Der Schornsteinfeger gilt seit jeher als Glücksbringer – doch hinter dem traditionsreichen Berufsbild steckt heute weit mehr als Kehrbesen und Zylinder. Alain Rappsilber, Schornsteinfegermeister, Energieberater und bevollmächtigter Bezirksmeister in Berlin, gibt im Podcast Handwerk spricht einen tiefen Einblick in einen Beruf, der zwischen Tradition und Hightech, zwischen Sicherheit und Energiewende steht. Nach 34 Jahren im Handwerk und 13 Jahren als Bevollmächtigter im Auftrag des Berliner Senats kennt er die Menschen in seinem Kehrbezirk buchstäblich von der Windel an.

Ein Beruf mit Einblick in alle gesellschaftlichen Schichten

Was den Beruf für Rappsilber ausmacht, ist die tägliche Begegnung mit ganz unterschiedlichen Menschen. Obwohl er immer im selben Bezirk unterwegs ist, lernt er stets neue Lebenswelten kennen. Er spricht davon, gesellschaftlich "Fahrstuhl fahren" zu dürfen – vom Multimillionär bis zu Menschen, die kaum wissen, wie sie ihre Energiekosten stemmen sollen.

Die Bandbreite reicht dabei auch technisch von Welt zu Welt: von der Platte in Hellersdorf über Kreuzberg und Neukölln bis zum Berliner Altbau. Gerade im Altbau, so betont er, gleiche kaum eine Wohnung der anderen – anders gesetzte Wände, unterschiedliche Mauerung, verschiedene Heizsysteme. Sein Werkzeug reicht heute vom analogen Kehrbesen bis zur Wärmebilddrohne, moderner Kameratechnik und Messcomputern.

Die neutrale Position als entscheidender Vorteil

Zentral für sein Selbstverständnis ist die Neutralität. Anders als Industrie und Installateure verkauft der Schornsteinfeger keine Heizung, keine Wärmepumpe und keine Lüftungsanlage. Genau darin liegt laut Rappsilber der große Wert – und zugleich der Grund für gelegentlichen Konflikt: Wo verkauft und schnell eingebaut wird, fehlt oft die intensive Beratung.

Als Beispiel schildert er eine falsch errichtete Wärmepumpe, die sich als "Riesenwasserkocher" entpuppte. Die Außeneinheit fehlte, die Mieterin klagte über exorbitante Verbräuche. "Gut verkauft" sei das gewesen, so seine ernüchternde Bilanz – doch technisch ein Desaster.

Die Wärmepumpe ist ein gutes Produkt, sie muss aber wirklich richtig eingebaut werden, weil sonst ist es eine Energievernichtungsmaschine.

Er verweist zudem auf den hydraulischen Abgleich, der seit 1983 technisch vorgeschrieben ist, aber nie kontrolliert wurde. Hätte man ihn konsequent umgesetzt, wären laut Rappsilber Milliarden für die Energiewende eingespart worden.

Sicherheit und die Tücken dichter Gebäude

Ein Kernauftrag des Handwerks bleibt der Schutz der Menschen – vor Feuer, vor Ersticken und mitunter vor sich selbst. Rappsilber macht deutlich, wie sensibel das Zusammenspiel im Gebäude ist: Schon ein ausgetauschtes Fenster oder eine abgedichtete Hausflurtür kann für eine Gasfeuerstätte kritisch werden, weil die notwendige Luftzufuhr wegfällt.

Je dichter und besser gedämmt Häuser werden, desto wichtiger wird das Thema Lüftung. Doch häufig werde der Mensch nicht mitgenommen: Falsches Lüftungsverhalten führt zu Schimmel, kontrollierte Wohnraumlüftung fehlt. Sein Fazit: "Wer zu billig baut, baut manchmal zwei- oder dreimal."

  • Der Schornsteinfeger berät neutral, ohne Produkte zu verkaufen.
  • Falsch eingebaute Technik verursacht hohe Kosten und Frust.
  • Dichtere Gebäude erfordern bewusste Lüftungskonzepte.
  • Das Handwerk verfügt bundesweit über mehr als 11.000 Energieberater.

Fehlende Ausbildungsstätten bremsen die Wärmewende

Deutlich Kritik übt Rappsilber an den Rahmenbedingungen für die Ausbildung. In Berlin gebe es kaum moderne Ausbildungsstätten – Berliner Azubis müssten inzwischen nach Hannover geschickt werden, wo das modernste Ausbildungszentrum für Lüftung und Wärmepumpen entstanden ist. In Berlin hänge nicht einmal eine Brennwerttherme zur Schulung an der Wand.

Der Grund liege in einer langsamen Verwaltung: Modernisierungen der öffentlichen Hand dauerten acht bis zehn Jahre. Angesichts des Ziels, bis 2045 auf fossile Öfen zu verzichten, sei das schlicht zu spät. Bemerkenswert: In der Ausbildung der Schornsteinfeger war die Wärmepumpe deutlich länger im Stundenplan verankert als bei anderen Gewerken.

Ihr erzählt immer schön, warme Worte gibt's genug, aber ich bin Handwerker, ich will sehen, dass der Nagel oder die Wand nachher fertig ist.

Schwarz bringt Glück: ein Kalender gegen Vorurteile

Ein besonderes Herzensprojekt entstand während der Corona-Zeit. Ausgelöst durch die Meldung, dass schwarze Tiere deutlich länger im Tierheim bleiben, entwickelte Rappsilber die Idee zu einem Kalender unter dem Motto "Schwarz bringt Glück". Zwölf Kolleginnen und Kollegen posieren darin mit schwarzen Tieren aus dem Tierheim Berlin.

Die ersten 500 Exemplare waren schnell vergriffen, inzwischen läuft die fünfte Auflage mit Beteiligung aus mehreren Bundesländern. Die Erlöse fließen zu 100 Prozent – lediglich der Druck wird bezahlt, Fotografen und Tiertrainerin arbeiten kostenlos. Fast alle abgebildeten Tiere wurden vermittelt. Die Botschaft: Vorurteile treffen Tiere wie Menschen gleichermaßen ungerecht.

Nachwuchs und die Wertschätzung des Handwerks

Beim Nachwuchs steht das Schornsteinfegerhandwerk vergleichsweise gut da. Rekrutiert wird oft über Familien, und durch den täglichen Kontakt in den Wohnungen ergeben sich direkte Ansprechmöglichkeiten. Der Frauenanteil ist mit rund 30 bis 40 Prozent hoch – bereits seit den Siebzigern setzt der Beruf auf Frauen. Gute Bezahlung, keine Wochenendschichten und Zusatzleistungen tragen zur Attraktivität bei. Berlin weist laut Rappsilber eine Ausbildungsquote von knapp 27 Prozent auf.

Abschließend plädiert er für eine Aufwertung des Handwerks. Aus dem Handwerk sei die Industrie erst entstanden – und am Ende bade das Handwerk die Fehler der Industrie aus. Sein Appell an die Verbraucher: nicht immer das billigste Angebot wählen, sondern auf Qualität und ausgebildete Fachleute setzen. Sein persönlicher Tipp zum Energiesparen: Heizkörper zwischen den Platten reinigen, entlüften, keine Vorhänge davor hängen und für Luftzirkulation sorgen – bis zu 20 Prozent Einsparung seien so möglich. Und natürlich: den Schornsteinfeger fragen, denn "die helfen euch immer".