In der Podcast-Folge von "Handwerk spricht" gibt Tobias Schnabel, Verkaufsleiter für die Region Berlin/Brandenburg beim Dachdeckereinkauf Ost, Einblicke in die aktuellen Herausforderungen des Baustoffhandels und des Dachdeckerhandwerks. Zwischen rückläufigem Neubaumarkt, Fachkräftemangel und dem Einzug künstlicher Intelligenz zeichnet er ein überraschend optimistisches Bild – und plädiert für mehr Selbstbewusstsein im Handwerk.
Sechs Standorte, 120 Mitarbeiter und ein Versorgungsauftrag
Schnabel verantwortet als Verkaufsleiter eine Region, die grob von Mecklenburg bis nach Cottbus reicht. Sechs Standorte mit knapp 120 Mitarbeitern gehören zu seinem Verantwortungsbereich, die Zentrale des Unternehmens liegt in Braunschweig. Als Genossenschaft, so betont er, umspanne man mit Niedersachsen, Sachsen-Anhalt sowie Berlin und Brandenburg vergleichsweise viele Bundesländer und sei deshalb in einzelne Regionen aufgeteilt.
Ein wesentlicher Unterschied zu anderen Händlern sei der Versorgungsauftrag der Genossenschaft. Entsprechend groß werde der Service geschrieben: Für Bereiche wie Photovoltaik, Fassade und Gründach gebe es eigene Abteilungen mit Spezialisten, die den Mitgliedern und Kunden zur Seite stehen.
Neubau schwächelt – Sanierung wird zur Chance
Dass der Neubaumarkt rückläufig ist und Investoren zurückhaltend agieren, verschweigt Schnabel nicht. Doch er warnt davor, die Lage schlechtzureden. Gerade dem Dachdeckerhandwerk gehe es weiterhin nicht schlecht, sofern die Rahmenbedingungen stimmen. Der Grund: eine zu niedrige Sanierungsquote und ein wachsender Sanierungsstau.
Aufgeschobene Sanierungen seien nicht aufgehoben, denn Gebäude müssten irgendwann instand gesetzt werden. Hinzu kämen Zukunftsthemen wie Photovoltaik, Gründach und Fassadenbegrünung, bei denen man vielerorts erst am Anfang stehe. Die aktuelle Konjunkturdelle biete daher zugleich Chancen – vorausgesetzt, die Betriebe richten sich neu aus.
Man muss sich halt nur neu ausrichten, damit wir nicht irgendwann mal den Handwerker Nokia haben oder den Dachdecker.
Der Handel unterstützt die Betriebe dabei, Berührungsängste abzubauen. Wenn die ersten PV-Anlagen oder Gründächer realisiert seien, merke der Dachdecker schnell, dass es "gar nicht wehtut", so Schnabel. Die Lernkurve steige rasch – und der Händler begleitet diesen Einstieg bewusst eng, um gute Kunden langfristig zu binden.
Digitalisierung und KI: mit dem Zug fahren, statt hinterherlaufen
Ein zentrales Thema des Gesprächs war die Digitalisierung und der Einsatz künstlicher Intelligenz. Schnabel machte deutlich, dass sich sein Unternehmen intensiv damit beschäftigt und bereits an einer eigenen KI-Lösung arbeitet – etwa im Angebotswesen. Konkrete Details wollte er nicht verraten, kündigte aber an, dass erste Anwendungen bereits im kommenden Jahr nutzbar sein könnten.
Charakteristisch für diese Entwicklungen sei ihr Tempo: Man plane nicht in Jahren, sondern in Monaten. Das Handwerk müsse nicht zwingend der Erste sein, sollte aber "mit dem Zug mitfahren", statt sich neuen Technologien zu verschließen.
Als Kernaussagen lassen sich festhalten:
- Digitalisierung und KI sollen entlasten statt zusätzliche Arbeit schaffen.
- Der Handel gibt den Anstoß, doch die Betriebe müssen die Umsetzung selbst mittragen.
- Neue Themen wie PV, Gründach und Fassadenbegrünung eröffnen zusätzliche Geschäftsfelder.
Fachkräftemangel und der Blick auf die Automobilindustrie
Der "War for Talents" belastet auch den Baustoffhandel. Schnabel verweist auf umfangreiche eigene Recruiting-Aktivitäten, um junge Menschen ins Unternehmen zu holen und selbst auszubilden. In der Region Braunschweig, dem Sitz der Zentrale, sei man als Arbeitgeber gegenüber der Volkswagengruppe lange "zweiter Sieger" gewesen – ein Zustand, der sich angesichts der Umbrüche in der Automobilbranche nun ändern könnte.
Zugleich verhehlte er nicht, dass die Zusammenführung nicht ohne Weiteres gelinge. Menschen, die ihren Job in der Industrie verlieren, brächten oft eine bestimmte Anspruchshaltung mit. Es brauche daher ein gegenseitiges Aufeinanderzugehen. Auch der demografische Wandel spiele eine Rolle: Die Babyboomer gehen in Rente, und wenn Hände fehlen, schrumpft im schlimmsten Fall auch der Umsatz im Handwerk.
"Der selbstständige Handwerksmeister ist der Chefarzt von gestern"
Zum Abschluss richtete Schnabel einen deutlichen Appell an das Handwerk. Der Beruf habe goldenen Boden wie kaum je zuvor, doch man müsse das den jungen Leuten auch vermitteln. Zugleich beklagte er, dass der gesellschaftliche Stellenwert nicht dort liege, wo er hingehöre. Zwar sei jeder froh, wenn der Handwerker komme, doch im Vergleich zu Ärzten oder Architekten werde die erbrachte – auch technisch anspruchsvolle – Leistung häufig nicht ausreichend gewürdigt.
Sein Hack für die Zuhörerinnen und Zuhörer ist deshalb weniger ein Trick als eine Haltung: offen bleiben, sich breiter aufstellen, sich an neue Themen herantrauen und die junge Generation mitnehmen. Den Generationenkonflikt habe es immer gegeben, doch jede Generation bringe ihre Vorteile mit.
Es geht ohne das Handwerk nicht, seid selbstbewusst, geht raus, traut euch an neue Sachen ran. Ja, es tut weh, alle Neuerungen, aber der Schmerz ist nur kurz.
Das Handwerk sei die zweite Wirtschaftsmacht in Deutschland und könne durchaus auf Augenhöhe mit der Automobilindustrie treten. Als Teil von Energie- und Zeitenwende dürfe die Branche selbstbewusst auftreten und auch etwas einfordern – denn ohne das Handwerk ließen sich die großen politischen Vorhaben nicht umsetzen.