Sichtbarkeit entsteht nicht über Nacht – und schon gar nicht über spektakuläre Reichweitenrekorde. Das ist eine der zentralen Botschaften aus dem Gespräch zwischen Podcast-Host Florian Gibser und René Rodig, im Netz besser bekannt als Mister Licht. Rodig ist gelernter Elektroinstallateur, hat über ein Studium der Elektrotechnik den Weg in den Vertrieb gefunden und positioniert sich heute mit kurzen, klar strukturierten Erklärvideos auf LinkedIn, Instagram und YouTube als Experte für Beleuchtung. Sein Ansatz zeigt, wie aus fachlicher Kompetenz eine Personenmarke werden kann – und wo im deutschen Mittelstand die größten Hürden liegen.
Wie aus einem Fachmann "Mister Licht" wurde
Den Einstieg in LinkedIn fand Rodig während der Corona-Zeit. Als Vertriebler konnte er seine Zielgruppe – Planer und Architekten – nicht mehr persönlich besuchen. Seine Frau, die aus dem B2B-Marketing kommt, brachte ihn auf die Idee, den bislang brachliegenden Kanal ernsthaft zu bespielen. Aus Workshops, Einlesen und stetigem Ausprobieren entwickelte sich Schritt für Schritt ein eigener Auftritt.
Der Name "Mister Licht" entstand aus einem Brainstorming, als Hashtags auf LinkedIn noch relevant waren – man suchte einen unverwechselbaren Begriff. Vor rund drei Jahren wurde die Marke etabliert. Rodigs Videos erklären komplexe Themen verständlich, etwa was Entblendung bedeutet oder wie ein Datenblatt zu lesen ist. Bewusst hält er die Inhalte herstellerneutral: "Ich versuche wirklich nur die Fakten. Und das ist eigentlich so das, was ich damit bezwecken möchte." So können auch Wettbewerber die Videos weiterverwenden.
Klasse statt Masse: Warum kleine Reichweite reicht
Ein wiederkehrendes Thema im Gespräch ist die Fixierung vieler Unternehmen auf hohe Aufrufzahlen. Beide Gesprächspartner halten das für einen Denkfehler. Rodig spricht mit seinen Erklärvideos bewusst eine kleine, spezialisierte Community an – Architekten, Elektroplaner und Installateure, die sich mit Licht nicht auskennen. Zehn oder zwanzig Likes sind für ihn kein Gradmesser.
Der stetige Tropfen höhlt den Stein.
Entscheidend sind die vielen stillen Mitleser, die sich oft erst bei persönlichen Treffen, Messen oder im direkten Austausch zu erkennen geben – und dann berichten, dass sie die Videos sogar nutzen, um ihren eigenen Kunden Sachverhalte zu erklären. Gibser bestätigt das mit Erfahrungen aus seinem eigenen Podcast: Erst im Laufe der Jahre wuchs die Hörerschaft, doch die entscheidenden Effekte waren geschäftlicher Natur – nach eigener Aussage über 100.000 Euro Umsatz durch zwei große Projekte, die über den Podcast zustande kamen.
LinkedIn, YouTube, Instagram: Der Plattform-Mix
Rodig produziert seine Videos einmal und veröffentlicht sie mehrfach. LinkedIn bleibt dabei die wichtigste Plattform für sein B2B-Thema, seine Community ist vor allem am Vormittag aktiv. Instagram bespielt er eher abends, YouTube nutzt er in erster Linie als Verlinkungsplattform. Gibser berichtet von einem interessanten Nebeneffekt: Kurze Snippets (Shorts) auf YouTube generieren teils deutlich mehr Aufrufe als LinkedIn-Beiträge – bringen aber kaum neue Follower. Für den Aufbau echter Beziehungen bleibt LinkedIn daher zentral.
Beide betonen zudem den Wert der Analyse: Wie lange bleiben Zuschauer dran, wann springen sie ab? Solche Auswertungen helfen, Inhalte zu schärfen.
Die eigentliche Hürde: Unternehmen, die Potenzial verschenken
Der wohl kritischste Teil des Gesprächs dreht sich um die zögerliche Haltung vieler Unternehmen. Rodig produziert seine Inhalte weitgehend in der Freizeit – die Idee des Markenbotschafters ist bei seinen Arbeitgebern bislang nicht wirklich angekommen. Dabei sieht er enormes ungenutztes Potenzial:
- Die Reichweite einer einzelnen Person ist bereits vorhanden.
- Die Technik ist vorhanden.
- Es bräuchte kaum zusätzliches Budget – nur den Freiraum und die Rückendeckung des Arbeitgebers.
Gibser nennt es schlicht "ungenutztes Potenzial links liegenlassen". Als Ursachen identifizieren beide unter anderem die Angst vor Sichtbarkeit – die Sorge, angreifbar zu werden. Gerade Entscheider und Führungskräfte gehörten oft zu den stillen Mitlesern, trauten sich aber nicht, Position zu beziehen. Dazu kommt ein Generationenproblem: Wer selbst nicht aktiv auf LinkedIn ist, kann sich das Potenzial schlicht nicht vorstellen.
Authentizität statt Hochglanz
Einig sind sich beide in der Ablehnung von künstlicher Perfektion. Imagefilme mit Schauspielern und Drohnenflügen bringen wenig, wenn auf der Website nicht einmal ein Foto der Mitarbeiter zu finden ist. "Menschen kaufen von Menschen", so Rodig – nicht von KI-generierten Avataren, die von den meisten ohnehin durchschaut werden. Kleine Versprecher oder Nuscheln machen einen Auftritt sogar nahbar.
Zum Vergleich zieht Gibser eine Beobachtung heran: Während amerikanische Unternehmen oft viel Show und wenig Substanz böten, sei es in Deutschland umgekehrt – viel Substanz, aber keine Show. Riesige Firmengebäude mitten im Nichts, von denen niemand weiß. Die Aufgabe bestehe darin, den vorhandenen Gehalt endlich sichtbar zu machen. Positive Beispiele gibt es: genannt werden etwa Christian Schmidt und Gerda von der Firma Keiling, ein kleiner Mittelständler mit unter 50 Mitarbeitern, der oft für ein Vielfaches größer gehalten wird, sowie Dina Reit von SK Laser.
Drei Tipps für den Start
Für alle, die eine ähnliche Position haben, sich aber noch gehemmt fühlen, formuliert Rodig drei klare Empfehlungen:
- Anfangen. Den ersten Schritt machen, ausprobieren, wie es wirkt – und sich nicht schämen.
- Durchhalten. Dranbleiben, auch wenn mal ein Video misslingt. Immer wieder Neues machen.
- Kreativ sein und zuhören. Aufgreifen, welche Fragen im persönlichen Kontakt immer wieder auftauchen – und genau diese behandeln.
Darüber hinaus liegt der größte Vorteil in der Rückendeckung des Arbeitgebers. Sichtbarkeit über LinkedIn zahlt nicht nur auf Vertrieb und Markenbekanntheit ein, sondern auch auf die Fachkräftegewinnung: Wer authentisch zeigt, dass es Spaß macht, in einem Unternehmen zu arbeiten, hat womöglich kein Problem mit Fachkräftemangel. Die Botschaft am Ende bleibt einfach: mutig sein, einfach starten – und den Unterschied zwischen inszenierter heiler Welt und echter Authentizität verstehen.