Auf der E-Commerce Berlin Expo hat Ben Harmanus für seinen Podcast Values & Ventures einen Live-Talk mit zwei der reichweitenstärksten Business Creatorinnen und Unternehmerinnen im deutschsprachigen Raum aufgenommen: Emma-Isadora Hagen und Franz Wegner. Im Gespräch ging es um die persönlichen Wege in die Selbstständigkeit, um die Frage nach Sichtbarkeit und Einfluss sowie um konkrete Workflows, Kennzahlen und Werbeformate auf LinkedIn. Die wichtigsten Erkenntnisse im Überblick.
Zwei sehr unterschiedliche Wege in die Sichtbarkeit
Emma-Isadora Hagen war fast 13 Jahre in einem Konzern tätig, davon zehn Jahre als Führungskraft mit rund 200 Mitarbeitenden und 19 Führungskräften. Erst über eine Weiterbildung kam sie zu LinkedIn und Personal Branding. Nach anfänglicher Skepsis der Unternehmenskommunikation wurde sie zur größten Career Ambassadorin ihres Arbeitgebers.
Dann kam alles anders: Anfang 2023 erkrankte ihre Mutter schwer. Nach sieben Monaten zog Hagen die Reißleine, kündigte und stand einen Tag später beim Arbeitsamt. Weil Speaking-Anfragen irgendwann Reisekosten und Honorare mit sich brachten, meldete sie die Selbstständigkeit an, die sie eigentlich nie wollte.
Und das war der beste Schritt meines Lebens. Meine Mum ist ja Anfang letzten Jahres gestorben und ich hatte einfach durch die Selbstständigkeit viel mehr Zeit mit ihr zu verbringen.
Franz Wegner hingegen war nach eigenen Angaben nie angestellt. Seine Journey begann mit zwölf Jahren im Kinderzimmer: YouTube-Videos, Minecraft-Clips, sogar gesungene Weihnachts-Specials. Aus diesem Content-Handwerk – Themenfindung, Videoschnitt, Grafik, Texten – entstanden die Skills, die heute seine Personal-Branding-Agentur prägen. Über Fiverr und erste Aufträge fand er zu LinkedIn, wo er innerhalb einer Woche einen Auftrag über rund 400 Euro gewann.
Persönliche Marke oder Unternehmensmarke?
Ein zentrales Thema war, ob Erfolg auf LinkedIn vom Namen des Arbeitgebers abhängt. Hagen betonte, sie habe sich zunächst eigenständig positioniert und das Unternehmen erst danach im Rücken gehabt. Harmanus ergänzte aus eigener Erfahrung: Als er vor sechs Jahren zu HubSpot kam, habe seine Personal Brand dem Unternehmen zunächst mehr gegeben als umgekehrt – inzwischen habe sich das Verhältnis gedreht. Das Zusammenspiel von persönlicher und Unternehmensmarke kann sich also über die Zeit verändern.
Warum Führungskräfte sichtbar sein wollen
Franz Wegner formulierte offen, dass es beim Streben nach Sichtbarkeit letztlich um Einfluss gehe – man könne auch Macht sagen. Ziel sei die Position als Thought Leader, dem Menschen vertrauen. Der positive Effekt: In Verkaufsgesprächen kaufen Menschen leichter, wenn dieser Vertrauensvorschuss besteht. Für ihn ist LinkedIn deshalb die größte Chance für Business Creator, weil dort die kaufkräftigen Zielgruppen unterwegs sind und die Konkurrenz gering ist – laut einer genannten Statistik posten nur rund ein Prozent aller Mitglieder aktiv.
Hagen ordnete den Begriff „Macht“ differenzierter ein: Es gehe eher um Selbstbestimmung, Vertrauen und das Gefühl, etwas bewegen zu können. Entscheidend sei, dass der Content auf die individuellen Ziele einzahlt.
Kooperationen und Content-Mix
Beide berichteten von Kollaborationen mit Marken. Hagen nannte eine Kooperation mit Adobe, deren Video-Beitrag rund 1,5 Millionen Impressionen erzielte, sowie eine Kooperation mit der Berliner Diagnostikklinik Heartz im Rahmen ihres Formats „Business Self Care“. Auffällig: Seit Ende letzten Jahres performen Kooperationen laut Hagen deutlich besser, nachdem LinkedIn angekündigt hatte, die Creator Economy stärker zu unterstützen – zuvor seien Werbebeiträge stärker abgewertet worden.
Beim Format-Mix waren sich die drei einig: Bildstrecken und persönliche Impressionen funktionieren gut, weil die Verweildauer steigt. Wegners bester Beitrag des Jahres war ausgerechnet ein Foto bei Burger King mit rund 300.000 Impressionen. Video sei ein starkes Vertrauensinstrument, aber nicht für jeden geeignet – die Produktionshürde sei hoch. Von KI-Avataren, die Texte vorlesen, rieten alle ausdrücklich ab.
Die wichtigsten Kennzahlen jenseits von Followern
Follower-Zahlen sieht Wegner vor allem als Vertrauensvorschuss – garantieren aber keine Reichweite. Wichtiger seien inhaltliche Signale.
- Speichern (Saves): ein starker Indikator für Mehrwert, besonders bei erklärungsbedürftigen Themen.
- Teilen in DMs: zeigt echte Relevanz für die Empfänger.
- Leads und Termine: außerhalb von LinkedIn sollten Kalender- und Trackingmöglichkeiten eingerichtet sein, um Herkunft von Buchungen nachzuvollziehen.
- Profil-Verweildauer: neue Statistiken zeigen, wo Besucher die meiste Zeit im Profil verbringen.
Wichtig sei zudem, Follower-Zahlen kritisch zu prüfen: Fake-Follower und Bots seien ein wachsendes Problem. Ein Blick ins Engagement und die Herkunft der Likenden helfe, echte Communitys von gekauften zu unterscheiden.
Beiträge boosten als unterschätzter Hebel
Als besonders relevant hob Wegner das Feature zum Boosten persönlicher Beiträge hervor. Anders als früher lasse sich damit auf Website-Klicks optimieren – bei gleichzeitig organisch wirkendem Beitrag samt vorhandener Likes und Kommentare. Er habe darüber rund 500 Webinar-Signups generiert. Harmanus bestätigte, es getestet zu haben – mit gemischten, aber lehrreichen Ergebnissen; manche Posts liefen organisch so gut, dass er das Boosting wieder stoppte.
Workflows, Team und mentale Gesundheit
Hagen schreibt ihre Beiträge, das Community-Management und ihr Postfach weiterhin selbst, wird aber von einem kleinen Team unterstützt: bei Strategie, Recherche, Algorithmus-Updates und der Beobachtung kritischer Kommentare. Bemerkenswert: Sie konsumiere selbst wenig Content, um weniger beeinflusst zu sein. Ebenso wichtig sei das Abschalten – bei einem Shitstorm ließ sie die Kommentare vom Team überwachen, statt selbst hineinzuschauen.
Content-Recycling funktioniert
Ein pragmatischer Rat zum Schluss: Gute Bilder und Beiträge dürfen mehrfach verwendet werden. Wegner postete denselben Beitrag innerhalb eines Jahres viermal – jedes Mal mit über 50.000 Impressionen. Auch für Kunden würden Beiträge teilweise nach drei Monaten identisch wiederholt. Die meisten Follower hätten den Inhalt ohnehin noch nie gesehen.