In Folge 35 des Podcasts BTS – Behind the Story spricht Gastgeber Wolfgang mit der Unternehmerin, Diplombetriebswirtin und Immobiliengutachterin Jennifer Pickhan über einen Lebensweg, der von Anfang an alles andere als geradlinig verlief. Kennengelernt haben sich die beiden während der Clubhouse-Zeit, als Jennifer den sonntäglichen "Deep Talk Club" mitmoderierte. Heute lebt sie in England, arbeitet als externe Geschäftsführerin für verschiedene Firmen und teilt offen ihre Erfahrungen über Höhen, Tiefen und persönliche Heilung.
Eine Kindheit im ständigen Wandel
Jennifer wuchs mit einer jüngeren Schwester auf und zog schon als Kind ungewöhnlich oft um. Bis zu dem Zeitpunkt, an dem sie mit 20 ihren heutigen Mann kennenlernte, war sie bereits dreizehnmal umgezogen. Diese Flexibilität prägt sie bis heute – gleichzeitig fehlte ihr dadurch die feste Verwurzelung. Eine beste Freundin habe sie immer vermisst, erzählt sie, denn in Zeiten ohne Handy zerbrachen Freundschaften schnell, sobald man umgezogen war.
Besonders einschneidend war der Umzug in der siebten Klasse von Hessen nach Bayern. Notentechnisch beschreibt sie diesen Wechsel als "Super-GAU": Was in Hessen eine gute Note war, wurde in Bayern zur schlechten. Sie wurde in der neuen Klasse gehänselt, musste eine Klasse zurück, verstand die Lehrer kaum und geriet zunehmend in eine Abwärtsspirale.
Ein strenges Elternhaus und der Weg zur Selbstständigkeit
Jennifer stammt aus einem strengen Elternhaus. Ihr Vater legte großen Wert auf Disziplin und Schönschrift, ließ sie am Nachmittag viel lernen und schreiben. Ihren eigenen Willen konnte sie kaum durchsetzen. Erst später erfuhr sie, dass ihr Vater narzisstisch und cholerisch war – körperliche Gewalt gab es nicht, aber psychisch wurde sie kleingehalten.
Gewalt muss nicht immer körperlich sein.
Als die Schule immer schwieriger wurde, drohten die Eltern damit, sie hinauszuwerfen, sollte sie keine Ausbildung machen. Heimlich meldete Jennifer sich stattdessen an der Fachoberschule an und setzte sich damit gegen den Widerstand der Familie durch. Rückblickend sieht sie, dass ihr Vater ihr zwar wenig fachlich weitergab, ihr aber die Perspektive auf Immobilien eröffnete – und einen Unternehmer-, Freiheits- und Kampfgeist mitgab.
Vom Praktikum auf Mallorca zur Immobiliengutachterin
Nach dem Fachabitur absolvierte Jennifer ein Praktikum bei einem Immobilienmakler auf Mallorca und war fasziniert, als sie Häuser im Wert von 20 Millionen Euro und mehr betreten durfte. Sie zog zu ihrem Mann in die Nähe von Mannheim und studierte an einer privaten Fachhochschule in Heidelberg in drei Jahren Betriebswirtschaftslehre – finanziert unter anderem über einen KfW-Kredit und mit Unterstützung der Schwiegereltern.
Während des Studiums sammelte sie in zahlreichen, oft unbezahlten Praktika Erfahrung in der Immobilienbranche. Ihr Wunsch, das Bewerten von Immobilien systematisch zu lernen, führte sie schließlich zur Ausbildung als TÜV-zertifizierte Gutachterin. Ihr beruflicher Weg führte über Frankreich und Deutschland bis nach Zypern und heute nach England, wo sie und ihre Familie gerade in der zweiten Visumsrunde stecken.
Von Immobilien zu Unternehmen – und wieder zurück
In Zypern arbeitete Jennifer mit Investoren zusammen, die Immobilien in Deutschland erwarben. Später investierten sie und ihr Mann in Engineering-Unternehmen mit dem Ziel, diese aufzubauen und weiterzuverkaufen. Doch bei der Wahl der Geschäftspartner hatte sie kein gutes Händchen – ein Muster, das sie heute auf ihre in der Kindheit erlernten Entscheidungsmuster zurückführt. Ihre frühere Firma existiert nicht mehr, und im vergangenen Jahr begann sie noch einmal komplett bei null.
Heute arbeitet Jennifer als externe Geschäftsführerin für andere Firmen, aktuell mit einem Architekten – womit sich der Kreis zurück zu den Immobilien schließt. Der Aufbau von Prozessen und Strukturen bereitet ihr großen Spaß, damit sich jeder auf seine Stärken konzentrieren kann. Ihre eigene Risikobereitschaft sieht sie als Ergebnis der vielen Umzüge: Wer immer wieder ins kalte Wasser springt, verliert die Angst vor dem Neuanfang.
Heilen statt verdrängen
Ein zentrales Thema des Gesprächs ist die persönliche Aufarbeitung. Nach einem beruflichen und persönlichen Zusammenbruch – "gefühlt von 100 auf 0" – erkannte Jennifer, dass die üblichen Ratschläge, einfach positiv nach vorne zu blicken und abzuhaken, bei ihr zum Verdrängen geführt hatten. Sie unterscheidet klar zwischen Verarbeiten und echtem Heilen.
Unterstützt durch die Mentorin Anna Kreie und einen zehntägigen Schweige-Retreat lernte sie, wie eng Psyche und Körper zusammenhängen. Traumata aus der Kindheit äußerten sich bei ihr in körperlichen Schmerzen – einmal lag sie drei Tage bewegungsunfähig mit Schmerzen im Bauchraum darnieder. Ihre Erkenntnis:
Nur weil wir kognitiv verstanden haben, was passiert ist, heißt das nicht, dass unser Körper und unser Nervensystem das auch verstanden haben.
Für sie ist es der Schlüssel, das eigene Nervensystem zu beruhigen und Gefühle wirklich zu fühlen, statt nur zu funktionieren. Erst als sie diesen Zusammenhang begriff, ging es wieder bergauf. Diese Haltung gibt sie auch an ihren Sohn weiter, der seit dem vergangenen Jahr zu Hause unterrichtet wird und sehr offen für solche Themen ist.
Kernaussagen der Folge
- Ständige Umzüge in der Kindheit können Flexibilität und Kampfgeist fördern, erschweren aber Verwurzelung und langfristige Freundschaften.
- Man erkennt an einem Umzug schnell, welche Beziehungen wirklich tragen – "die Spreu trennt sich vom Weizen".
- Verdrängen ist nicht dasselbe wie Heilen; echte Aufarbeitung betrifft Körper und Nervensystem gleichermaßen.
- Proaktives Arbeiten gelingt nur, wenn man sich bewusst Zeit für Ruhe nimmt und die Leere zulässt.
- Zwei Leitsätze begleiten Jennifer im Business: "Im Einkauf liegt der Gewinn" und "Leadership ist kein Titel".
Am Ende steht eine Botschaft, die Jennifer der Welt mitgeben würde und die den Kern des Gesprächs zusammenfasst: bei sich bleiben, sich selbst zuhören und begreifen, dass es das eigene Leben ist, für das man verantwortlich ist.