Wir sprechen viel über digitale Souveränität, doch im Arbeitsalltag verlassen wir uns fast vollständig auf eine Infrastruktur, die persönlich und unternehmerisch kritisch ist. Ben Harmanus stellt in dieser Folge von Values & Ventures eine provokante These auf: Deutschland sollte fehlende Softwarelösungen konsequent nachbauen – nicht als Diebstahl geistigen Eigentums, sondern als bewusste Strategie, um wieder Kontrolle über die eigenen digitalen Werkzeuge zu erlangen.
Das Souveränitätsproblem: Abhängigkeit mit realen Risiken
Auch wenn Daten DSGVO-konform auf Servern in Europa liegen, können ausländische Regierungen den Zugriff erzwingen, sofern der Softwareanbieter ein US-Unternehmen ist. Ein zweites Risiko: Wird eine Person oder ein Unternehmen von der US-Regierung sanktioniert, können US-Firmen dazu verpflichtet werden, den Zugang zu ihren Tools zu schließen. Das ist kein Weltuntergangsszenario, sondern bereits Realität.
Wie tief diese Abhängigkeit reicht, macht Harmanus an einem alltäglichen Beispiel deutlich: Würde ein Google-Account geschlossen, wäre man nicht nur von Google-Diensten ausgeschlossen, sondern könnte sich auch bei allen Diensten nicht mehr einloggen, bei denen man das Single Sign-on von Google nutzt.
Obwohl ich bereits meine Logins umziehe, sind es immer noch 46 Websites, in die ich mich mit dem Google-Login einlogge. Ehrlich gesagt bin ich selbst gerade ein bisschen geschockt.
Die alte Regel gilt nicht mehr
Lange galt im Tech-Bereich eine simple Regel: Wenn Big Tech eine Lösung als Feature herausbringen konnte, brauchte man auf diesem Spielfeld gar nicht erst mitzuspielen. Große Konzerne konnten ihre bestehende Nutzerbasis nutzen, um Lösungen blitzschnell zu verbreiten – und Investoren für Herausforderer zu finden, war entsprechend schwierig. Diese Zeiten, so Harmanus, sind vorbei. Nun müsse eine alte Ära wieder aufflammen.
Das Erbe von Rocket Internet
Deutschland war einst ein Superstar darin, US-Geschäftsmodelle und bereits skalierende Start-ups zu kopieren. Gemeint ist Rocket Internet – in der Szene teils verpönt als Fließbandfabrik für Copycats: uncool, zu hart, zu schnell, zu wenig romantisch. Der Argwohn war nicht unbegründet, denn kapitalstark ausgestattete Rocket-Start-ups konnten Ideen aufgreifen und rasant skalieren.
Doch Harmanus lenkt den Blick auf die andere Seite. Aus den kopierten Geschäftsideen wurden eigenständig operierende Start-ups, die mit eigenen Ansätzen und Produkten Märkte eroberten. Gute Kopierer erkennen Muster, übersetzen sie in einen neuen Kontext und machen sie besser. So entstehen starke Unternehmen – nicht aus dem Nichts und ohne revolutionäre Grundidee, aber mit Tempo, Fokus und einem klaren Blick auf einen regionalen Markt.
- Glossybox als Klon von Birchbox
- Home24 als Pendant zu Wayfair
- Westwing als deutsches Fab.com
- Helpling als Klon von Homejoy – wo Harmanus selbst kurz tätig war, bevor er zum kanadischen Scale-up Unbounce wechselte
Manchmal war das Rocket-Start-up so schnell, dass das Original hierzulande nie bekannt wurde. Und auch die börsennotierten Schwergewichte Zalando, HelloFresh und Delivery Hero entstammen dem Rocket-Internet-Universum. Die Lehre: Ein Copy-and-Build-Modell funktioniert, wenn man unterversorgte Märkte schnell und konsequent besetzt.
Ein Gründermotor, keine bloße Klonfabrik
Aus dem Umfeld von Rocket sind schätzungsweise 400 Gründerinnen und Gründer hervorgegangen, die eigene Unternehmen aufgebaut haben. Rocket war weniger Klonfabrik als vielmehr ein Gründermotor – eine Maschine, die Can-do-Energie forderte und freisetzte. Mitarbeitende lernten dort, schnell zu denken und schnell zu bauen. Das hatte seinen Preis, doch der Impact lässt sich nicht leugnen.
Eine der prominentesten Ex-Mitarbeiterinnen ist Lea-Sophie Cramer, die ohne diese Mentalität mit Amorelie, ihrem Online-Versandhandel für Erotikspielzeug, gegen viele Widerstände kaum erfolgreich hätte werden können. Rocket Internet existiert weiterhin, dominiert die Start-up-Schlagzeilen aber nicht mehr wie vor zehn Jahren. Sein wahres Vermächtnis ähnelt der berühmten „PayPal Mafia“: eine Reihe von Gründerinnen und Gründern, die nach ihrem Ausstieg erfolgreich weiter aufbauen.
Copy and Build – mit dem Standardfeature „digital souverän“
Genau diesen Spirit brauche Deutschland jetzt wieder, allerdings mit neuer Logik. Bewährte Modelle sollen mit europäischer Infrastruktur, europäischem Kapital und europäischem Recht entwickelt werden – Recht, das nicht einfach überschrieben werden kann.
Dabei müssen es nicht sofort die besten Tools der Welt sein. Gefragt sind vielmehr Produkte mit den relevantesten Features und maximaler Datenhoheit, die zugleich preislich wettbewerbsfähig sind. Ein kleiner Aufschlag für Souveränität ist akzeptabel, doch ein Vielfaches für „made in Germany“ zu zahlen, überfordert gerade Start-ups und Mittelständler.
Warum ein schlechtes Gewissen fehl am Platz ist
Viele kluge Unternehmen weltweit konnten sich nicht durchsetzen, weil Techkonzerne ihre Macht- und Monopolstellung nutzten, um Wettbewerber zu blockieren. Wer keinen langen Atem hatte, musste aufgeben – zumal die europäische Regulierung selten so schnell nachkommt wie die Verstöße im Wettbewerbsrecht geschehen.
Das Preisvergleichsportal Idealo hat dennoch überlebt: Google bevorzugte nachweislich das eigene Produkt Google Shopping in den Suchergebnissen und wurde vom Landgericht Berlin zu einer Zahlung von 465 Millionen Euro an Idealo verurteilt. Europa ist an der heutigen Lage nicht schuldlos – ein schlechtes Gewissen brauchen wir aber nicht, wenn wir nun alle Karten ausspielen, um wieder Kontrolle zu erlangen.
Der Aufruf: Bauen oder kaufen
Was jetzt gebraucht wird, sind digital souveräne Gegenstücke zu den essenziellen Tools unseres unternehmerischen Betriebssystems. Ob man sie selbst baut oder bewusst kauft: Beides stärkt ein florierendes europäisches Tech-Ökosystem. Harmanus zeigt sich überzeugt, dass die europäische Gemeinschaft davon insgesamt profitiert – wirtschaftlich, sozial und ökologisch.
Seine Abschlussfrage an die Community lautet entsprechend: Wechselst du schon auf europäische Tools oder baust du sogar selbst Softwarelösungen? Und der Appell, der bleibt: bleib souverän.