Während viele Handwerksbetriebe beim Thema Sichtbarkeit noch zögern, geht Igor Lang, Geschäftsführer und Gesellschafter von Evergreen Energiesysteme, einen anderen Weg: Er stellt sich selbst vor die Kamera, produziert Erklärvideos für Kunden und setzt Bewegtbild gezielt im Recruiting ein. Sein Ansatz wird bereits von Fachmedien als Best Case aufgegriffen. Im Gespräch mit Podcast-Host Florian Gipser erklärt er, wie strategisches Videomarketing im Handwerk funktioniert und welchen messbaren Effekt es auf Reichweite, Anfragen und Markenaufbau hat.

Warum ein Handwerker vor die Kamera geht

Für Igor Lang ist der Auftritt vor der Kamera kein Zwang, sondern etwas, das ihm Freude bereitet. Schon in der Schulzeit drehte er mit Freunden Videos, später produzierte er über Instagram täglich Content aus seinem Alltag. Diese Unbefangenheit hilft ihm heute im beruflichen Kontext.

Der YouTube-Kanal von Evergreen zählt inzwischen rund 400 Abonnenten und über 130 Videos – für einen Handwerksbetrieb ein beachtlicher Wert. Entscheidend ist für Lang jedoch die innere Haltung:

Wenn's mir keinen Spaß machen würde, würde ich's auch nicht machen. Dann würde ich jemanden einstellen, der das macht.

Er betont zugleich, dass er sich professionelle Leitplanken setzt: Der Content bleibt seriös, auch wenn im Team viel gelacht wird. Themen wie Politik oder Religion haben dabei keinen Platz – eine Regel, die auch im Kundenkontakt gilt.

Video als Vertrauensfaktor und Erklärhelfer

Der Einstieg in Videomarketing verlief bei Evergreen als schleichender Prozess. Ausschlaggebend war die Erkenntnis, dass sich viele Kundenfragen wiederholen. Nach einem ein- bis zweistündigen PV-Beratungsgespräch kann ein Kunde die vielen Informationen kaum an den Partner weitergeben, der beim Termin nicht dabei war.

Die Lösung: kurze Erklärvideos zu wiederkehrenden Themen wie Notstrom, dynamischen Stromtarifen oder der WLAN-Anbindung des Wechselrichters. Diese werden dem Kunden nach dem Angebot per Link zur Verfügung gestellt. So kommt die Information verlässlich an – und der Effekt geht über die reine Erklärung hinaus:

In dem Moment, wo ich in die Öffentlichkeit gehe und das Gleiche sage, festigt das noch mal, dass das, was ich sage, wahr sein müsste, weil sonst würde ich mich ja angreifbar machen.

Öffentlich zugängliche Videos stärken damit die Glaubwürdigkeit gegenüber dem Kunden und erhöhen gleichzeitig die Auffindbarkeit bei Google.

Zeitersparnis als unterschätzter Effekt

Ein zentraler Nutzen von Video ist die Entlastung des Teams. Wiederkehrende Fragen im Backend – etwa das erneute Verbinden des Wechselrichters mit dem Internet nach einem Routerwechsel – lassen sich per Video beantworten, bevor der Innendienst gebunden wird. Der Marketingmitarbeiter rechnet die "Sendezeit" der Videos sogar in eingesparten Arbeitstagen um.

Florian Gipser bestätigt diese Erfahrung aus dem B2B-Bereich: Erklärungsbedürftige Angebote lassen sich als Video so aufbereiten, dass auch nicht anwesende Entscheider denselben Informationsstand erhalten. Die wichtigsten Vorteile im Überblick:

  • Vertrauensaufbau: Öffentliche Aussagen wirken glaubwürdiger als reine Gesprächsversprechen.
  • Zeit- und Personalersparnis: Wiederkehrende Fragen und Prozesse werden einmal erklärt und immer wieder genutzt.
  • Zeitliche Unabhängigkeit: Kunden können sich Videos abrufen, wann immer sie Hilfe brauchen – auch sonntagnachmittags.
  • Onboarding und interne Prozesse: Von der Krankmeldung bis zur Hierarchie lassen sich Abläufe digital vermitteln, dank KI sogar in verschiedenen Sprachen.

So entstehen die Videos im Betrieb

Der Bedarf für ein neues Video zeigt sich meist in Teammeetings, wenn dieselben Themen immer wieder auftauchen. Das Backoffice hält fest, welche Fragen am häufigsten gestellt werden – dort ist der Hebel am größten. Anschließend setzen sich Marketing und die Fachkräfte, etwa der Elektromeister und das AC-Team, zusammen.

Für App-basierte Themen genügt oft eine Bildschirmaufnahme mit gesprochenem Kommentar. Der zuständige Videograf erstellt Skript und Umsetzung, ergänzt bei längeren Videos ein Inhaltsverzeichnis mit Zeitmarken, damit Kunden gezielt zum passenden Abschnitt springen können. Nach der Freigabe durch die Geschäftsführung wird das Video in die Arbeitsabläufe integriert – etwa als Link bei der Abschlussrechnung oder zur Erklärung des Marktstammdatenregisters.

Als größten Engpass nennt Lang schlicht die Zeit: Das operative Geschäft, ein Umzug und der Ausbau des SHK-Gewerks binden Ressourcen. Trotzdem gilt: Ohne Investition vorab keine Zeitersparnis später.

Recruiting: Authentizität schlägt Perfektion

Beim Thema Mitarbeitergewinnung setzt Evergreen auf Social-Media-Anzeigen mit Videos. Der Betrieb hat einen großen Backlog bei Wärmepumpen – es wird mehr verkauft als monatlich aufgebaut werden kann. Gute Fachkräfte zu finden, ist entsprechend zentral. Lang führt die Vorstellungsgespräche überwiegend selbst.

Seine wichtigste Erkenntnis: Aufwendig produzierte Videos performen im Recruiting schlechter als spontane, authentische Aufnahmen.

Wenn ich mich hinsetze oder ich fahr Bulli und film mich nebenbei und spreche in die Kamera, und es ruckelt auch noch dreimal dabei, dann hat man auf einmal den Bewerber.

Der Grund liegt auf der Hand: Bewerber können sich mit dem realen Arbeitsalltag identifizieren. Ergänzend produziert das Unternehmen inzwischen Mitarbeiter-Testimonials und dokumentiert Teamevents wie Paintball- oder Kart-Fahren auf dem YouTube-Kanal. Diese Videos zeigen, dass hinter dem Betrieb Menschen mit Persönlichkeit stehen – und wirken im Bewerbungsprozess nach: Kandidaten sprechen die Events aktiv an, weil sie sie online gesehen haben.

Sein praktischer Tipp: Es braucht weder eine teure Kamera noch eine Agentur. Skripte lassen sich mit KI-Werkzeugen schnell erstellen, die Frontkamera des Smartphones genügt. Entscheidend ist, überhaupt anzufangen und bei Team-Events einfach die Kamera mitzunehmen.

Fazit: Nutzen vor Selbstzweck

Das Gespräch macht deutlich, wie groß das Potenzial von Video im Handwerk ist – und wie selten es genutzt wird. Laut Digitalisierungsexperten denken weniger als zehn Prozent der deutschen Handwerksbetriebe so modern wie Evergreen. Igor Langs Beispiel zeigt, dass es dabei nicht um teures Equipment geht, sondern um konsequenten Einsatz mit klarem Ziel: mehr Vertrauen, weniger Zeitaufwand und ein authentischer Auftritt als Arbeitgeber.