Im E-Commerce ändert sich vieles – und doch bleibt vieles gleich. Diese Erfahrung teilt Ethan Giffin, Gründer der Baltimorer Agentur GrooveCommerce, im Gespräch mit Ben Marks im Commerce Famous Podcast. Seit siebzehn Jahren begleitet Giffin Marken und Händler durch wechselnde Plattformen, neue Tools und immer neue technische Anforderungen. Sein zentrales Credo: Design, Entwicklung und Marketing gehören zusammen – und die beste Technologie nützt wenig, wenn niemand da ist, der sie richtig einsetzt.
Ein Team, drei Disziplinen unter einem Dach
GrooveCommerce versteht sich als kreatives Studio, das E-Commerce-Engineering und Growth-Marketing verbindet – als Partner von BigCommerce, Shopify und Shopware. Der Ansatz, alle Disziplinen unter einem Dach zu vereinen, entstand aus persönlicher Frustration. Als Giffin noch auf Kundenseite arbeitete, jonglierte er mit einer SEO-Agentur, einer Entwicklungsagentur, einer Media- und einer Pay-per-Click-Agentur sowie einer Branding-Agentur. Das Problem: Sie alle arbeiteten gegeneinander.
Für Giffin ist deshalb klar, dass sich die Disziplinen gegenseitig beeinflussen. Die kreative Gestaltung wirkt sich auf Ladegeschwindigkeit, Core Web Vitals, Conversion Rate und SEO aus. Nur wenn Marketing- und Entwicklungsteam gemeinsam an einer Aufgabe arbeiten – etwa an der oft trickreichen Umstellung auf Google Analytics 4 – lassen sich technische Konflikte in Theme-Dateien und die berüchtigten „Gremlins“ zuverlässig lösen.
Probleme frühzeitig lösen statt hinterherlaufen
Viele der Probleme, mit denen Kunden zur Agentur kommen, haben laut Giffin eine gemeinsame Ursache: veralteter Code. Häufig sei die Theme-Basis eines Shops ein bis drei Jahre hinter dem Stand, den die Plattform bereitstellt. Wer seine Updates von Hand einspielt statt sie vollständig zu übernehmen, verpasst Funktionen.
GrooveCommerce setzt deshalb auf Prävention: interne Lunch-and-Learns, definierte Prozesse und ein aktives Beobachten des Marktes. Wie verändern sich Plattformen? Wie entwickeln sich Partner-Tools wie Klaviyo oder Searchspring, und wie beeinflusst deren Code die eigenen Projekte? Ziel ist es, Veränderungen möglichst früh zu verstehen und die eigene Haltung dazu rechtzeitig zu formen.
Weniger ist mehr: den Tech-Stack verschlanken
Ein wiederkehrendes Thema in der aktuellen wirtschaftlichen Lage ist die kritische Prüfung des gesamten Tech-Stacks. Giffin beobachtet, dass viele Händler über Jahre eine regelrechte „App-Manie“ entwickelt haben – und dabei oft nur einen Bruchteil der Funktionen tatsächlich nutzen.
Oftmals hat eine App, für die man ohnehin schon bezahlt, 60 bis 70 Prozent dessen, was eine weitere kostenpflichtige App bietet – und selbst die nutzt man nur auf sehr grundlegendem Niveau.
Jede zusätzliche App, jedes weitere JavaScript – ob nativ eingebunden oder über den Tag Manager – bringt Gewicht mit sich und belastet die Performance. GrooveCommerce reduziert dieses Gewicht so weit wie möglich und prüft den Stack idealerweise jährlich gemeinsam mit den Kunden. Manches, wofür Händler zahlen, lässt sich mit etwas Entwicklungsaufwand nativ im Theme oder in der Plattform abbilden. Wichtig ist Giffin dabei die Betonung: Man schätze die eigenen Tech-Partner – doch es gebe eben gute und weniger gute Produkte, und die Auswahl sei situativ. Was für einen Händler die beste Lösung ist, muss es für einen anderen nicht sein.
Partnerschaften und der Wert von echter Erfahrung
Bei der Auswahl von Partnern achtet GrooveCommerce auf zwei Kriterien zugleich: möglichst reibungslose Integration und gleichzeitig Best-of-Breed-Qualität, die Kunden auf das nächste Level bringt. Mehrfach hat die Agentur bereits selbst Integrationen für Plattformen entwickelt. Entscheidend sei, dass die Tools für die Kunden tatsächlich Leistung bringen.
Für Giffin zählt zudem Authentizität. Wer technische Verantwortung trägt, muss die Software und das Umfeld wirklich verstehen. Deshalb legt er Wert auf Mitarbeitende, die ihr Handwerk beherrschen – ebenso wie darauf, dass ein Tech-Lead auf Plattformseite mit jemandem sprechen kann, der die Arbeit selbst gemacht hat, statt nur mit Vertriebspersonal.
Mehr als Stunden gegen Geld: Value als Prinzip
Etwa die Hälfte des Geschäfts von GrooveCommerce entfällt auf projektbasierte Neu-Builds, die andere Hälfte auf Growth-Services – von Managed Services bis Marketing. Reine Abrechnung von Stunden gegen Geld lehnt Giffin ab; es müsse immer einen Mehrwert geben. Dazu gehören monatliche Accessibility-Scans mit direkter Behebung gefundener Probleme, sogenannte QBRs mit vollständigem 360-Grad-Review jedes Kanals sowie ein eigenes Dashboard für Kunden.
Ein Novum in diesem Jahr: Das neue Büro in Baltimore teilt sich einen Aufzugsschacht mit einem Marriott-Hotel. Dort veranstaltet die Agentur ihren ersten Kunden-Summit mit rund 30 bis 40 Teilnehmenden – bewusst klein gehalten, mit Gastrednern und der Möglichkeit zum Networking. Giffins Idee dahinter: eine Art Mastermind-Gruppe, in der Kunden voneinander lernen, tieferen Zugang zu Software und Partnern erhalten – und in der die Agentur zugleich die Arbeit übernimmt und den Return sichert.
- Design, Entwicklung und Marketing wirken zusammen auf Speed, Conversion und SEO.
- Veralteter Theme-Code ist häufigste Ursache technischer Probleme.
- Tech-Stacks jährlich prüfen und konsequent verschlanken.
- Plattformen brauchen Agenturen: Accounts mit Agenturbetreuung zeigen deutlich geringere Churn-Raten.
Ausblick: SEO ist nicht tot, nur anders
Für den Rest des Jahres und darüber hinaus setzt GrooveCommerce Schwerpunkte auf Site Speed, Conversion Rate und SEO – Themen, die eng miteinander verwoben sind. Dem oft gehörten Satz, SEO sei tot, widerspricht Giffin entschieden. SEO habe sich verändert und verschoben, von den frühen Suchmaschinen über Yahoo bis zu Google – und heute spielten auch Amazon und TikTok eine Rolle. Solange Menschen nach Dingen suchen, bleibt Sichtbarkeit in der Suche entscheidend.
Giffin betont, dass gute Agenturen unabhängig von der eingesetzten Plattform in der Lage sein müssen, Kundenanforderungen zu bewerten und die passende Lösung zu wählen – für heute und für das angestrebte Wachstum. Gerade Händler fühlten sich angesichts umfangreicher Software wie Shopware oft verloren oder abgehängt. Hier sieht er die Aufgabe der Agentur: Orientierung geben, schulen und aktuell halten.
Neue Podcasts und ein klares Selbstverständnis
Zum Abschluss stellt Giffin sein neues Format vor: den Podcast „Ecommerce Masters“, in dem er Gründer und Führungskräfte von Marken und Händlern ab etwa 10 Millionen GMV zu ihren Karrieren, Fehlern und Herausforderungen befragt. Ein zweites Format, „The Ecommerce Marketer“, soll tiefer in Plattformen, Tools und Marketingstrategien eintauchen. Für all das hat die Agentur im neuen Büro ein eigenes Videostudio eingerichtet.
Sein Selbstverständnis fasst Giffin transparent zusammen: agnostisch bei Plattformen, ehrlich im Rat – bis hin zu einem Kunden, der auf der Bühne sagte, das Team scheue sich nicht, ihm zu sagen, wenn er verrückt sei. Denn nur wenn Händler die richtige Lösung erhalten, bleiben sie langfristig erfolgreich – und das nützt der gesamten Branche.