Was treibt einen Handwerksunternehmer an, sich weit über den eigenen Betrieb hinaus zu engagieren? Für Andreas Krebs, 49 Jahre alt und Geschäftsführer eines Gerüstbaubetriebs sowie in der Handwerkskammer aktiv, ist die Antwort einfach: Freude an der Arbeit. In der Podcast-Folge von Handwerk spricht erzählt er, wie er selbst zum Gerüstbau fand, warum Wertschätzung wichtiger ist als reines Gehalt und wie er mit konkreten Schulprojekten den Nachwuchs für das Handwerk begeistert.
Freude als Motivation und als Auftrag an die nächste Generation
Krebs beschreibt seinen eigenen Antrieb klar: "Ich habe sehr viel Spaß an Arbeit." Genau das möchte er auch jungen Menschen mitgeben. Er investiert Energie darin, Jugendlichen zu vermitteln, dass sie ausprobieren dürfen, woran sie Freude haben, und dass sie dabei Mut fassen sollten.
Ein zentrales Thema ist für ihn die Kommunikation zwischen den Generationen. Kinder würden heute demokratisch erzogen, man rede über alles – und diese Haltung müsse auch in die Berufswelt übertragen werden. Statt Erwartungen aufzudrücken, gehe es darum, junge Menschen dort abzuholen, wo sie stehen, und auf Augenhöhe zu diskutieren.
Wertschätzung schlägt reines Gehalt
Zwar bestätigt Krebs, dass die Ausbildungsvergütung – zumindest im Tarifgefüge – attraktiv sei und Geld eine elementare Rolle spiele. Doch die eigentliche Aufgabe der Betriebe sieht er darin, Werte zu setzen. Neben der Bezahlung zählten Wertschätzung und der eigene Platz im Leben.
Hier sieht er einen strukturellen Vorteil kleinerer Handwerksbetriebe: Bis etwa 15 bis 20 Mitarbeitende gelinge es, wirklich nah am Menschen zu bleiben. In großen Konzernen mit mehreren Hierarchieebenen gingen Werte verloren, weil die Geschäftsleitung kaum noch Kontakt zum Personal habe.
Mir ist wichtig, wie geht's den Familien, wie geht's den Frauen, wie geht's den Kindern? Und das hat man in großen Konzernen gar nicht.
Vorurteile gegen den Gerüstbau entkräftet
Krebs räumt mit gängigen Klischees auf. Der oft befürchtete Sicherheitsaspekt und die vermeintlich reine Knochenarbeit gehörten weitgehend der Vergangenheit an. Der Markt und die Materialien hätten sich stark weiterentwickelt: Querschnitte und Gewichte seien erheblich reduziert worden.
Auch die Technik habe den Beruf verändert. Wo er in den 1990er-Jahren Material noch von Hand vier Meter in die Höhe reichen musste, kämen heute Bauaufzüge und Transportbühnen zum Einsatz. Von seinen Mitarbeitern würde er die alte, körperlich zehrende Arbeitsweise nicht mehr erwarten.
Ausdrücklich wirbt er dabei um weibliche Fachkräfte. Durch die verbesserten Arbeitsbedingungen sei im Gerüstbau längst Platz für Frauen – und viele Mädchen seien "deutlich tougher" als manche Jungs. Sein Wunsch: eine eigene Frauenkolonne aufzubauen und zu fördern.
Ein Umweg, der zum richtigen Weg wurde
Seinen eigenen Berufsweg schildert Krebs als Beispiel dafür, wie wichtig es ist, Fehler und Umwege zuzulassen. Mit 15, 16 Jahren begann er eine Maurerausbildung – auf Wunsch der Familie, in der es bereits zwei Maurer gab. Doch der Beruf lag ihm nicht.
Als er während der Ausbildung gelegentlich Gerüste bauen durfte, entdeckte er seine Leidenschaft. Er bewarb sich bei einer Gerüstbaufirma, absolvierte eine Umschulung – gerade als der Gerüstbau zum Ausbildungsberuf wurde – und wurde Gerüstbauer. "Nie bereut", sagt er heute. Es sei der schönste Schritt seines Lebens gewesen.
Digitalisierung und professionelle Baustellenplanung
Auch technisch hat sich für Krebs viel getan. Schon während seiner Meisterausbildung ab 2003 zeigte er eine ausgeprägte Computeraffinität – mit Excel und Zeichenprogrammen. Diese Fähigkeit brachte ihm eine elfjährige Stelle als Bauleiter ein, weniger wegen seiner Gerüstbaukompetenz als wegen seines Umgangs mit dem Computer.
Heute vermessen seine drei Bauleiter die Baustellen vorab und bereiten sie vor. Das Improvisieren früherer Jahre – "lade von allem etwas auf" – sei weder wirtschaftlich noch sicher. Bei einem sicherheitsrelevanten Arbeitsmittel wie dem Gerüst sei planloses Basteln fatal, zumal die Ressource Mensch heute die teuerste sei.
Sicherheit, Haftung und die Rolle der Nutzer
Als Sachverständiger weist Krebs auf klare Verantwortlichkeiten hin. Unwissenheit schütze nicht vor Strafe. Der Gerüstbauer sei zur Abnahme durch eine befähigte Person verpflichtet, jeder Nutzer müsse zusätzlich eine Augenscheinnahme durchführen – und prüfen, ob das Gerüst zu seinen Arbeiten passt.
Denn ein für den Dachdecker perfektes Gerüst könne für den Maler völlig falsch sein. Idealerweise plane ein Bauherr mit einem geeigneten SiGeKo die Baustelle komplett durch, bevor das Gerüst bestellt wird. In der Realität laufe es oft umgekehrt – mit dem Ergebnis, dass falsch bestellt wurde. Die Berliner Gewerbeaufsicht kontrolliere inzwischen deutlich strenger und sanktioniere säumige Bauherren.
Fachkräfte gewinnen: Brücken bauen statt abwarten
Beim Thema Fachkräftemangel setzt Krebs auf Gelassenheit im Betrieb – man arbeite mit den vorhandenen Leuten und schiebe Aufträge notfalls ins nächste Jahr – und auf aktives Engagement beim Nachwuchs. Seit 2018 ist er als Berliner Schulpate unterwegs, seit zwei Jahren im Projekt "Unternehmen mit Klasse", für das er den Ausbildungspreis 2024 erhielt.
- Schulbesuche im Speed-Dating-Format geben Einblick in die Berufe.
- Betriebsbesuche lassen Schülerinnen und Schüler selbst kleine Gerüste aufbauen.
- Als Pate begleitet er eine Klasse von der siebten bis zur zehnten Jahrgangsstufe.
Sein Ziel: Hemmungen abbauen und Visionen pflanzen. Viele Jugendliche machten Abitur nur, weil die Eltern es wünschten oder weil ihnen der Mut für eine Ausbildung fehle. Seine Botschaft an junge Menschen lautet: "Setz deine Latte niemals so tief." Wer mit 16 noch nicht wisse, was in ihm stecke, solle sich ausprobieren – und auch falsche Wege zulassen.
Zum Abschluss appelliert Krebs, das Handwerk müsse sich selbst besser positionieren. Man habe die Akquise lange stiefmütterlich behandelt, doch in den vergangenen fünf Jahren seien viele wach geworden. Kammern und Innungen könnten begleiten, doch darstellen müsse sich die Branche selbst. Sein augenzwinkerndes Fazit: Er freue sich auf den Tag, an dem der Handwerker mit Blaulicht durch die Stadt fährt.