In einer besonderen Folge des Podcasts Video Reloaded spricht Host Florian Gipser mit seinem langjährigen Freund und Wegbegleiter Jens-Henning Gläsker über gemeinsame Jahre in der Musikbranche, den Wandel des kreativen Handwerks und die Frage, warum Musik heute so wenig monetären Wert besitzt. Gläsker bewegt sich seit Jahren an der Schnittstelle von Musikpädagogik, kreativer Produktion und digitaler Kommunikation – und blickt gemeinsam mit Gipser auf eine Zeit zurück, in der beide zahlreiche Projekte gemeinsam realisiert haben.
Zwischen Resilienz und Herzblut
Zum Einstieg reflektiert Gläsker, welche Fähigkeit er sich noch aneignen möchte: eine gewisse Resilienz und die Weisheit, zu unterscheiden, was man ändern kann und was nicht. Beide Gesprächspartner verbindet die Erfahrung, aus der kreativen Szene zu kommen und ihre Arbeitsumgebung bewusst zu gestalten. Gerade weil sie früher unter widrigen Bedingungen gearbeitet haben – Umziehen auf Kegelbahnen, Abbau bei Regen –, wissen sie eine wohltuende Arbeitsumgebung heute umso mehr zu schätzen.
Wir haben das ja nicht gemacht des Geldes wegen, weil das kann man definitiv dann nicht verdienen, sondern weil es Herzenssache war und Spaß gemacht hat.
Gemeinsame Projekte aus zwölf Jahren Studioarbeit
Kennengelernt haben sich beide 2015 an der Hochschule Ostwestfalen-Lippe während einer Projektwoche zum Thema Band-Recording. Daraus entwickelte sich eine langjährige Zusammenarbeit mit Workshops zu Drum-Programming, Songwriting und Songproduktion. Besonders prägend war die gemeinsame Arbeit für die Plattenfirma Zyx Music, für die Gipser zwölf Jahre als Hausproduzent tätig war. Die Aufträge waren klar umrissen: sogenannte Gebrauchsmusik in großer Bandbreite.
- Weihnachts-CDs im Zwei-Alben-Rhythmus
- Mittelaltermusik mit einer eigens gesuchten Band
- Allgäuer Stubenmusik, teils im Wohnzimmer aufgenommen
- Chill-out-Produktionen mit freigegebenen NASA-Weltraum-Sounds
- Karnevals- und Stimmungslieder als Coverversionen
- Kinderhörspiele und Titelsongs für Marken
Diese Aufträge, so betonen beide, waren solide bezahlt und boten planbare Budgets – ein Kontrast zur heutigen Realität der Branche.
Handwerk versus Klickkultur
Ein zentrales Thema ist der Verlust echten musikalischen Handwerks. Gipser schwärmt von Studiomusikern wie Steve Lukather, die als Teenager begannen und tausende Konzerte spielten, bevor sie in kürzester Zeit komplette Produktionen einspielten. Gläsker erinnert an die analoge Aufnahmetechnik mit Bandmaschinen und nur acht Spuren, bei der jeder Take saß oder man von vorne beginnen musste.
Heute werde dagegen zusammengeklickt und kopiert. Beide sehen darin einen Grund, warum viel aktuelle Musik belanglos wirke – sie habe keine Ecken und Kanten mehr. Selbst KI-generierte Songs betrachten sie differenziert: als brauchbare Gebrauchsmusik, aber ohne künstlerische Tiefe.
Warum Musik zum belanglosen Gut wurde
Die Diskussion dreht sich um die ökonomische Entwertung von Musik. Wo früher eine CD 20 bis 30 Mark kostete, bezahlt man heute rund 20 Euro monatlich für nahezu die gesamte Musik der Welt bei Streamingdiensten. Die Künstler erhalten davon fast nichts: Rund einen Cent für 500 Streams, den sich Künstler, Plattenfirma und Verlag teilen müssen. Den Großteil kassiere Spotify, das mittlerweile auch eigene KI-Musik pusht und so die Einnahmen zusätzlich abschöpft.
Beide räumen mit Mythen auf: Die Vorstellung, in der Musikbranche lasse sich leicht Geld verdienen, sei falsch. Ein Studiotag inklusive Technik und Personal koste oft nur 250 bis 350 Euro für zehn Stunden Arbeit – wirtschaftlich kaum tragbar. Die Demokratisierung der Produktionsmittel habe zwar den Zugang enorm erleichtert, den früheren Flaschenhals aber beseitigt, der zugleich als Qualitätsfilter fungierte.
Erfolg braucht mehr als Glück
Auf die Frage nach dem großen Durchbruch betonen beide: Erfolg setzt zwar Talent voraus, hängt aber stark von Glück, Timing und Geschäftssinn ab. Viele Musiker hätten eine innere Aversion gegen finanziellen Erfolg – geprägt durch eine Branche, die Geldverdienen mit Kommerz gleichsetze. Wer sich nicht als Business begreife und keine Netzwerke nutze, bleibe oft unsichtbar, selbst bei hohem Können.
KI als neue Bedrohung – auch für Sprecher
Der Wandel trifft nicht nur Musiker. Gipser berichtet von einem befreundeten Sprecher, dessen erfolgreiche Agentur wegen KI-Stimmen kurz vor der Insolvenz steht. Unternehmen zahlten die früheren Honorare nicht mehr oder böten an, die Stimme einmalig zu klonen. Auch die deutsche Synchronbranche, weltweit für ihre Qualität einzigartig, sieht sich durch Übersetzungs- und Klontechnologien bedroht. Beide bedauern, dass in Deutschland eher gegeneinander als gemeinsam gegen diese Entwicklung gearbeitet werde.
Sichtbarkeit, Reduktion und der Wert des Fokus
Gläsker beobachtet, dass viele seiner Schüler heute nicht mehr in einer Band spielen wollen, sondern Musik für sich selbst machen oder Videos für YouTube produzieren. Plattformen böten neue Wege zur Sichtbarkeit, könnten aber auch überfordern oder desillusionieren. Beim Lernen sei entscheidend, aus dem riesigen Angebot das Passende auszuwählen – hier komme die Rolle guter Lehrer ins Spiel, die Möglichkeiten aufzeigen statt Wissen aufzuzwingen.
Überraschend positiv bewertet Gläsker Online-Unterricht: Die technische Reduktion zwinge beide Seiten zu höherer Konzentration. Gipser bestätigt dies aus der Videokommunikation – viele Kunden bevorzugten kurze Videocalls gegenüber ausufernden Konferenzraum-Meetings. Einigkeit besteht auch beim Thema Equipment: Nicht die teuerste Technik zählt, sondern das Können. Wer auf einem einfachen Gerät gute Ergebnisse erziele, beherrsche die Methode – der Rest sei zweitrangig.