Das Handwerk steht vor doppelten Herausforderungen: Fachkräftemangel auf der einen, veraltete und ineffiziente Prozesse auf der anderen Seite. In einer Folge des Podcasts Video Reloaded von Florian Gibser spricht Chris Möck, Mitgründer der Agentur Clever Workflows, über die Chancen digitaler Prozesse und den gezielten Einsatz von Video im Marketing. Sein Team unterstützt Handwerks- und Industriebetriebe bei der Digitalisierung von Prozessen, Vertrieb und Marketing – mit inzwischen über 100 Kunden und mehr als 600 umgesetzten Workflows.

Vom Nebenprojekt zur Agentur

Die Geschichte von Clever Workflows begann im eigenen Handwerksbetrieb von Möcks Geschäftspartner. Dieser suchte nach planbaren Wegen zur Neukunden- und Mitarbeitergewinnung sowie nach digitalen Prozessen. Möck, damals im Marketing eines Softwareunternehmens tätig, half zunächst ein Jahr lang kostenlos beim Aufbau von Website und Funnels. Als das so gut funktionierte, entstand daraus eine Agentur.

Der Ansatz: Betrieben aus der Region – vor allem im Handwerk – zeigen, wie regionales Marketing funktioniert und welche Systeme und Prozesse sinnvoll sind. Aus dem regionalen Angebot wurde ein bundesweites Geschäft.

Authentizität schlägt Hochglanz

Beim Videomarketing setzt Möck bewusst auf Alltagsnähe statt aufwendiger Produktionen. Neben dem Dokumentieren des Arbeitsalltags empfiehlt er vor allem Kundentestimonials – aber ohne Kinokamera und Schnitt.

Sich einfach mal neben den Kunden stellen, die Selfie-Kamera zücken und den Kunden in die Kamera sprechen lassen, warum er sich für uns entschieden hat. Authentischer geht es in der heutigen Zeit gar nicht mehr.

Der Marketingmix bleibt dennoch breit: Über 50 Prozent des Budgets fließen in Social Media, der Rest verteilt sich auf klassische Kanäle wie Zeitungsanzeigen, Vereinssponsorings und Messen. Bei der eigenen Zielgruppe – kaufkräftige Eigenheimbesitzer mit Interesse an Photovoltaik und Wärmepumpe – funktioniere etwa die Zeitung überraschend gut.

Das Digitalisierungsproblem: Insellösungen ohne Schnittstellen

Bei den Prozessen zeichnet Möck ein ernüchterndes Bild vieler Betriebe. Typisch sei eine lokale Branchensoftware auf einem Server im Keller, auf die Handwerker mobil kaum zugreifen können. Fotos von der Baustelle landen per WhatsApp oder E-Mail beim Chef, statt direkt im System.

  • Eine lokale Primärsoftware ohne mobile Einsatzfähigkeit
  • Fünf bis sechs Insellösungen für Detailprobleme, jeweils 40 bis 100 Euro pro Monat
  • Doppelte Datenerfassung, weil Schnittstellen fehlen
  • Kaum Automatisierung

Gerade jüngere Mitarbeiter, so Möck, seien den permanenten Zugriff auf Informationen gewohnt – Stichwort ChatGPT. Wer sie mit Methoden aus dem zwanzigsten Jahrhundert arbeiten lasse, riskiere Frust und Abwanderung. Möck schätzt, dass sich nur zwischen 10 und 20 Prozent der Handwerksbetriebe aktiv mit digitalem Marketing beschäftigen – beim Thema Prozessdigitalisierung sei die Awareness zwar da, das echte Verständnis für moderne Softwarelandschaften fehle jedoch oft.

Wo sich die Digitalisierung besonders lohnt

Den größten Wirkungsgrad sieht Möck bei Betrieben zwischen 10 und 50 Mitarbeitern – dort, wo gewachsene Strukturen, Insellösungen und fehlende Automatisierung aufeinandertreffen. Sein Vorgehen beginnt nicht mit einer Softwareempfehlung, sondern mit einer umfangreichen Ist-Analyse von über 100 Fragen. Erst danach folgt die Implementierung.

Ein zentraler USP: Clever Workflows arbeitet plattform- und markenunabhängig und schaut sich den gesamten Markt an, bevor eine Empfehlung ausgesprochen wird. Auch komplexe Detailfälle wie die Anbindung von Kassensystemen werden nicht gescheut. Blind eine Software zu kaufen, warnt Möck, führe schnell dazu, dass Geld verbrannt werde.

Handwerk als unterschätzter Karriereweg

Ein Exkurs des Gesprächs drehte sich um den gesellschaftlichen Wert von Ausbildung und Studium. Möck teilt die Beobachtung, dass ein selbstständiger Weg im Handwerk sich oft mehr lohne als ein langes Studium ohne planbare Perspektive. Besonders spannend sei die Kombination: Wer eine handwerkliche Ausbildung mit BWL-Kenntnissen verbinde, bringe beide Perspektiven mit und vermeide blinde Flecken. Denn ein Handwerker, der sein Kerngewerk beherrscht, muss sich zusätzlich um Vertrieb, Marketing und Finanzcontrolling kümmern – eine kaum zu bewältigende Aufgabe.

Auch beim Thema Betriebsübernahme sieht Möck Chancen: Alte Betriebe ohne Nachfolger digitalisieren teils gezielt, um bei einem späteren Verkauf einen höheren Unternehmenswert zu erzielen.

Umgang mit Skepsis: Klare Ansage statt Honig ums Maul

Nicht jeder Betrieb reagiert begeistert auf Digitalisierung, Marketing oder Sichtbarkeit. Möck begegnet der Skepsis mit Selbstbewusstsein und Klartext. Wenn ein Kunde vor der Kamera stehen soll, dann werde das gemacht – notfalls mit einem Kaffee mehr bei 50 Versprechern. Seine Erfahrung: Bei großen Kfz-Werkstätten seien Monteure beim ersten Termin skeptisch, beim dritten Besuch hätten alle Lust, mit dem Team eine neue Challenge abzudrehen.

Drei Tipps für den Einstieg

Zum Abschluss gibt Möck jeweils einen Tipp pro Kategorie:

  1. Video: Nutze dein Handy und poste. Erst ab einer gewissen Unternehmensgröße lohnt sich hochwertige Produktion, um Seriosität zu signalisieren. Kleinere Betriebe sollten mit dem Smartphone starten und schnell ein Gefühl für Resultate entwickeln.
  2. Marketing: Frage nicht nur, was du kannst, sondern was der Kunde will. Statt eines nichtssagenden "Herzlich willkommen" auf der Website gehört die Sprache auf Ängste, Nöte und konkrete Lösungen ausgerichtet.
  3. Digitalisierung: Setze aufs richtige Pferd bei der Branchensoftware. Lieber eine externe Meinung einholen, einen längeren Testzeitraum nutzen und von Anfang an definieren, welche Funktionen wirklich gebraucht werden.

Am Ende, so das Fazit von Gastgeber und Gast, sei die Entwicklung nicht aufzuhalten – ähnlich wie beim Thema KI. Wer den Kopf in den Sand stecke, riskiere, abgehängt zu werden. Oder wie es im Podcast heißt: Wer nicht mit der Zeit geht, beginnt mit der Zeit.