Onlineveranstaltungen, Webinare und Videocalls seien tot – diese Aussage hörte Podcast-Host Florian Gipser bei einer Branchenveranstaltung, ausgerechnet von einer Person mit leitender Rolle in einem Verband. Das Thema sei nach Corona durch, der direkte Kontakt in Vertrieb und Kundenkommunikation wieder entscheidend. In Folge 188 von Video Reloaded widerspricht seine Gästin Annette Lindstädt entschieden. Als Inhaberin der Agentur „Lindmanns – lebendige Onlineveranstaltungen“ konzipiert, moderiert und begleitet sie mit ihrem Team digitale Formate vom kompakten Webinar bis zur großen virtuellen Konferenz. Ihre These: Online ist nicht tot – schlecht gemachtes Online ist das Problem.

Vom Notbehelf zur eigenständigen Disziplin

Lindstädt beschreibt die Entwicklung des Marktes seit der Gründung ihres Unternehmens im Jahr 2020. Damals seien Onlineformate tatsächlich eine Notlösung gewesen – Organisationen mussten kurzfristig ihre Präsenzveranstaltungen ins Netz verlegen. Man habe versucht, digitale Events als möglichst getreues Abbild von Präsenzveranstaltungen zu gestalten, inklusive aufwendiger Rahmenprogramme.

Ab 2021 seien die Ansprüche gestiegen, erste Anfragen für Trainings kamen auf. 2022 folgte das, was Lindstädt das „Hybridexperiment“ nennt: Viele planten wieder in Präsenz, aber sicherheitshalber hybrid. Seit 2023 beobachtet sie eine Rückkehr zu kürzeren, kleineren Formaten – und zugleich einen problematischen „Backlash“. Weil online als weniger attraktiv als Präsenz gelte, würden kurze Formate mit Inhalten überfrachtet und ohne Interaktion durchgezogen. Genau das mache sie schlecht.

Online gut gemacht ist super lebendig.

Der unterschätzte Ton

Beide Gesprächspartner sind sich einig, dass Onlineformate oft an mangelnder technischer Sorgfalt scheitern. Gipser kritisiert eine verbreitete Arroganz gegenüber der technischen Seite – der Spruch „Content is King“ sei überholt, weil die Erwartungen der Menschen gestiegen seien. Er verweist auf ein Negativbeispiel: einen Bankberater, der regelmäßig vierstündige Online-Fortbildungen mit „sprechenden PowerPoints“ absolvieren muss.

Besonders unterschätzt werde die Tonqualität. Gipser nennt eine Studie der Yale University, über die auch der Spiegel berichtete: Bei schlechtem Ton werde eine Person unmittelbar als weniger kompetent, unsympathischer und weniger vertrauenswürdig wahrgenommen. Lindstädt bestätigt, dass schlechter Ton ein zentraler Auslöser von Zoom-Fatigue ist. Ihr Tipp für kleine Budgets: ein einfaches, schnurgebundenes Headset für rund zehn Euro verbessere den Klang bereits enorm, weil der Hall verschwinde. Von Bluetooth-Lösungen rät sie ab – ein Hinweis: Bei Apple-AirPods am iPhone werde in Live-Situationen oft gar nicht das Mikrofon der Kopfhörer, sondern das des Geräts genutzt.

Fünf Prinzipien für lebendige Formate

Statt über Fehler zu reden, formuliert Lindstädt lieber positive Leitlinien, nach denen ihr Team arbeitet:

  • Entzerrung statt Ermüdung: Vorträge nicht länger als zehn Minuten ohne Einbindung der Teilnehmenden. Auch in Präsenz sei ein 45-minütiger Monolog niemandem zuzumuten.
  • Austausch vor Inhalt: Wenn Menschen zur gleichen Zeit zusammenkommen, sollten sie sich austauschen. Reines Material lässt sich vorab oder im Nachgang bereitstellen.
  • Inhalt vor Technik: Zuerst Ziel und gewünschte Atmosphäre klären, dann Werkzeuge wählen. Ein „Tool-Feuerwerk“ sei selten sinnvoll – meist reichen Zoom, Mentimeter und ein Whiteboard oder Padlet.
  • Abwechslung: Kurze Zufalls-Breakouts von drei bis vier Minuten, Medienwechsel, kleine analoge Aktivierungen. Die Teilnehmenden kämen „plappernd“ zurück und seien wieder wach.
  • Gemeinsam dabei sein: Ein Raumgefühl erzeugen, etwa durch eine echte Einlassphase mit persönlicher Begrüßung, statt die Leute vor schwarze Kacheln zu setzen.

Ein weiteres Prinzip: Man orientiere sich stets an den Langsameren, nicht an denen, die ohnehin alles können. Wer Interaktion wolle, müsse ihr auch Zeit einräumen und sie sorgfältig vorbereiten.

Hybrid: „Unter Zwang und Schmerzen“

Beim Thema hybride Formate werden beide deutlich. Der gängige Hybrid-Vertreter – ein schönes Vor-Ort-Erlebnis mit Catering und Vernetzung, während die Online-Teilnehmenden nur zusehen dürfen – funktioniere selten. Gut gemachtes Hybrid sei technisch und personell sehr aufwendig: Saalmikrofone, mehrere Kameraperspektiven und idealerweise eine separate Online-Moderation. Lindstädt rät Kunden regelmäßig davon ab, wenn es keinen echten Mehrwert bringt: „Mach's ganz in Präsenz oder mach's nur online.“

Als gelungenes Beispiel nennt sie eine hybride Mitgliederversammlung mit rechtssicherer Online-Abstimmung, bei der Anwesende und Zugeschaltete über dasselbe Wahltool abstimmen konnten. Ihre Alternative zum gleichzeitigen Hybrid: das „serielle Hybrid“ – eine Präsenz-Netzwerkveranstaltung, ergänzt durch kleine Online-Meetups zwischendurch. Genau so sei aus einer pandemiebedingt online umgesetzten Netzwerkveranstaltung ihr eigenes Unternehmen entstanden. Gipser bestätigt dies aus der Perspektive der Weiterbildung: Präsenz-Workshops, die zwischen den Terminen online begleitet werden, hätten den höchsten Effekt.

Kostenvorteil und Wettbewerbsvorteil

Beide betonen, dass gut gemachte Onlineformate keine teure Angelegenheit sein müssen. Ein Saalmikrofon und ein bis zwei fernsteuerbare Kameras genügten oft, um Hybrid überhaupt sinnvoll zu machen. Häufig werde stattdessen „mit Kanonen auf Spatzen geschossen“ und viel Geld verschwendet – oder umgekehrt an der Technik gespart, sodass Online-Teilnehmende sich abgehängt fühlten.

Gerade in wirtschaftlich angespannten Zeiten seien Kostenargumente entscheidend: keine Reisekosten, keine Hotels, kein logistischer Aufwand. Gipser berichtet von einer Trainerin, die durch eine Investition von rund fünf- bis sechstausend Euro in Equipment einen klaren Wettbewerbsvorteil gegenüber Kolleginnen mit bloßem Headset erzielt habe. Sein Appell: weiterdenken als bis zum Ende der Pandemie – wer lebendige Onlineveranstaltungen beherrscht, verschafft sich einen Vorsprung.

Lindstädt schließt mit einem Plädoyer: Viele Methoden funktionierten online sogar besser als in Präsenz. Breakouts etwa organisierten Gruppenarbeit und pünktliche Rückkehr automatisch. Auch die kurzen, kleinen Formate verdienten Sorgfalt und Wertschätzung. Das Argument, nur Präsenz funktioniere gut, lässt sie nicht gelten.