In der dreißigsten Ausgabe des Podcasts Behind the Story spricht der Gastgeber mit Martin Brosy – SEO-Experte, Unternehmer, Dozent, Autor und mittlerweile auch Reporter an der Front in der Ukraine. Es ist die Geschichte eines Menschen, der aus schwierigen Verhältnissen kommt, früh Verantwortung übernehmen musste und heute vor allem eines antreibt: das Bestmögliche aus sich herauszuholen und für seine Werte einzustehen. Ein Gespräch über Herkunft, Haltung und die Frage, wie man Pflicht und Freiheit miteinander vereinbart.

Eine Kindheit zwischen Mangel und Zusammenhalt

Martin Brosy, 1986 geboren, wuchs als eines von vier Kindern in Berlin auf – zunächst in Lichtenberg. Die Familie war sozialökonomisch schwach und auf staatliche Unterstützung angewiesen. Seine Mutter war über weite Strecken alleinerziehend, der Vater als Fernfahrer nur am Wochenende präsent. „Es war keine leichte Zeit, hab ich damals aber tatsächlich nicht ganz so wahrgenommen“, erinnert er sich. Die Trennung der Eltern erlebte er mit zehn Jahren als traumatisch.

Als ruhiges, eher introvertiertes und wissbegieriges Kind ging er gern zur Schule und interessierte sich für Astronomie, Ägyptologie und Fechten. Zugleich wuchs er früh in eine Beschützerrolle hinein – etwa gegenüber seinem jüngeren Bruder. Aus dieser Zeit stammt eine Prägung, die ihn bis heute begleitet: ein ausgeprägtes Gefühl für Fairness und Gerechtigkeit.

Für andere einstehen – aus Haltung, nicht aus Populismus

Das Einstehen für andere zieht sich wie ein roter Faden durch Brosys Leben – ob für Frauenrechte, für Minderheiten oder heute für die Menschen in der Ukraine. Für ihn ist das eine Frage der Haltung, die er klar vom Populismus abgrenzt.

Ein guter Mensch tut etwas Gutes. Der redet nicht nur oder regt sich über Dinge auf, sondern er tut auch etwas.

Wichtig ist ihm dabei die Offenheit für andere Perspektiven. Er berichtet, wie er sich bewusst dem Dialog mit Menschen stellt, die er sonst vielleicht in Schubladen stecken würde – und dabei immer wieder eines Besseren belehrt wird. Am Beispiel eines Imbissbetreibers, der ihm eine Pizza auf Vertrauensbasis überließ, macht er deutlich, dass viele Barrieren vor allem im Kopf existieren. Auch politisch Andersdenkenden würde er die Freundschaft nicht kündigen: „Für mich zählt in erster Linie erst mal der Mensch.“

Vom Offizier zum Gründer

Über die Familiengeschichte – der Vater war zu DDR-Zeiten bei der Stasi, der ältere Bruder wollte zur Luftwaffe – kam Brosy zum Militär. Nach dem Abitur entschied er sich für die Offizierslaufbahn und studierte an der Bundeswehruniversität. Doch die Erwartungen wurden nicht erfüllt: nachlassender Drill, Kritik an Fitness und Vermittlungsmethoden sowie Bedenken angesichts rechter Tendenzen führten zur Entfremdung. Hinzu kam die Angst, aus einem Einsatz nicht mehr als derselbe Mensch zurückzukehren und zur Belastung für seine Frau zu werden.

Nach der Bundeswehr machte er sein Hobby – die Börse – zum Beruf und baute eine Plattform für Börsianer auf. Nach anfänglichem Erfolg brach der Traffic durch eine Google-Abstrafung dramatisch ein, von rund 10.000 auf wenige hundert Besucher im Monat, die Einnahmen von mehreren Tausend auf 300 Euro. Zurück blieben rund 30.000 Euro Schulden und eine Forderung des Finanzamts.

Der Neustart im Wintergarten

Der Ausweg war die Gründung einer Agentur – zunächst unter dem Namen „SEO Plus Expert“. Wochenlang arbeitete Brosy in einem kleinen Wintergarten daran, Prozesse aufzubauen, SEO zu lernen und eine Website zu erstellen. Nach vier bis fünf Monaten kam das erste eigene Büro: 18 Quadratmeter, an die er sich bis heute mit Gänsehaut erinnert. „Du gehst rein, schaust dir das an und du merkst: Das ist es.“ Die Agentur verkaufte er 2018.

Zum Thema Wehrpflicht, das aktuell diskutiert wird, äußert sich Brosy differenziert. Einerseits schätzt er die Freiheit, nicht dienen zu müssen, andererseits sieht er die Realität, die möglicherweise zur Wehrpflicht zwingt. Bei der Frage nach der Gleichberechtigung plädiert er für Freiwilligkeit – und weist darauf hin, dass auch andere Aufgaben als der Fronteinsatz existieren.

Vielfalt an Aufgaben – und die Frage nach dem Wie

Heute bündelt Brosy mehrere Tätigkeiten unter dem Dach der Impulsq GmbH. Ziel ist es, die komplette Wertschöpfungskette des Onlinemarketings abzubilden – von OnPage über Redaktion und Content-Distribution bis zur Weiterbildung mit der AFS Akademie. Aktuell beschäftigt ihn besonders die Integration von KI und Automation in die Prozesse:

Während wir so darüber reden, stehen die anderen Agenturen nämlich schon längst in den Startlöchern.

Wie all das möglich ist? Brosy nennt drei Faktoren: die Bereitschaft, sehr viel zu arbeiten und den Begriff Work-Life-Balance beiseitezuschieben, eine klare Vision und knallhartes Priorisieren nach strategischer Relevanz. Antrieb ist der eigene Anspruch, stets zu den Besten gehören zu wollen – gewachsen aus den finanziellen Mangelerscheinungen der Kindheit und der Überzeugung, sich vor allem auf sich selbst verlassen zu müssen.

An der Front – aus Verantwortung, nicht aus Leichtsinn

Ein zentrales Thema des Gesprächs ist Brosys Engagement in der Ukraine, wohin er als Reporter reist, um „behind the headlines“ zu berichten. Auf die Frage, wie er das mit dem Wunsch vereinbart, für seine Tochter da zu sein, antwortet er, er wolle, dass sie eines Tages stolz auf ihn ist – auf einen Vater, der im Rahmen seiner Möglichkeiten alles für eine bessere Welt riskiert hat. Seine Fähigkeiten als ehemaliger Offizier, Redakteur und im Umgang mit Video kann er dabei bündeln.

Er betont, dass er Risiken bewusst abwägt und sich nicht ohne Grund in Gefahr begibt – etwa bei der Frage, ob ein Krankentransporter selbst bis in die geteilte Stadt Cherson gefahren oder der ukrainischen Armee übergeben wird. Anfeindungen in den sozialen Medien nimmt er nicht persönlich.

Kernaussagen im Überblick

  • Herkunft prägt: Aus finanzieller Not entstand der Antrieb, sich auf sich selbst zu verlassen und das Beste aus sich herauszuholen.
  • Haltung bedeutet Handeln – nicht nur Reden – und die Bereitschaft, Gegenwind auszuhalten.
  • Zuhören statt sich in den Vordergrund stellen: von lokalen Vorbildern lernen, ohne fremde Biografien zu kopieren.
  • Wahrheit ist perspektivisch: nichts bewusst weglassen und selbstkritisch bleiben.
  • Meinungen dürfen sich ändern – Offenheit für den Diskurs ist ein hohes Gut.

Wahrheit, Haltung und die Botschaft „Redet miteinander“

Zum Abschluss reflektiert Brosy über Wahrheit und Haltung im Business. Wahrheit sieht er als etwas Perspektivisches – bezogen auf Ansichten, nicht auf Fakten. Wichtig sei ihm, Dinge nicht bewusst wegzulassen und selbstkritisch zu bleiben. Haltung hält er als Unternehmer und Multiplikator für zentral: So hängt in seinem Unternehmen die Regenbogenflagge, auch gegen internen Gegenwind. Zugleich betont er, dass man eigene Perspektiven anpassen und ändern dürfen muss.

Gefragt nach einer Botschaft auf einer Leuchttafel, nennt er zwei: eine Liebeserklärung an seine Frau und den Appell „Redet miteinander“. Reden, so seine Überzeugung, schaffe viel Abhilfe – eine Botschaft, die das gesamte Gespräch treffend zusammenfasst.