In der fünften Folge der vierten Staffel von Commerce Famous wird der Spieß umgedreht: Diesmal steht nicht der Gastgeber im Mittelpunkt, sondern sein Gast Scott Ohsman, VP of Digital Commerce bei Quickfire und Host des E-Commerce-Podcasts Always Off Brand. Im Gespräch erzählt Ohsman von seinem Werdegang, seiner Leidenschaft für unterhaltsame Formate und davon, warum ehrliche Gespräche in einer von Marketing-Sprech geprägten Branche so selten und so wertvoll sind.
Die Idee hinter Always Off Brand
Ohsmans Podcast Always Off Brand verfolgt ein klares Ziel: das komplexe Ökosystem aus E-Commerce, Retail und Technologie zu vereinfachen und gleichzeitig zu unterhalten. Das Motto lautet "laugh and learn" – lachen und lernen. Mit Soundeffekten, einem Gameshow-Format und viel Witz will Ohsman auch jene erreichen, die nicht seit Jahrzehnten in der Branche unterwegs sind.
Der Podcast startet nach über 300 Folgen in sein sechstes Jahr als wöchentliches Format. Zusammen mit seinen Co-Hosts Summer Jubelier und Haley Brucker, die das News-Segment übernimmt, hat Ohsman eine Show geschaffen, die durch ihre Persönlichkeit heraussticht. Ein zentrales Anliegen war ihm von Beginn an, mehr weibliche Stimmen im E-Commerce sichtbar zu machen.
Ein Werdegang durch alle Handelskanäle
Ohsmans Karriere begann als unabhängiger Handelsvertreter für mehrere Marken. Über seine Schwiegermutter, die in der Outdoor-Specialty-Branche rund um Seattle tätig war, stieg er als sogenannter Sub-Rep ein. In den mittleren Neunzigern verkaufte er JanSport-Rucksäcke – zu einer Zeit, als diese förmlich explodierten.
Diese Anfangsjahre beschreibt er als eine Art MBA im Einzelhandel: Er verkaufte an Fachhändler wie REI, an Kaufhäuser wie JCPenney, an große Sportartikelketten und schließlich auch an Costco. Über zehn bis fünfzehn Jahre lernte er das Schuh-, Hartwaren- und Bekleidungsgeschäft kennen. 2004 folgte der entscheidende Karrieresprung: Er wurde Key-Account-Manager bei The North Face und betreute REI, den damals größten Kunden des Unternehmens. Später wechselte er zu Columbia Sportswear, kehrte dann aber wieder zu den unabhängigen Marken zurück.
Der Sprung in den Amazon-Kosmos
Ab 2006 zog es Ohsman zunehmend in den Bann von Amazon. Sein Büro lag nur wenige Minuten vom Amazon-Campus entfernt, den er zweimal pro Woche besuchte. Er beschreibt die frühen Tage als mühsam: Produktdetailseiten mussten im Dial-up-Modus einzeln hochgeladen werden – bei einer Marke seien es 722 SKUs gewesen, die er manuell einpflegen musste.
Ich mochte sie nicht, aber ich musste es herausfinden, weil ich sehen konnte, wohin sich das entwickelt.
Rund 2012/2013 erkannte Ohsman das Potenzial des Third-Party-Marktplatzes. Er kaufte seinen Geschäftspartner aus und gründete eine eigene Amazon-Agenturabteilung namens Cairnco – zu einer Zeit, als es landesweit kaum vergleichbare Anbieter gab. 2018 fusionierte er mit BuyBox Experts, einem auf den Third-Party-Marktplatz spezialisierten Unternehmen. 2021 wurde das Unternehmen an Spreetail verkauft, doch Ohsman war zu diesem Zeitpunkt bereits zu Quickfire gewechselt, einer Full-Service-Agentur für digitales Marketing rund um Konsumgüter.
Warum ehrliche Gespräche zählen
Ein zentrales Motiv für Always Off Brand war für Ohsman die Freiheit, offen sprechen zu können. Als Mitarbeiter großer Marken musste er sich zurückhalten – echte Gespräche fanden traditionell erst nach Konferenzen bei einem Getränk statt. Genau diese Ehrlichkeit will er nun in seine Show bringen.
Im Gespräch loben beide Gesprächspartner den Wert unverstellter Kommunikation. Gerade weil viele Führungskräfte großer Unternehmen nur sterilisierte Aussagen liefern, sei es schwer, daraus praktisch nutzbare Erkenntnisse zu ziehen. Besonders hervorgehoben werden Ohsmans Recaps der Amazon-Quartalszahlen, bei denen er die Aufzeichnung des Earnings-Calls abspielt und mit eigenen Kommentaren unterbricht, um die Bedeutung für den Geschäftsalltag herauszuarbeiten. Diese "juicy nuggets", wie er sie nennt, sollen den Hörern konkrete, umsetzbare Einsichten liefern.
Der Umgang mit dem KI-Hype
Auch das Thema Künstliche Intelligenz kam zur Sprache. Ohsman berichtet, dass die Branche vom KI-Hype bereits ermüdet sei – auf der eTail in Palm Springs habe er den Eindruck gewonnen, dass viele das Thema überhaben. Dennoch sieht er echten Mehrwert bei Unternehmen, die KI sinnvoll einsetzen, etwa im Umgang mit unübersichtlichen Katalogen und komplexen Datenflüssen im Enterprise-Bereich.
Sein Ansatz bleibt derselbe wie immer: die Grundlagen betonen, den Marketing-Ballast wegschneiden und die entscheidende Frage stellen – bringt es tatsächlich Geld ein und spart es Zeit? Beide sind sich einig, dass vor allem Berichte von Händlern und Agenturen darüber, wie sie KI konkret anwenden, besonders wertvoll wären.
Der unterschätzte B2B-Markt
Ein wiederkehrendes Thema war die Bedeutung des B2B-Geschäfts. Der B2B-Markt sei rund viermal größer als der B2C-Markt, betonen beide. Zugleich sei er deutlich kniffliger, da es keine Einheitslösung gibt. Genau darin liegt für Ohsman der Reiz: Bei Veranstaltungen wie dem Shoptoberfest treffe er auf Händler, Lösungsanbieter und Agenturen, die den Alltag konkret gestalten – nicht besonders glamourös, aber genau das, was das Geschäft antreibt.
Ausblick und Kontakt
Zum Abschluss wurde das kommende Shoptoberfest angekündigt, das im September in Nashville stattfinden soll – diesmal in der Nähe der Grand Ole Opry. Ohsman freut sich besonders auf Live-Aufnahmen vor Ort, bei denen er mit vier Mikrofonen spontan Gäste einfängt. Der bisherige Rekord liegt bei neun aufgezeichneten Folgen an einem Event, der diesmal übertroffen werden soll.
Wer mehr von Scott Ohsman hören möchte, findet Always Off Brand überall dort, wo es Podcasts gibt, sowie auf YouTube. Und wer ihn persönlich treffen will: Auf nahezu jedem großen E-Commerce-Event – von eTail über ShopTalk bis Shoptoberfest – ist er anzutreffen.