Jahrzehntelang haben europäische Unternehmen ihre Strukturen auf US-Technologien aufgebaut. Das war bequem und anfangs oft günstiger – doch inzwischen wird diese Abhängigkeit zum Problem: am Verhandlungstisch, auf politischer Ebene, beim Durchsetzen von Gesetzen und bei der Meinungsfreiheit. In dieser Folge von Values & Ventures beschreibt Ben Harmanus, warum die fehlende digitale Souveränität nicht nur ein Risiko darstellt, sondern zugleich das Spielfeld für eine neue Generation von Gründerinnen und Gründern eröffnet.

Krisen als Brandbeschleuniger für Innovation

Es gibt die Redewendung: Wohlstand schafft Freunde, Not prüft sie. Genau diese Prüfung finde derzeit statt. Doch Not macht auch erfinderisch – dann, wenn es düster aussieht, entstehen Lösungen, die vorher nicht sichtbar waren. Lösungen, die Märkte disruptieren, gerade dann, wenn Budgets schmelzen, Stellen abgebaut werden und die Zeit drängt.

Harmanus verweist auf historische Beispiele: In den wirtschaftlich schwierigen Jahren nach der Finanzkrise von 2008 entstanden Unternehmen wie WhatsApp, Slack, Airbnb oder Uber. Und als 2020 die Corona-Pandemie die Welt zum Stillstand brachte, folgte ein weiterer Innovationsschub. Erst diese Krise wurde zum eigentlichen Brandbeschleuniger der Digitalisierung in Deutschland – nicht große Pläne, politische Agenden oder Transformationsprojekte. Erst die Not zeigte, dass Meetings tatsächlich per Videocall funktionieren.

Die leise, aber strukturelle Souveränitätskrise

Heute stehe man vor einer nächsten existenziellen Herausforderung, die deutlich leiser, aber struktureller ist: einer Souveränitätskrise. Laut Synergy Research Group halten AWS, Microsoft und Google zusammen rund 70 Prozent des europäischen Cloud-Marktes. Kritische Daten und Prozesse liegen überwiegend bei US-Hyperscalern – Kommunikationstools, KI-Assistenten und Kundendaten inklusive.

Damit liege das Betriebssystem der europäischen Wirtschaft in den Händen von Akteuren, die nicht europäischem Recht unterliegen und dieses zunehmend offensiv infrage stellen. Es werde lobbyiert und politisch Druck ausgeübt, um schützende europäische Gesetze zu entschärfen oder ganz zu kippen.

Die DSGVO sei ein wichtiger Schritt gewesen, um Regeln zu definieren. Doch Datenschutz schütze nur die Privatsphäre, nicht die unternehmerische Handlungsfähigkeit. Solange der amerikanische Cloud Act US-Behörden Zugriff auf Server erlaube – egal, ob diese in Kalifornien oder in Frankfurt stehen –, sei das Problem nicht gelöst.

Wenn politische Konflikte zu technischen Sperren werden

Die Abhängigkeit werde besonders sichtbar, wenn politische Konflikte in technische Sperren umschlagen. Harmanus nennt den Fall eines französischen Richters am Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag, dem nach US-Sanktionen digitale und finanzielle Dienste entzogen oder stark eingeschränkt wurden – unter anderem bei Visa, Airbnb und Amazon. Sanktioniert wurde er, weil er an der Entscheidung beteiligt war, Haftbefehle gegen den israelischen Premierminister Benjamin Netanyahu zu autorisieren.

Ob dieser Haftbefehl berechtigt war, sei dabei zweitrangig, betont Harmanus. Entscheidend sei: Ein unabhängiges internationales Gericht habe ein Urteil gefällt – und ein europäischer Richter zahle dafür im Alltag einen Preis. Auch die Organisation HateAid, die vor Hassrede im Netz schützen will, wurde mit Einreiseverboten belegt, die sogar Familienangehörige betreffen. HateAid habe zudem gewarnt, dass solche Sanktionen dazu führen können, dass US-Unternehmen den Zugang zu ihren Diensten sperren müssen.

Wie souverän bist du wirklich, wenn dein Business, deine Dokumente, deine Team-Drives, deine Kommunikation, dein Projektmanagement auf Infrastrukturen laufen, die ausländische Unternehmen auf Zuruf abschalten lassen können oder sogar müssen?

Vom Risiko zum Wettbewerbsvorteil

Genau diese Souveränitätskrise werde die nächste Welle an Disruptoren entfesseln, so Harmanus. Der Markt koche Alternativen, und clevere Unternehmerinnen und Unternehmer bauten sie bereits. Er selbst nutzt nach eigenen Angaben verschiedene europäische Werkzeuge:

  • Anytype statt Notion
  • Proton und Infomaniak statt Google Workspace für Drive, E-Mail, Docs und Tabellen
  • Proton-Lösungen für Passwortverwaltung, Videokonferenzen, Authentifizierung und VPN
  • Open-Source-Software von Ghost und Postal auf einem nachhaltigen Server von Infomaniak in der Schweiz für Websites, Newsletter und Blogs
  • den KI-Chat Lumo von Infomaniak, bei dem Daten nicht unkontrolliert abfließen

Digitale Souveränität sei damit kein abstraktes Behördenthema mehr, sondern werde zur Freiheits-, Existenz- und Autonomiefrage – und zum messbaren Wettbewerbsvorteil, zum USP und zum Vertrauenssignal.

Der entscheidende Unterschied: DSGVO-Konformität regele nur, wer theoretisch in Europa Daten verarbeiten sollte, und schütze vor Abmahnungen. Digitale Souveränität hingegen stelle sicher, wer überhaupt Zugriff haben kann – und schließe damit aus, dass ein US-Konzern über den Cloud Act oder eine chinesische Holding stillschweigend mitliest. Wer seinen Kundinnen und Kunden sagen könne, dass ihre Daten ausschließlich europäischem Recht unterliegen, führe Verkaufsgespräche, bei denen andere nicht einmal mehr am Verhandlungstisch sitzen.

Eine historische Marktchance für Europa

Digitale Souveränität sei damit keine defensive Abwehrmaßnahme, sondern eine historische Marktchance. Wenn das Geld im europäischen Ökosystem bleibe, entstünden hier Arbeitsplätze, würden hier Steuern gezahlt und der Wertschöpfungsabfluss verringert.

Harmanus appelliert an Gründerinnen und Gründer: Die aktuelle Abhängigkeit von US- und China-Technologie sei nicht unveränderbar, sondern das Spielfeld für eine neue Generation. Jeder Dienst, der in einen nicht-europäischen Vendor-Lock-in führe, sei eine Vorlage für eine europäische Lösung oder ein europäisches Start-up. Man müsse in Europa bauen und skalieren – in Deutschland, Österreich und der Schweiz –, um nicht nur Risiken zu minimieren, sondern eigene globale Standards „made in Europe“ zu definieren.

Wer selbst keine Infrastruktur bauen wolle, solle zumindest genau überlegen, wie das digitale Betriebssystem des eigenen Unternehmens aufgebaut ist und welche Dienste sich austauschen lassen. Harmanus verweist dazu auf seine Tool-Liste in den Shownotes sowie auf seinen Values & Ventures-Newsletter, in dem er dokumentiert, wie er sein Business digital souverän aufbaut und seine Medien skaliert. Sein Schlusswort: „Bleib souverän.“