Wer ein Unternehmen führt, kennt die schwierigen Momente: leerer werdende Konten, schwindende Motivation im Team, Entscheidungen, die wehtun. In der Podcast-Folge von Triebwerk spricht Gastgeber David mit Stefan Merath, seit rund 30 Jahren Unternehmer und heute als Unternehmercoach tätig. Merath hat selbst eine Insolvenz erlebt – und genau diese Erfahrung wurde zum Wendepunkt seiner Laufbahn. Im Gespräch erklärt er, warum Ehrlichkeit gegenüber sich selbst der eigentliche Schlüssel zum unternehmerischen Erfolg ist, wie sich Rollen im Unternehmen verschieben und wie man auch in der Krise Haltung bewahrt.

Die Insolvenz als Wendepunkt

Ende der 1990er-Jahre gründete Merath ein Internetunternehmen, das mit einem Content-Management-System bis auf 30 Mitarbeiter wuchs und namhafte Kunden wie Best Western, Airbus oder die amerikanische Botschaft betreute. Doch strategische Fehler, Führungsfehler und der Versuch, alles selbst zu stemmen – bis zu 110 Stunden pro Woche – führten 2003 in die Insolvenz.

Rückblickend bewertet er diesen Tiefpunkt als das Beste, was ihm beruflich passieren konnte. Erst die Pleite zwang ihn, sich grundlegend zu hinterfragen. Bezeichnend war für ihn nicht der Moment des leeren Kontos, sondern eine Begegnung mit Bestandskunden: Er hatte sie eingeladen, um ihnen besseren Service zu versprechen – doch sie waren nur gekommen, um herauszufinden, wie sie möglichst schadenfrei von ihm wegkämen. In diesem Augenblick war ihm klar, dass das Unternehmen nicht mehr zu retten war.

Vom eigenen Schmerz zum Coaching anderer

Nach der Insolvenz gründete Merath sofort ein zweites Internetunternehmen – diesmal ohne den teuren Kostenballast des ersten. Bald kamen befreundete Unternehmer auf ihn zu und baten um Hilfe. Seine erste Reaktion war Überraschung: Warum sollte man ausgerechnet jemanden um Rat fragen, der gerade Pleite gegangen war? Die Antwort, die er erhielt, prägte sein weiteres Wirken.

Du hast mir eine Erfahrung voraus, die verdammt wertvoll ist.

2007 verkaufte er das zweite Unternehmen und gründete Unternehmercoach. Sein Buch Der Weg zum erfolgreichen Unternehmer erschien 2008. Dass die darin erzählte Geschichte ebenfalls von einem Internetunternehmen handelt, schreibt Merath schlicht seiner Faulheit zu – es war der Bereich, den er am besten kannte. Inzwischen hat sein Unternehmen eine fünfstellige Zahl von Inhabern kleiner und mittlerer Firmen begleitet.

Ehrlichkeit als wichtigste unternehmerische Fähigkeit

Auf die Frage, welche Tipps er den ersten Klienten gegeben habe, antwortet Merath überraschend: Es sei gar nicht um konkrete Ratschläge gegangen. Entscheidend sei, dass Unternehmer in der Krise meist aufhören, ehrlich zu sich selbst zu sein, und sich die Lage schönreden. Er erinnert sich an einen Klienten, der eingehende Rechnungen ungeöffnet in einen Schrank verstaute und dem Gerichtsvollzieher gelegentlich ein paar Euro in die Hand drückte.

Genau hier setzt Meraths Ansatz an: hinschauen, sich ehrlich machen, auch gegenüber dem Partner – und die damit verbundene Scham überwinden. Alles Weitere sei nur noch methodisches Umsetzen. Dasselbe gelte für andere verdrängte Probleme, etwa zwei zerstrittene Gesellschafter, die jahrelang Strategie-Workshops abhalten, statt einzugestehen, dass nicht die Strategie, sondern ihre Zusammenarbeit das Problem ist.

Den Umgang mit der eigenen Pleite hat Merath bewusst entschieden: Statt Suchergebnisse löschen zu lassen, kommuniziert er offen, was er gelernt hat. Die Reaktion war überwiegend positiv. Entscheidend sei dabei, dass hinter dem Scheitern Selbstverantwortung und ein erkennbarer Lernprozess stehen – nicht das Abschieben der Schuld auf Mitarbeiter, Banken oder die Wirtschaftslage.

Drei Rollen – und ihre Verschiebung durch KI

Bekannt ist Merath für seine Unterscheidung der drei Rollen im Unternehmen: Fachkraft, Manager und Unternehmer. Gründer halten anfangs alle drei gleichzeitig inne. Mit wachsender Größe müsse der Inhaber zunehmend die Unternehmerrolle einnehmen – also Strategie und Kultur gestalten.

Was sich seit dem Erscheinen seines Buches geändert habe: Die Welt ist deutlich schneller geworden. Strategien, die früher zehn bis zwanzig Jahre trugen, müssen heute in kürzeren Zyklen angepasst werden. Deshalb wandern Kompetenzen – auch in der Strategiearbeit – stärker zu Managern und Fachkräften. Die grundlegende Rollenaufteilung bleibe jedoch hilfreich, um überhaupt zu verstehen, dass es unterschiedliche Aufgaben gibt.

Künstliche Intelligenz und die Angst der Mitarbeiter

Beim Thema KI warnt Merath vor einem Mechanismus: Wenn Mitarbeiter fürchten, sich durch Automatisierung selbst überflüssig zu machen, entsteht Verweigerung. Bei Unternehmercoach hat er deshalb vor drei Jahren eine Garantie ausgesprochen, dass niemand wegen KI gekündigt wird. Wer seinen Arbeitsplatz an eine KI übergibt, gilt ihm als besonders wertvoller, mitdenkender Mitarbeiter.

Intern unterscheidet er zwei Ebenen: die individuelle Optimierung am eigenen Arbeitsplatz, die er bei den Mitarbeitern aktiv fördert, sowie unternehmensübergreifende Systeme, die koordiniert und mit Unterstützung eines externen Beraters verändert werden. Seine eigene Rolle sieht er im Strategischen – die operative Umsetzung liegt bei seiner Co-Geschäftsführerin.

Kündigungen, Vertrauen und der geordnete Rückzug

Müssen Unternehmer sich von Mitarbeitern trennen, rät Merath, es einmal entschlossen zu tun und die Salamitaktik zu vermeiden. Aus eigener Erfahrung weiß er, wie sehr wiederholte Kündigungswellen ein Team demotivieren. Für das schwierige Gespräch empfiehlt er, zwischen der persönlichen und der unternehmerischen Identität zu unterscheiden – den emotionalen Schmerz anzuerkennen und zugleich die Verantwortung für die verbleibenden Mitarbeiter klar zu benennen.

Den notwendigen Personalabbau vergleicht er mit einem militärischen geordneten Rückzug – dem schwierigsten Manöver überhaupt. Voraussetzung sei, dass der Unternehmer für sich selbst Klarheit und innere Sicherheit gewinnt, etwa indem er auch den Worst Case durchrechnet. Diese Sicherheit müsse er ins Team ausstrahlen, ergänzt durch Einzelgespräche, in denen er den Ängsten der Mitarbeiter zuhört.

Über die Zusammenarbeit mit seiner Co-Geschäftsführerin sagt Merath, blindes Vertrauen sei über Jahre gewachsen: Sie begann als Mitarbeiterin, bewährte sich in jeder Funktion bis zur Geschäftsführung. Wöchentliche Gespräche und ein monatlicher Führungstag schaffen ein gemeinsames Verständnis von Führung – die Grundlage des Vertrauens.

Wer bin ich ohne Position und Namen?

Auf die abschließende philosophische Frage – studiert hat Merath sieben Jahre Philosophie – verweist er auf eine tägliche Übung. Jeden Morgen verabschiedet er sich in Gedanken von allem, was er hat: vom Unternehmen, vom Vermögen. Am Ende sitzt er, wie er es nennt, auf einer grünen Wiese. Nach der Trauer kommt ein fast kindliches Gefühl: die Freude, neu anfangen zu können.

Hintergrund ist seine Überzeugung, dass wir uns zu oft an äußere Dinge binden – und aus der Angst vor deren Verlust dumme Entscheidungen treffen. Unternehmer, sagt Merath, müssen lernen, angstfrei zu handeln. Der Kern, der ihn ausmacht, sei eben jene Haltung jenseits aller Statussymbole: Man hat immer noch sich selbst.