In einer außergewöhnlichen Folge von "Video Reloaded" verlässt Host Florian Gibser sein gewohntes Terrain. Statt Tipps und Insights zur Videokommunikation gibt es diesmal eine persönliche Rückschau: die Geschichte, wie er im idyllischen Eifel-Dörfchen Walldorf gelandet ist und welche Rolle die weltweit bekannte Synthesizer-Marke Walldorf dabei spielte. Ein Blick auf einen Ort, an dem Musikgeschichte geschrieben wurde.
Ein Dorf mit musikalischer Vergangenheit
Walldorf liegt in der Eifel, zwischen Ahrtal und Koblenz, und wirkt zunächst wie ein Ort, an den sich kaum jemand verirrt. Doch wer in den Achtziger- und Neunzigerjahren mit der Musikbranche zu tun hatte – insbesondere mit Keyboardern und Synthesizer-Spielern –, kannte diesen Namen. Dass Gibser ausgerechnet hier seine Firma betreibt, ist kein Zufall, sondern das Ergebnis einer Kette von Begegnungen und Entscheidungen.
Der Weg in die Audioproduktion
Nach dem Abitur und 13 Monaten Zivildienst in der Suchtklinik Bad Tönisstein – einer Zeit, die ihn nach eigenen Worten prägte – stand Gibser vor der Berufswahl. Ursprüngliche Wünsche wie Gitarrenbauer oder Schreiner zerschlugen sich oder zündeten nicht. Den entscheidenden Impuls gab schließlich ein Tag der offenen Tür an der privaten Hochschule SAE in Köln.
An einem regnerischen Februartag 1998 fand er den Weg dorthin – und war begeistert von der technischen Ausstattung, die dem State of the Art der Industrie entsprach. Sein Vater stimmte der Finanzierung der Ausbildung zu, und im September 1998 begann Gibser sein Studium zum Diplom Audio Engineer, das er in gut zwei Jahren abschloss.
Der Einstieg bei Walldorf Electronics
Nach einem wenig erfüllenden Studentenjob beim Stapeln von Wasserkisten – "eine Lektion in Demut" – ergab sich über einen Bekannten des Vaters eine Aushilfsstelle bei der Firma Walldorf Electronics, die damals im Schloss Arenthal saß. Gibser landete in der Synthesizer-Produktion, wo er Geräte testete und baute. Dort lernte er auch Frank kennen, der später sein Chef, sein bester Freund und seit einigen Jahren freiberuflicher Mitarbeiter seiner Firma werden sollte.
Eine besonders eindrückliche Episode aus dieser Zeit: die Anfrage von Simply Red während einer Deutschlandtour.
Wir haben dann in der Nacht in einer Nacht-und-Nebel-Aktion bis nachts halb zwei in der Nachtschicht das passende Modell, ein bisschen customized, zusammengebaut, sind am nächsten Tag mit einer kleinen Abordnung nach Frankfurt in die Festhalle zum Konzert gefahren und haben ihn backstage persönlich überreicht.
Nach dem Studium folgte eine Festanstellung im Qualitätsmanagement, ergänzt durch Arbeit im Service. Unter dem Mikroskop lernte Gibser, SMD-Platinen und DSPs zu löten – Fähigkeiten, die er sich weitgehend bei Frank aneignete.
Die Wurzeln einer legendären Marke
Die Geschichte der Firma Walldorf reicht weiter zurück. Vor der eigentlichen Firmengründung war am Ort ein europaweiter Musikinstrumentenvertrieb ansässig, der unter anderem die berühmten Simmons Drums vertrieb – jene achteckigen E-Schlagzeuge, die in den Achtzigern zahlreiche Stars spielten. Als der Synthesizer-Hersteller PPG gegen Ende der Achtzigerjahre seine Tore schloss, entwickelten Gründer Wolfgang Palm und die Geschäftsführung des Vertriebs TSI die Idee, einen eigenen Synthesizer zu bauen. Der Legende nach wurden die Eckdaten auf einem Bierdeckel notiert. So entstand mit dem Microwave das erste Gerät der Firma Walldorf.
In den Neunzigern wurde Walldorf zur großen Marke der Eurodance- und Techno-Szene. Kaum eine bekannte Produktion kam ohne einen Walldorf-Synthesizer aus. Snap etwa liehen sich für ihren ersten großen Hit "The Power" mehrere Geräte aus, weil sie sich damals noch keinen eigenen leisten konnten.
Weltstars in den heiligen Hallen
Die Liste der Nutzer liest sich beeindruckend. Gibser nennt unter anderem:
- Hans Zimmer, Vangelis und Jean-Michel Jarre als langjährige Anwender
- Depeche Mode, Nine Inch Nails, Björk, Enya und A-ha
- Michael Jackson, in dessen Studio ein Wave-Synthesizer für rund 20.000 D-Mark stand
- Axl Rose, der Ende der Neunziger ebenfalls Walldorf-Geräte einsetzte
Zu Letzterem gehört eine Anekdote aus der Millenniumsnacht: Beim Aufbau sollen alle Keyboards des Musikers vom Lastwagen gefallen sein. Während die Geräte japanischer Hersteller mit ihren Plastikhauben kaputtgingen, überstanden die Walldorf-Synthesizer im Vollmetallgehäuse den Sturz – und der Keyboarder spielte das gesamte Silvesterkonzert damit.
In den Räumlichkeiten, in denen Gibser heute sitzt, sollen zudem Touring-Bands von Joe Cocker und Tina Turner, Phil Collins und Peter Gabriel gewesen sein – teils zum Tunen ihrer E-Drums, teils zum Abholen von Geräten.
Konstanten über zwei Jahrzehnte
Gibser gründete seine Firma im Mai 2003 und zog wenig später in die ehemaligen Räumlichkeiten von Walldorf Electronics ein – ein Gebäude aus dem Jahr 1912, in dem einst eine Weberei war. Der Bekanntheitsgrad der Marke brachte Vorteile: Teilnehmerinnen und Teilnehmer seiner Trainings und Seminare zur Musik- und Audioproduktion waren beeindruckt, in den "heiligen Hallen" von Walldorf sein zu dürfen. Heute steht die Videoproduktion im Mittelpunkt seiner Arbeit.
Bemerkenswert ist für Gibser vor allem, dass gewisse Konstanten geblieben sind: dieselben Firmenräume, die zur zweiten Heimat wurden, und die Freundschaft zu Frank, der mit seiner Expertise in Elektrotechnik und Hardwareentwicklung – etwa beim Design der Kabelwanne und des Power-Management-Systems – heute Teil seines Teams ist.
Auch die Zusammenarbeit mit der Band Blue, mit der Gibser mehrere Jahre auf Tour war, hat ihre Wurzeln in dieser Zeit. Auf Festivals traf man damals Künstler wie Echt, Iggy Pop, H-Blockx, Guano Apes, Silbermond, Juli, Wir sind Helden oder Sportfreunde Stiller – oft noch in deren Anfangszeiten. Es sind diese vielfältigen Erfahrungen, die Gibser tief in Walldorf verwurzelt haben und aus denen er bis heute schöpft.