Von der Kellnerin über die Steinmetzmeisterin mit eigenem Betrieb bis hin zur Speakerin und Podcasterin: Kathrin Post-Isenberg hat einen ungewöhnlichen Weg zurückgelegt. In der 42. Folge von BTS – Behind the Story spricht sie über ihre Herkunft, ihren Beruf, den Tauschh der Werkbank gegen die Bühne und über die verkrusteten Strukturen im Handwerk. Ihre zentrale These: Das Handwerk braucht Führungspersönlichkeiten, keine Hochglanz-Marketingkampagnen.

Ein Weg, der sich nicht planen ließ

Aufgewachsen ist Post-Isenberg als mittleres von drei Kindern im Rhein-Sieg-Kreis. Die Eltern hätten die Kinder bewusst nicht in ihre Berufswahl begleitet, erzählt sie. In der Grundschule sei sie ein ruhiges, angepasstes Kind gewesen, das für Erfolge immer mehr habe leisten müssen als andere. Ihre Schulzeit von der fünften bis zur zehnten Klasse war von Mobbing geprägt. Der Wechsel aufs Gymnasium an einem anderen Ort wurde zum Wendepunkt.

Ich lass jetzt dieses introvertierte Mädchen zurück, lass dieses Mobbingopfer zurück und fang jetzt hier an mit etwas Neuem – und das hat funktioniert.

Ihren ursprünglichen Traum, Innenarchitektur zu studieren, gab sie wegen eines zu schwachen Numerus clausus auf. Beim Kellnern lernte sie einen Steinmetz kennen, der ihr ein Praktikum anbot – vermittelt durch einen Bonner Friedhofsgärtner, der ihre Geschichte am Stammtisch mitverfolgt hatte. Zwei Wochen später hatte sie den Ausbildungsvertrag in der Hand.

Die Arbeit am Stein – und am Menschen

Was für Außenstehende nach roher Kraft klingt, beschreibt Post-Isenberg als hochsensible Tätigkeit: Ein falscher Schlag kann einen Haarriss verursachen, der erst Jahre später sichtbar wird. Doch der eigentliche Kern des Berufs liegt für sie im Zwischenmenschlichen. Bei Grabmalen lässt sie sich die Lebensgeschichten der Hinterbliebenen erzählen und übersetzt sie in dreidimensionale Werkstücke.

Ein Beispiel bleibt besonders eindrücklich: Für eine Kundin entwarf sie einen Grabstein mit einem trichterförmigen Loch, durch das die Sonne scheint und jeweils einen der Enkel beleuchtet – ohne zu wissen, dass die Familie eigens nach Zypern gereist war, um sich Steine mit Löchern anzusehen. Ihre Ausbildung schloss sie als Innungsbeste ab, mit 27 Jahren erlangte sie in nur zwei Jahren den Meisterbrief, neben Vollzeitjob und finanzieller Selbstständigkeit.

Warum sie die Werkbank tauschte

Neun Jahre führte Post-Isenberg ihren eigenen Betrieb mit fünf Mitarbeitenden. 2016 wurde sie Mutter – und geriet in ein dauerhaftes Zerrissensein zwischen Werkstatt und Familie. Nach anderthalb Jahren entschied sie sich gemeinsam mit ihrem Partner, den Betrieb zu schließen.

Viele fragen mich, ob es schwer war, die Firma zuzumachen. Der Schmerz war einfach zu groß. Ich konnte mich nicht auf das eine ganz konzentrieren und auch nicht auf das andere ganz.

Über Zwischenstationen im Vertriebsinnendienst und eine Weiterbildung zur Onlinedozentin fand sie schließlich zum Speaking. Als bei einem Fachkräfte-Projekt der Ruf kam „Können wir die Handwerkerin bekommen?“, verband sie ihre praktische Erfahrung mit dem Thema Fachkräftesicherung – und wechselte endgültig die Bühnenseite.

Führung schlägt Stellenanzeige

Kern ihrer heutigen Botschaft ist die Überzeugung, dass die beste Kampagne nichts nützt, wenn die Kultur im Betrieb nicht stimmt. Wer nicht in der Lage sei, Menschen zu führen und zu begeistern, halte auch niemanden – selbst wenn Hunderte auf eine schöne Stellenanzeige aufmerksam würden.

  • Stärke kommt von innen: Eine echte Führungspersönlichkeit strahlt aus, wofür sie steht.
  • Im Handwerk zählt die Kraft der Empfehlung – über drei Ecken kennt jeder jeden.
  • Es gibt keinen generellen Fachkräftemangel, sondern nur einen bezogen auf eine eng definierte Personengruppe: Männer zwischen 30 und 45, gut ausgebildet und gerne wenig verlangend.
  • Wer den Blick öffnet – für Frauen, ältere Menschen, Menschen mit Einschränkung oder Migrationshintergrund – hat das Problem oft nicht.

Auch die fehlende Betriebsnachfolge deutet sie um: „Eine fehlende Nachfolge hat immer etwas mit einem Zustand zu tun und nicht damit, dass da keiner ist. Wer möchte einen Betrieb übernehmen, wo noch gearbeitet wird wie vor 15 Jahren?“

Frauen im Handwerk und faire Bühnen

Als Frau sei sie im Steinmetzhandwerk immer wieder auf verkrustete Strukturen gestoßen – bis hin zu abschätzigen Bemerkungen. Anders als in der Online-Marketing-Szene, wo zunehmend Frauen nach vorne rücken, gebe es im Handwerk bislang kaum Speakerinnen, die den praktischen Beruf verlassen haben. Post-Isenberg plädiert nicht für eine Quote mit der Brechstange, sondern für Qualität: Es solle auf die Botschaft ankommen, nicht auf das Geschlecht. Zugleich kritisiert sie den Gender-Pay-Gap auf Bühnen.

Authentizität als Königsdisziplin

Ihr Anspruch als Rednerin: Missstände klar benennen, ohne dem Publikum auf die Füße zu treten – und Menschen in Bewegung bringen. Dass Authentizität dabei entscheidend ist, zeigte ein Vortrag im Industriebereich, bei dem sie mit einem kompletten Blackout die Bühne betrat und dennoch frei aus ihrer Geschichte erzählte. Die Reaktionen waren überwältigend.

Vertraue deiner Geschichte und erzähle sie genauso, wie sie war und ist.

Ihre Sichtbarkeit auf Social Media und LinkedIn versteht sie als Absicherung: Verkauft werde über die Bühne, die Rückversicherung liefere sie über die Kanäle – als dieselbe Person, „beim Einkaufen genauso“.

Für die Zukunft kann sich Post-Isenberg eine kleine Akademie vorstellen, in der Handwerksbetriebe gemeinsam an ihren Stellschrauben arbeiten. Bereits heute unterrichtet sie an der Meisterschule – dort vermittelt sie nicht nur den Prüfungsstoff, sondern auch das, „was ihr fürs echte Leben braucht“. Ihr Wunsch fürs Handwerk: mehr reflektiertes Verhalten, die Erlaubnis zu Fehlern und den Mut zur Kehrtwende, um „die Titanic vor dem Eisberg zu retten“.