Als die Pandemie Präsenzveranstaltungen unmöglich machte, stand die DQS – die Deutsche Gesellschaft zur Zertifizierung von Managementsystemen – vor einer Frage, die viele Unternehmen kennen: Wie erreicht man Kunden und Mitarbeitende, wenn das persönliche Treffen wegfällt? In einer Folge des Podcasts Video Reloaded von Florian Gibser berichtet Johanne Fuhlrott, Managerin für Performancemarketing und SEO bei der DQS, wie aus wackeligen Webcam-Webinaren ein professionelles Corporate Studio wurde – und warum die Reise noch lange nicht zu Ende ist.
Was die DQS eigentlich macht
Um die Bedeutung des Themas zu verstehen, hilft ein Blick auf das Geschäftsmodell. Die DQS zertifiziert Managementsysteme. Es gibt kein Produkt, das man kaufen kann, sondern eine Dienstleistung, die nicht greifbar ist. Auditoren gehen in Unternehmen und prüfen etwa das Qualitätsmanagement gegen die Norm ISO 9001 oder Regelwerke in den Bereichen Umwelt, Informationssicherheit, Automobilindustrie und Medizintechnik. Erfüllt ein Unternehmen die Anforderungen, wird ein Zertifikat erteilt.
Damit steht die DQS im Wettbewerb mit Marktbegleitern wie TÜV und Dekra – nur eben ohne Autos, Häuser oder Produkte, sondern rein auf Prozesse und Systeme fokussiert. Der Anspruch an Qualität steckt bereits im Namen und prägt auch die Kommunikation nach außen.
Von hemdsärmelig zu professionell
Erste Webinare gab es schon vor Corona, doch nicht in dieser Konsequenz. Häufig fehlte auf Kundenseite sogar die Technik zum Teilnehmen. Die Pandemie wirkte als Initialzündung: Zunächst behalf man sich mit einer wackeligen Webcam, ohne richtige Mikrofone, mit Raumatmo und einem Roll-up als vermeintlicher Rückwand im Besprechungsraum. „Da geht was“, war die Erkenntnis – doch das improvisierte Setup gab schlicht nicht mehr her.
Als Großveranstaltungen mit mehreren hundert Teilnehmenden dazukamen und man in der Moderation Angst haben musste, dass eine Rückwand umfällt, war klar: So funktioniert es nicht weiter. Die eigentliche Herausforderung lag nie beim Inhalt, sondern bei der Technik und dem professionellen Anspruch.
Unsere Dienstleistung findet auf Augenhöhe mit unseren Kunden statt, und wir können nicht im Marketing, Weiterbildung oder Webinar darunter performen.
Der Kontakt zum Studio-Dienstleister entstand über einen LinkedIn-Post – der erste Austausch fand im Sommer 2024 statt, der Workshop im Frühjahr 2025, und im Juni wurde das Studio am heißesten Tag des Jahres in einem gekühlten Kellerraum der IT eingerichtet.
Die Anforderungen an das neue Studio
Bevor gebaut wurde, standen klare Kriterien fest. Fuhlrott fasst die wichtigsten Punkte zusammen:
- Einfachheit: Idealerweise ein Knopf, und es läuft. Auch Kolleginnen und Kollegen ohne Technikaffinität sollen das Studio bedienen können, ohne Angst haben zu müssen, etwas kaputtzumachen.
- Ein geschützter Raum: Ein abgeschlossener Raum nimmt den Referenten die Hemmung, sich beobachtet zu fühlen – anders als in einem Besprechungsraum mit Glastür.
- Modularität und Skalierbarkeit: Moderation vor Ort, Referenten remote, kleine wie große Formate mit mehreren Personen – all das ohne aufwändigen Umbau.
- Höhere Frequenz: Die Webinare sollten deutlich hochgefahren werden, ohne Räume zu blockieren oder große Testläufe vorzuschalten.
Was sich seither entwickelt hat
Die Ergebnisse sprechen für sich. Die Webinare laufen mittlerweile eigenständig – teils mit mehreren hundert Teilnehmenden an einem Vormittag. Der große Onlinekongress im November erhielt beim Feedback ausdrücklich Lob für die verbesserte Technik bei Kamera, Licht und Ton. Für Auditoren starten umfangreiche Trainings, national und international, über verschiedene Zeitzonen mit mehreren Referenten.
Entscheidend: Wo früher mindestens drei bis vier Personen – inklusive IT – für ein Webinar gebunden waren, läuft es heute weitgehend autark. Das verbessert nicht nur die Kosten-Nutzen-Rechnung, sondern macht das Team schneller. An drei bis fünf Tagen pro Woche wird das Studio genutzt, teils morgens und nachmittags.
Zugleich beobachtet Fuhlrott einen Wandel in der Präsentationskultur: weg vom „betreuten Vorlesen“, hin zu dynamischeren, frischeren Formaten. Weitere Abteilungen zeigen Interesse – von HR über Sales bis zur Geschäftsführung, die Videobotschaften statt E-Mail-Grüßen erwägt.
Die nächsten Schritte
Der Raum ist noch nicht fertig. Neben der bestehenden Ecke mit zwei Kameras und Ansteckmikrofonen für Webinare und Konferenzen soll eine rund fünf Meter breite Wand im 90-Grad-Winkel bespielt werden – mit zwei weiteren ferngesteuerten PTZ-Kameras und eigenem Lichtsetup. Damit werden Gesprächsrunden, kurze Interviewformate für die interne Kommunikation und perspektivisch auch Podcasts möglich. Der Gedanke dahinter: komplexe Inhalte über Menschen und Emotionen greifbarer machen als über eine reine Folie.
Ihr großer Wunsch für die kommenden Monate ist weniger die reine Auslastung – die sei bereits gut – als vielmehr die Vielfalt: dass möglichst viele Abteilungen das Potenzial des Studios für sich erkennen und nutzen.
Ratschläge für Unternehmen am Anfang
Für Unternehmen, die selbst am Beginn dieser Reise stehen, hat Fuhlrott klare Empfehlungen:
- Mut haben – auch zu Investitionen, denn ein Studio ist eine Investition.
- Früh viele Abteilungen einbinden und nach deren Bedarf fragen. Je mehr Unterstützer den Mehrwert für ihren Bereich sehen, desto leichter fällt die Kosten-Nutzen-Rechnung.
- Frei denken und Ideen sammeln – von Sales-Pitches über Videobotschaften bis zum Onboarding remote arbeitender Kollegen.
- Langen Atem beweisen, denn es ist ein Prozess, keine Entscheidung, die man heute trifft und morgen umsetzt.
- Fehlendes Know-how aneignen – etwa durch Medientraining zum Auftreten vor der Kamera.
Auf die Frage, warum viele Unternehmen Videokommunikation noch nicht auf dem Schirm haben, verweist Fuhlrott auf fehlende Kenntnis der Möglichkeiten und eine mangelnde Transferleistung: Videotelefonie im Privaten ist längst normal, doch die Übertragung auf die geschäftliche Kommunikation nach außen fehlt oft.
Es ist immer ein Mensch, der erzählt, warum Dinge funktionieren oder nicht funktionieren, glaubwürdiger als ein PDF-Datenblatt.
Jüngere Generationen machten es vor: Sie informieren sich über Produkte, Reisen und Autos per Video – für sie gebe es keine Trennung mehr zwischen privat und beruflich. Ihr Fazit: „Du kommst da einfach nicht mehr drum herum, wenn Du nicht irgendwann ganz hinten stehen willst.“