Cover: Fehlende digitale Souveränität entfesselt die Disruptoren der Zukunft

Fehlende digitale Souveränität entfesselt die Disruptoren der Zukunft

3. Juni 2026 7:12 Min. Zu Gast: Ben Harmanus
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Worum es geht

Ben Harmanus beleuchtet, warum die Abhängigkeit Europas von US-Hyperscalern wie AWS, Microsoft und Google und Gesetze wie der CLOUD Act zur Existenzfrage für Wirtschaft, Politik und Meinungsfreiheit werden. Er zeigt, dass genau darin eine historische Chance liegt: Krisen bringen Innovationen hervor, und digitale Souveränität kann zum Wettbewerbsvorteil für europäische Gründer:innen werden. Anhand konkreter Tools und realer Fälle skizziert er, wie ein souveränes Business-Setup aussehen kann.

Das nimmst du mit

  • Digitale Abhängigkeit von US-Hyperscalern und extraterritoriale Gesetze wie der CLOUD Act schränken die europäische Handlungsfähigkeit real ein.
  • Krisen sind historisch Innovationstreiber – die aktuelle Souveränitätskrise kann eine neue Welle europäischer Disruptoren auslösen.
  • Souveräne Alternativen wie Proton, Infomaniak, Anytype oder Ghost existieren bereits und sind sofort einsetzbar.
  • Digitale Souveränität lässt sich als Vertrauenssignal und Wettbewerbsvorteil im Markt positionieren.
  • Fälle wie Kontosperrungen und Einreiseverbote zeigen, wie politische Maßnahmen digitale Zugänge und Freiheiten beeinflussen.
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Autor: Values & Ventures mit Ben Harmanus

Die wichtigsten Antworten

Was bedeutet digitale Souveränität in dieser Folge?
Es geht um die Fähigkeit Europas, digitale Infrastrukturen und Daten unabhängig von US-Anbietern und extraterritorialen Gesetzen zu kontrollieren. Fehlende Souveränität wird als Bedrohung für Wirtschaft, Politik und Meinungsfreiheit beschrieben.
Welche konkreten Tools werden empfohlen?
Genannt werden souveräne Anbieter wie Proton, Infomaniak, Anytype und Ghost. Eine vollständige Tool-Liste findet sich in den Show Notes.
Warum ist die Krise auch eine Chance?
Historisch entstanden in Krisenzeiten – von 2008 bis Corona – bahnbrechende Dienste. Die aktuelle Souveränitätskrise kann eine neue Welle europäischer Disruptoren und alternativer Infrastrukturen hervorbringen.
Was ist der CLOUD Act und warum ist er relevant?
Der CLOUD Act ist ein US-Gesetz mit extraterritorialer Reichweite, das laut Folge die europäische Handlungsfähigkeit einschränkt, weil US-Anbieter darüber Zugriff auf Daten gewähren müssen.

Zu Gast

Host von Values & Ventures

Ben Harmanus ist Host des Podcasts Values & Ventures und Autor eines Content-Design-Buchs. In dieser Solo-Episode teilt er seine Sicht auf digitale Souveränität und europäische Tech-Chancen.

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Transkript

Jahrzehntelang haben wir unsere Unternehmen auf US Technologien aufgebaut, haben uns abhängig gemacht. Das war bequem, oftmals zumindest am Anfang auch günstiger, aber jetzt wird uns diese Abhängigkeit zum Verhängnis. Am Verhandlungstisch, auf politischer Ebene, beim Durchsetzen von Gesetzen, bei der Meinungsfreiheit. Wir spüren, dass wir nicht digital souverän sind. Tja, es gibt diese Redewendung, Wohlstand schafft Freunde, Not prüft sie.

Die Prüfung findet gerade statt und wir sollten nicht auf den Ausgang wagen. Es gibt aber noch eine andere Redewendung zur Not. Not macht erfinderisch, also dann, wenn's düster aussieht, entstehen Lösungen, die wir vorher nicht sehen konnten. Lösungen, die Märkte disruptieren, dann, wenn Budgets schmelzen, wenn überall Stellen abgebaut werden und die Zeit drängt. Nimm die Finanzkrise von 20 8.

In den wirtschaftlich nicht prickelnden Folgejahren entstanden Unternehmen wie WhatsApp, Slack, Airbnb oder Uber. Als 20 20 die Coronakrise die ganze Welt zum Stillstand brachte, erlebten wir einen weiteren Innovationsschub. Mit dem digitalen Gaffverband wurden Rekordzeit Prototypen zusammengeschustert. Erst diese Krise wurde zum Brandbeschleuniger der Digitalisierung in Deutschland. Keine großen Pläne, keine politischen Agenten, keine Transformationsprojekte in unseren Unternehmen haben das hinbekommen.

Erst die Krise zeigte, Meetings funktionieren tatsächlich per Videocall. Erinnerst Du dich noch an die vielen Zoom Calls, Screenshots in deiner Social Media Timeline? Ja, ich weiß, die Posts waren auch 'n bisschen peinlich, weil sie offenbarten, wie rückständig die Unternehmen damals waren. Heute stehen wir vor der nächsten existenziellen Herausforderung und sie ist deutlich leiser, aber struktureller. Es ist eine Souveränitätskrise.

Wir wachen in der Realität auf, in der laut Synerger Research Group AWS Microsoft und Google zusammen 70 Prozent des europäischen Cloud Markts halten. Kritische Daten und Prozesse liegen überwiegend bei US Hyperscalern. Kommunikationstools, KI Assistenten, Kundendaten, das Betriebssystem unserer Wirtschaft liegt in den Händen von Akteuren, die nicht unseren Gesetze unterliegen und sie recht offensiv infrage stellen. Und das kann man eigentlich noch ehrlicher sagen, es wird lobbyiert und politisch Druck ausgeübt, uns Europäer schützende Gesetze zu entschärfen oder sie sogar ganz zu kippen. Die DSGVO war 'n wichtiger Schritt, Regeln zu definieren, aber Datenschutz schützt nur deine Privatsphäre, nicht deine unternehmerische Handlungsfähigkeit.

Das Problem ist nicht gelöst, solange der amerikanische Cloud Act dem US Behörden Zugriff auf deine Server erlaubt. Ganz gleich, ob diese in Kalifornien oder wie es uns so oft als Sicherheitsmerkmal verkauft wird, in Frankfurt stehen. Unsere Abhängigkeit wird schmerzhaft sichtbar, wenn politische Konflikte plötzlich zu technischen Sperren werden. Dem Franzosen Nikola Gauly, Richter am Internationalen Strafgerichtshof in Denchach wurde nach US Sanktionen digitale und finanzielle Dienst entzogen oder stark eingeschränkt, unter anderem Visa, Airbnb und Amazon. Er wurde sanktioniert, weil er als Richter am Internationalen Strafgerichtshof an der Entscheidung beteiligt war, Haftbefehle gegen den israelischen Premierminister Benjamin Netanyahu zu autorisieren.

Ob der Haftbefehl berechtigt war oder nicht, ist in erster Instanz für mich nicht relevant. Entscheidend ist, ein unabhängiges internationales Gericht hat ein Urteil gefällt und ein europäischer Richter bezahlt dafür im Alltag einen Preis. Der Organisation HateAid, die uns vor Hassrede im Netz schützen will, wurde mit Einreiseverboten belegt. Einreiseverbote, die sogar Familienangehörige betreffen. Worum geht's hier?

Darum, dass wir Social Media in Europa nicht regulieren sollen und somit weiter zu einem rechtsfreien Sumpf von Hass und süchtig machenden Algorithmen verkommen lassen? Und ja, HateAid warnte davor, dass solche Sanktionen dazu führen können, dass US Unternehmen den Zugang zu ihren Diensten sperren müssen. Also vielleicht geht's nur mir so, aber das fühlt sich einfach bedrohlich an. Jetzt kommen wir zu dir. Wie souverän bist Du wirklich, wenn dein Business, deine Dokumente, deine Team Drives, deine Kommunikation, dein Projektmanagement, deine privaten und geschäftlichen Konten und Zahlungswege auf Infrastrukturen laufen, die ausländische Unternehmen auf Zuruf abschalten lassen können oder sogar müssen.

Wie gut schützt Du tatsächlich die Daten deiner Kontakte, all deine Konversationen oder innovative Geschäftsideen, wenn die US Regierung nicht nur die Freigabe der Daten fordern kann, sondern Hintertüren in deine Cloud Dienste eingebaut hat. Und ja, ist es 'n US Unternehmen und der Serverstandort ist in Europa, dann schützt dich die DSGVO überhaupt nicht vor 'nem Zugriff. Das ist die Krise, in der wir gerade stecken und jetzt kommt das Aber. Genau diese Souveränitätskrise wird die nächste Welle an Disruptoren entfesseln. Der Markt kocht Alternativen und cleverer Unternehmerinnen und Unternehmer bauen sie.

Ich sehe bereits, wie sich das Ökosystem formiert und ich selbst bin mit Values and Ventures und meinem Media Label später vielleicht gar kein so schlechtes Beispiel. Anstelle von Notion nutze ich Anytime. Statt Drive, E-Mail, Docks oder Sheets in Google Workspace nutze ich beruflich wie privat die Lösung von Proton und Infomaniac. Auch für Last Basse, Zoom, Google Authenticator oder VPNs benutze ich richtig gute Lösungen von Proton. Für meine Websites, Newsletter und Blogs wollte ich Bhive nutzen, aber jetzt kommt Open Source Software von Ghost and Postal auf 'nem nachhaltigen Server von Infomaniaq in der Schweiz zum Einsatz.

Von Infomaniaq gibt's übrigens einen KI Chat namens Euia, bei dem deine Daten nicht unkontrolliert abfließen. Probieren mal aus, empfiehlt eueria Freunden und Verwandten. Digitale Souveränität ist jetzt nicht mehr nur 'n abstraktes Thema für Behörden, die kritische Infrastruktur stellen. Digitale Souveränität wird zu 'ner Freiheitsfrage, zu 'ner Existenzfrage, zu 'ner Autonomiefrage. Und jetzt kommt's zum messbaren Wettbewerbsvorteil, zum USP, zum Vertrauenssignal in der Featureliste.

DSGVO konform war gestern, weil die DSGVO Konformität dafür sorgt, dass Du nicht abgemahnt wirst, weil die DSGVO nur regelt, wer theoretisch in Europa Daten behandeln sollte. Digitale Souveränität hingegen stellt sicher, wer überhaupt Zugriff haben kann und schließt dadurch eben auch aus, dass ein US Konzern über den Cloud Act oder eine chinesische Holding stillschweigend mitlesen darf. Wenn Du deinen Kundinnen sagen kannst, wir arbeiten mit souveränen europäischen Tools, eure Daten unterliegen nur europäischem Recht und wir sind nicht von den Launen der US Administration abhängig, führst Du Verkaufsgespräche, bei denen andere nicht mal mehr am Verhandlungstisch sitzen. Digitale Souveränität ist also keine defensive Abwehrmaßnahme. Sie ist eine historische Marktchance.

Wenn das Geld in unserem europäischen Ökosystem bleibt, entstehen hier die Arbeitsplätze. Steuern werden hier gezahlt und der Wertschöpfungsabfluss, der wird verringert. Heute, genau in diesem Moment entstehen die Disruptoren von morgen, die souveräne Alternativen zu Techmonopolen bauen. Lass dir nicht erzählen, dass die aktuelle Abhängigkeit von US- und China Technologie unveränderbar ist. Sie ist das Spielfeld für eine neue Generation von Gründerinnen.

Jeder Dienst, der uns aktuell in den nicht europäischen Vendor Lock in trägt, ist eine Vorlage für eine europäische Lösung beziehungsweise einen europäisches Start-up. Wir müssen hier bauen und hier skalieren, hier in Europa, hier in Deutschland, hier in Österreich oder in der Schweiz. Das ist unsere Chance, nicht nur Risiken zu minimieren, sondern eigene globale Standards made in Germany, made in Europe zu definieren. Wenn Du als Gründerin diese Infrastruktur nicht bauen willst, überleg dir trotzdem genau, wie Du das digitale Betriebssystem deines Unternehmens aufbaust oder ob Du den einen oder anderen Service nicht austauschen willst. In den Shownotes verlink ich zur Liste meiner Tools und was sie bei mir ersetzen.

Und wenn Du dokumentiert sehen willst, wie ich mein Business digital souverän baue und Medien skalier, abonnier meinen News and Ventures Newsletter. Bis dann und bleib souverän.

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