China fasziniert und frustriert zugleich. Zu diesem Fazit kommt Hans Ratzmann, Gründer der digitalen Marketingberatung Quiet Bolt, nach einer Reise mit einer deutschen Wirtschaftsdelegation durch die Städte Tianjin, Beijing, Suzhou und Shanghai. Im Podcast Kevin allein im Marketing spricht er über den digitalen Vergleich zwischen Deutschland und China – über Robotik, Künstliche Intelligenz, den Automarkt und die kulturellen Unterschiede, die diesen Vorsprung überhaupt erst ermöglichen.
Ein erschlagender erster Eindruck
"Ich bin selten von einer Reise so inspiriert wiedergekommen, aber gleichzeitig auch ein bisschen frustriert", beschreibt Ratzmann seine Eindrücke. In vielen relevanten Industrien hänge Deutschland gefühlt uneinholbar hinterher – bei Geschwindigkeit, mittlerweile auch bei der Qualität. Das alte Klischee von China als Anbieter von "günstig und schnell" habe sich gewandelt.
Mittlerweile ist es halt nicht mehr nur günstig und schnell, sondern auch günstig, schnell und echt gut – und auf Augenhöhe mit dem, was wir so machen.
Roboter als Teil des Alltags
Besonders eindrücklich schildert Ratzmann seinen Besuch auf der World Intelligence Expo. Nahezu jeder Stand mit Robotik-Bezug präsentierte den bekannten Roboterhund – manchmal mit Kamera, manchmal in militärischer Ausführung. Die Assoziation zur dystopischen Black-Mirror-Folge "Metalhead" liegt nahe, doch der entscheidende Unterschied liege im Mindset: Während in Deutschland zuerst der Bedrohungsgedanke aufkomme, denke man in China vom Nutzen her.
Die Roboter werden bewusst vermenschlicht – etwa durch aufgesetzte Hundeköpfe oder nachgebildete Mimik –, um sie näher an die Menschen heranzubringen. In China seien Roboter bereits in Alltagsprozesse integriert.
Warum Deutschland zögert
Auf die Frage, warum Roboter hierzulande nicht längst den Fachkräftemangel in der Pflege lindern, verweist Ratzmann auf die Akzeptanz in einzelnen Branchen. Wo Automatisierung bereits etabliert sei – etwa in hochautomatisierten Lagern von Amazon oder bei Logistikern –, gelinge der Sprung zur vollständigen Robotik leichter. In Bereichen ohne diese Vorstufe sei der Weg von null auf hundert deutlich schwieriger.
- China integriert Neues schneller, weil das große Ganze und mögliche Performance-Hebel im Vordergrund stehen.
- Deutschland tut sich mit Neuem grundsätzlich schwerer – ein kulturelles Muster.
- Branchen ohne bestehende Automatisierungsschnittstelle haben es besonders schwer.
Datenschutz als wirtschaftlicher Faktor
Ein zentrales Thema ist der Umgang mit Daten. In Deutschland stehe der Datenschutz ganz oben – ein nobler Gedanke, so beide Gesprächspartner, verbunden aber mit einem realen wirtschaftlichen Nachteil. Ratzmann rechnet vor: Könnte man im Performance-Marketing sämtliche Daten tracken, ohne Cookie-Banner, ließe sich der Umsatz eines Kunden um rund 30 Prozent steigern.
In China existiere dieses Hemmnis nicht – zum Preis anderer Freiheiten. Ratzmann warnt ausdrücklich davor, China unkritisch zu loben: Beim Datenschutz mag man dort "draufscheißen", doch in Sachen Menschenrechte, Minderheitenschutz und Meinungsfreiheit sei vieles hochproblematisch. Das Social-Scoring-System bewerte etwa Verhalten wie zu häufiges Blitzen und könne den Zugang zu Flügen oder Events einschränken. Auch die Arbeitsbedingungen seien andere – lange Arbeitstage stehen einer vergleichsweise frühen Rente ab 55 gegenüber, in belastenden Fabriken sogar früher.
Apps ohne Wettbewerb
Bezahldienste wie WeChat und Alipay seien allgegenwärtig und staatlich reguliert. Auffällig sei jedoch die schlechte User Experience beider Apps. Ratzmanns Erklärung: Ohne echten Wettbewerb fehle der Anreiz zur Weiterentwicklung. Zum Vergleich zieht er den früheren Sky-Ticket-Player heran, der gegen Netflix chancenlos war. Der Wettbewerb in China finde weniger zwischen einzelnen Unternehmen statt, sondern zwischen ganzen Regionen, die miteinander konkurrieren.
Automotive: Wo China den Rang abläuft
Am deutlichsten zeigt sich der Vorsprung im Automobilsektor. Beim Delegationsbesuch beim Hersteller BAIC fiel Ratzmann vor allem die Kommunikation auf: Statt eines Lebensgefühls wie in der klassischen deutschen Autowerbung stünden konkrete Produktvorteile im Vordergrund – etwa dass die Batterie minus 40 Grad übersteht oder das Fahrzeug nach einem Aufprall weiterfährt. Ergänzt werde dies durch Teststrecken direkt vor Ort, auf denen Besucher die Fahrzeuge selbst erleben können.
Marken wie BYD und Xpeng drängen mit attraktiven Preisen auf den Markt. Ein BYD stehe einem Tesla in nichts nach, koste aber einen Bruchteil. Entscheidend sei: Autohersteller seien längst Softwareunternehmen geworden. Die Karosserie sei kein Alleinstellungsmerkmal mehr, bei Batterietechnik und Software habe China einen klaren Vorsprung – gerade im KI-Zeitalter.
KI: Deutschland spielt kaum eine Rolle
Bei Künstlicher Intelligenz sehen beide vor allem USA und China vorn. Eine echte deutsche KI existiere praktisch nicht – viele Tools setzen nur als Oberfläche auf bestehende Modelle auf. Ratzmann verweist auf Bytedances Videomodell Seedance, das als State of the Art gelte. Zwar seien US-Modelle wie ChatGPT, Claude und Gemini derzeit weiter als DeepSeek, doch DeepSeek sei deutlich effizienter und günstiger – was angesichts hoher KI-Bewertungen an der Börse für die großen Player gefährlich werden könne. Der Preis spiele bei der Auswahl eine wachsende Rolle, wie auch der Erfolg von Temu und Shein zeige.
Was Ratzmann aus China mitnimmt
Für seine eigene Arbeit zieht Ratzmann konkrete Schlüsse: Er plant eine eigene Delegation mit stärkerem Marketingfokus. Viel Inspiration nimmt er aus dem B2B-Segment mit – etwa aus der plakativen, im Comic-Stil gehaltenen Kommunikation großer Marken auf der World Intelligence Expo. Sein Handy sei voll mit Design-Fotos, und die plakative, fast an Disneyland erinnernde Ladengestaltung in Peking könne seiner Einschätzung nach auch in Deutschland funktionieren.