Im Wettbewerb um Talente reicht ein glattgebügelter Imagefilm längst nicht mehr aus. Recruitingstratege und Employer-Branding-Profi Markus Ollig ist überzeugt, dass Authentizität und klare Kommunikation der Schlüssel sind, um aus einer unbekannten Firma – einer No Brand – eine begehrte Love Brand zu machen. In der Folge von Video Reloaded mit Host Florian Gibser erklärt er, warum Bewegtbild dabei ein so wirkungsvolles Werkzeug ist, welche Fehler Unternehmen immer wieder machen und worauf es beim Einsatz von LinkedIn und Video ankommt.
Warum Sichtbarkeit über Erfolg oder Misserfolg entscheidet
Der Begriff der No Brand entstand aus einer eigenen Erfahrung: Bei einem früheren Arbeitgeber fehlte Ollig zufolge schlicht die Sichtbarkeit im Arbeitnehmermarkt. Die Konsequenz ist teuer. Wer als Arbeitgeber nicht wahrgenommen wird, findet keine Bewerber, muss über Stellenanzeigen, Headhunter oder Active Sourcing nachhelfen und produziert damit hohe Kosten. Gerade im Mittelstand fehlen für viele dieser Wege die Kapazitäten.
Die gute Nachricht: Der Weg von der No Brand zur Love Brand erfordert laut Ollig gar nicht so viele Stellschrauben. Bewegtbild kann diesen Wandel besonders schnell auslösen – vorausgesetzt, es ist echt. Ein weiterer Vorteil: Steigende Sichtbarkeit wirkt auf mehrere Bereiche gleichzeitig. Ein Format, das ehrliche Einblicke gibt, bedient sowohl Marketing und Vertrieb als auch das Recruiting, ohne dass man für jeden Zweck ein eigenes Video produzieren müsste.
Authentizität statt Hochglanz
Menschen wollen keine Hollywood-Produktionen, in denen die Kamera hinter der Büropflanze auf einen kaffeetrinkenden Mitarbeiter schwenkt. Genau dieses Muster kritisiert Ollig scharf – ebenso wie austauschbare Karriereseiten und Stellenanzeigen, auf denen überall dasselbe steht: bestes Team, kostenloser Kaffee, Kicker, Zusammenhalt.
Was die Menschen wollen, sind keine Hochglanzfilme, sondern authentische Einblicke von Mitarbeitenden – auch gerne mal mit dem Handy gefilmt. Einfach wahre Geschichten nach außen tragen.
Gibser bestätigt die Beobachtung aus eigener Praxis. Er berichtet von einem international bekannten Unternehmen, dessen europäischer Geschäftsführer ihm die glattgebügelten US-Videos des Mutterkonzerns ausdrücklich als Negativbeispiel schickte. Der große Fehler vieler Firmen: Sie arbeiten mit Schauspielern und Stockfotos statt mit echten Mitarbeitenden – obwohl diese das eigentliche Gesicht des Unternehmens nach außen sind.
- Keine Stockfotos und keine gestellten Shootings vor dem Flipchart.
- Echte Mitarbeitende zu Wort kommen lassen – vom Werkstudenten bis zur Führungskraft.
- Emotionen zeigen, etwa von Firmenevents, wo gelacht wird und Menschen interagieren.
Frei sprechen statt ablesen
Das größte Übel vor der Kamera ist das Ablesen. Ollig schildert ein Imagevideo, in dem eine Mitarbeiterin durchgehend vom Teleprompter ablas – der Blick ging nach unten, der Effekt war zerstört. Emotionen entstünden nur, wenn Menschen frei sprechen dürfen, auf Basis einer Grundstruktur, aber ohne fertig gescripteten Text.
Gibser ergänzt aus jahrelanger Produktionserfahrung mit Trainings- und Schulungsvideos: Wer einen Text auswendig lernt, ist meist nicht mehr zu retten. Am besten funktionieren zwei Gruppen – jene, die frei erzählen, und jene, die nur mit Stichpunkten neben der Kamera arbeiten. Ein praktischer Tipp beider Gesprächspartner: Wenn sich Mitarbeitende schwer öffnen, hilft es, sie zunächst über ihre Hobbys oder Kinder erzählen zu lassen. Dann verändert sich die Körperhaltung, und die Menschen strahlen.
Ollig warnt jedoch davor, Kolleginnen und Kollegen vor die Kamera zu zwingen. In jedem Unternehmen fänden sich mindestens fünf bis zehn Mitarbeitende, die Lust darauf haben – man müsse nur suchen und nicht automatisch nur Führungskräfte auswählen. Sein eigenes Format "Neulich am Rhein", in dem er Mitarbeitende zu ihren Hobbys interviewte, kam gerade wegen dieser Authentizität besonders gut an.
LinkedIn: Chancen nutzen, Ausreden fallen lassen
Auch konservativeren Branchen wie dem Maschinenbau rät Ollig ausdrücklich zur Nutzung von LinkedIn. Typische Einwände – man wisse nicht, was man posten solle, die Mitarbeitenden hätten nur wenige Follower oder keine Zeit – lässt er nicht gelten. Wenn ein Thema brennt und Interaktionen entstehen, regelt der Algorithmus die Reichweite. Ein guter Post entsteht seiner Erfahrung nach in rund 15 Minuten, und Beiträge lassen sich zeitlich planen.
Beide Gesprächspartner kritisieren Führungskräfte, die aktive Mitarbeitende ausbremsen oder gar abmahnen – man schieße sich damit selbst ins Knie. Ollig nennt weitere häufige Fehler:
- Corporate-Influencer-Programme werden gelauncht, aber nicht am Leben gehalten. Die Menschen brauchen Guidance, eine Community und regelmäßige Impulse.
- Fehlende Interaktion: Wenn Mitarbeitende posten, reagieren weder das Unternehmen noch die Kollegen.
- Sich selbst unter Druck setzen und lieblose Clickbait-Posts absetzen. Besser gar nicht posten, als etwas ohne Tiefgang.
Gibser ergänzt, dass reine Unternehmensseiten und bezahlte Anzeigen bei LinkedIn oft Geldverschwendung seien, weil die Reichweite ausbleibe. Positiv sehen beide, dass die Algorithmus-Updates des vergangenen Jahres Tiefgang statt reiner Reichweite belohnen. Ollig berichtet, wie ein spontaner Post über eine Kandidatin, die sich für eine Absage bedankte, überraschend rund 50.000 Impressions erzielte – manchmal trifft ein ehrliches Thema den Nerv der Community.
Der Ausblick: Zielgruppe kennen und passendes Medium wählen
Auf die Frage nach dem wichtigsten Tipp für 2026 nennt Ollig den Grundsatz: Kenne deine Zielgruppe. Viele Unternehmen wüssten schlicht nicht, wo sich ihre potenziellen Mitarbeitenden aufhalten. Sein Rat: mit Personas arbeiten, die eigenen Profile analysieren und dann gezielt die richtigen Kanäle bespielen – ob Stepstone, Indeed, Reddit, Stack Overflow oder TikTok.
Entscheidend sei der Einklang von Kanal und Medium. Wer bei TikTok ein Stockfoto zur Suche nach einem Brandmanager postet, wird scheitern. Sichtbar bleibt 2026, wer seine Zielgruppe dort abholt, wo sie ist – und dabei auf authentisches Bewegtbild statt auf Hochglanz setzt.
Neben seiner Arbeit im Recruiting im Großraum Köln moderiert Ollig den "Flüstertüte HR"-Podcast, in dem er bewusst nicht nur CEOs, sondern auch ganz normalen HR-Praktikerinnen und -Praktikern eine Stimme gibt und Themen von Employer Branding über Recruiting bis Personalentwicklung beleuchtet.