völlig normal geworden.

Fazit: Der letzte Sprung fehlt

Rund 90 Prozent der Unternehmen hätten inzwischen ein Bewusstsein für Video, so Gipsers Einschätzung. Was fehlt, ist der Schritt weg vom Auslagern und Einzelprojekt hin zu einer internen „Content Factory“. Sein eigenes Steckenpferd sei nicht die Hochglanz- oder Imagefilmproduktion, sondern Teams und Unternehmen so zu befähigen, dass sie ihre Videokommunikation einfach, schnell und in guter Qualität selbst umsetzen – gestützt auf über 20 Jahre Erfahrung im Schulen technikferner Menschen sowie langfristige Begleitung durch Schulungen und Online-Audits.