Was passiert, wenn ein Softwareunternehmen ein komplettes Fußballstadion mietet, um Handwerkerinnen und Handwerker zusammenzubringen? In einer Folge von Video Reloaded spricht Host Florian Gipser mit Niklas Palm, Head of Business Development bei Hero Software und Organisator der HeroCon, über Sichtbarkeit im Handwerk, den Aufbau eines neuen Branchenevents und die Rolle von Podcast und Videocast. Palm war ursprünglich Auftraggeber für ein mobiles Pop-up-Studio, in dem an zwei Tagen 23 Podcast-Folgen entstanden – aus der Zusammenarbeit wurde eine Freundschaft.
Was die HeroCon ist
Die HeroCon fand im Mai erstmals statt und versteht sich als Handwerker-Event des Jahres. 750 Handwerker kamen in Dortmund zusammen, das komplette Stadion wurde gemietet, Bühnen wurden in die Tribüne gebaut, ShowAct inklusive. Der interne Arbeitstitel, so Palm, sei ambitioniert: die HeroCon solle die "OMR für Handwerker" werden – eine Mischung aus Festival, Weiterbildung und echtem Netzwerken.
Der Bedarf sei da, weil es im Handwerk kaum vergleichbare Formate gebe. Klassische Messen, ein eher politisch ausgerichteter Kongress, purpose-getriebene Communities ohne Business-Kontext und Barcamps, die durch ihr Format klein bleiben – all das decke den Anspruch der HeroCon nicht ab. Ziel sei es, aus sehr guten Handwerkern sehr gute Unternehmer zu machen und die Strahlkraft der Branche zu erhöhen, gerade angesichts des Fachkräftemangels.
Software, die sich öffnet statt Mauern baut
Hinter dem Event steht Hero Software, nach eigenen Angaben Marktführer bei Handwerker-Software im deutschsprachigen Raum. Palm betont, dass auf der Bühne bewusst nicht das eigene Produkt dominiert habe – von 65 Vorträgen hätten nur zwei Sessions eine Hero-Software-Beteiligung gehabt. Die Strategie folge einem klaren Prinzip: Statt jede Funktion selbst zu bauen, sollen sich Partnerlösungen andocken lassen.
Ein kluger Spruch von meinem Opa ist immer: Wer alles ein bisschen kann, kann nichts richtig. Wir wollen gerne die Kernprozesse im Handwerk richtig können.
Die Anforderungen seien je nach Gewerk sehr unterschiedlich – wer PV-Anlagen installiert, brauche andere Werkzeuge als jemand, der eine Heizlastberechnung für eine Wärmepumpe erstellt. Buchhaltung etwa überlasse man lieber spezialisierten Anbietern, statt sie mit einem kleinen Team nachzubauen. Palms Fazit: "Umgib dich mit starken Partnern und du wirst stärker. Mauern bauen hat bisher nicht so häufig erfolgreiche Systeme hervorgebracht."
Sichtbarkeit: der eigentliche Effekt des Events
Ein zentrales Thema des Gesprächs ist Sichtbarkeit – für die Marke ebenso wie für die Handwerksbetriebe selbst. Das Event erzeugte laut Palm hohe zweistellige Millionen-Impressionen, praktisch ohne zusätzliche Kosten. Auf den Videoleinwänden im Stadion wurden die Gesichter von Influencern und Teilnehmern gezeigt, was Kettenreaktionen auf Social Media auslöste.
Der Nachschub an nutzergeneriertem Content war so groß, dass das Team seine eigene Content-Strategie über den Haufen warf und im Wesentlichen nur noch repostete. Palm hebt hervor, dass viele der anwesenden Unternehmer den Fachkräftemangel gar nicht kennen, weil sie über Social Media sichtbar sind, digital aufgestellt arbeiten und Talente anziehen. Für einen 16- oder 17-Jährigen mache es einen Unterschied, ob ihn Klemmbretter oder ein Betrieb mit eigenem Dienstwagen und iPad erwarte.
- Die HeroCon versteht sich als unabhängige Plattform, nicht nur als Marketinginstrument für Hero Software.
- Drei Gruppen müssen langfristig zufrieden sein: Handwerker, Speaker sowie Partner und Sponsoren.
- Bewusst soll das Event nicht auf OMR-Größe wachsen, um die Qualität zu erhalten.
Corporate Influencer und Unternehmenskultur
Gipser nutzt das Gespräch, um für Sichtbarkeit von Mitarbeitenden zu werben. Hero Software habe kein offizielles Corporate-Influencer-Programm, sei aber ein gutes Beispiel dafür, wie viele Teammitglieder auf LinkedIn und Instagram in die Öffentlichkeit gehen. Palm distanziert sich von der These, ein Unternehmen sei wie eine Familie – Freunde könne man sich aussuchen, Familie nicht.
Stattdessen beschreibt er eine Kultur mit flachen Hierarchien: In Runden mit Gründern, Direktoren und Mitarbeitenden merke man oft nicht, wer wo in der Hierarchie stehe, weil um die beste Lösung diskutiert werde. Das Unternehmen wachse jährlich um 100 Prozent, arbeite in einem stark umkämpften Markt und setze auf Transparenz – auch wenn etwas schiefläuft, werde das direkt angesprochen.
Podcast, Videocast und der Ausblick auf 2026
Der HeroCon-Podcast entstand aus einer spontanen Entscheidung Palms, die anwesenden Speaker direkt vor Ort in das Studio zu bitten. Moderiert wird das Format vom erfahrenen Moderator Robert. Das Feedback sei durchweg positiv, die Wiedergaben lägen für den Start im Handwerk im dreistelligen Bereich pro Folge. Gipser empfiehlt, den Content für Snippets zu nutzen und das entstandene Netzwerk zu pflegen, statt Produktschlachten zu inszenieren.
Für die kommende Ausgabe kündigt Palm einige Neuerungen an. Auf dem Parkplatz entsteht eine öffentliche, kostenfreie Area mit Azubi-Bereich, Action Area zum Ausprobieren von Maschinen und Tools sowie einer Mobilitäts-Area zum Probefahren. Das Event fällt zeitlich auf den 12. und 13. Juli, die ersten beiden Spieltage der Fußball-WM.
Als prominente Gäste konnte das Team Nobby Dickel gewinnen, langjähriger Stadionsprecher in Dortmund, der die Hauptbühne moderiert. Als Speaker kommt Oliver Kahn, den Palm als erfolgreichen Unternehmer und Mann der klaren Kante beschreibt. Am zweiten Tag tritt auf Einladung des Hauptsponsors Hans Schäfer Workwear der Schauspieler Ralf Möller auf, der mit der Initiative "Motivation Handwerk" über Disziplin und Nachwuchsgewinnung sprechen wird. Wichtig sei Palm dabei: Kein Prominenter komme über den Hintereingang – jeder Gast stehe für Fragen, Diskussion und Fotos zur Verfügung und schaue auch im Podcast-Studio vorbei.
Trotz des "Glamourfaktors" bleibe die inhaltliche Substanz im Vordergrund. Ziel sei es, das Event mit der höchsten Wissensdichte im Handwerk zu bleiben – eine bewusst einkalkulierte Überforderung mit Themen rund um Digitalisierung, KI, Fachkräfte und zunehmend auch Nachfolge, alles unter der Klammer der digitalen Transformation.