In der 31. Ausgabe des Podcasts "BTS – Behind the Story" spricht Wolfgang Jung mit der Beraterin, Speakerin und Buchautorin Andrea Grundmann über ihren Weg vom behüteten West-Berliner Kind über den Amateur-Leistungssport bis hin zur Unternehmerin mit eigener Agentur. Aufgenommen wurde das Gespräch über eine große geografische Distanz hinweg: Grundmann befand sich auf Teneriffa, ihrem persönlichen Rückzugsort, an dem sie auch große Teile ihres Buches geschrieben hat. Kennengelernt hatten sich die beiden zufällig auf der Frankfurter Buchmesse, wo Grundmann ihr erstes Buch mit dem Titel "Digitales Charisma" präsentierte.
Eine behütete Kindheit und der Wunsch nach Aufbruch
Andrea Grundmann wuchs als Einzelkind in West-Berlin auf, gemeinsam mit ihren Eltern und ihrer Großmutter in einem Haus. Ihre Grundschulzeit beschreibt sie als heile Welt: Sie liebte die Schule, vor allem den Sportunterricht, und war häufig Klassenbeste. Weil ihr das Lernen leichtfiel, geriet sie später auf dem Gymnasium jedoch in Schwierigkeiten – sie hatte nie richtig gelernt zu lernen.
In der Pubertät wuchs der Wunsch nach Ausbruch. Ihre Eltern waren streng, und Grundmann suchte gerade jene Orte in Berlin auf, die sie meiden sollte – Kreuzberg und Schöneberg. Mit Irokesenschnitt und zerrissenen Jeans provozierte sie ihr bürgerliches Umfeld, ohne sich selbst als Punk zu verstehen. Nach einem Schulwechsel auf ein anspruchsvolleres Gymnasium fühlte sie sich schließlich wieder wohl. Ihre Erklärung: Dort konnte sie einfach sie selbst sein.
Vom Leistungssport zur eigenen Agentur
Sport prägte Grundmanns Leben früh. Neben der Leichtathletik in der Grundschule ritt sie später auf Meisterschaftsniveau – als ambitionierte Amateurin, die dem Reitsport bis zu ihrem 40. Lebensjahr fast alles unterordnete. Beruflich fand sie ihren Weg über Umwege: Nach frustrierenden Ferienjobs, etwa im Gartencenter beim endlosen Putzen von Primeln, wusste sie vor allem eines – sie brauchte eine Arbeit mit Sinn.
Ursprünglich wollte sie Fotografin werden, entschied sich dann aber für eine Ausbildung zur Grafikdesignerin. In einer Berliner Agentur erlebte sie Arbeitsbedingungen, die sie als menschlich unwürdig empfand: 70-Stunden-Wochen, unbezahlte Überstunden und eine schriftliche Abmahnung wegen einer überzogenen Mittagspause. Mit 24 kündigte sie – ein Befreiungsschlag. Seitdem hat sie sich nie wieder anstellen lassen.
Ich wusste wirklich nicht, was ich überhaupt mache. Aber ich wusste, egal, was ich mache, es wird besser.
Der Name ihrer späteren Agentur "45 Grad" entstand fast zufällig beim Gewerbeamt: 45 Grad steht für einen Winkel, der nach oben zeigt – für den Aufwärtstrend. Aus der freiberuflichen Tätigkeit wurde über Stationen wie Webdesign und eine IT-Firma schließlich 2009 die 45 Grad Digital GmbH.
Was digitales Charisma bedeutet
Der Kern von Grundmanns Arbeit und ihrem Buch ist die Frage, wie Menschen im digitalen Raum wahrgenommen werden. Digitales Charisma bedeutet für sie, dass ein Mensch online dieselbe Ausstrahlung hat wie im echten Leben – es geht weniger um brillante Wirkung als um Echtheit und Übereinstimmung.
Ihre Überzeugung: Da heute so viel Kommunikation digital stattfindet und ohnehin anfällig für Missverständnisse ist, sollte der Bruch zwischen der realen Person und ihrer digitalen Wahrnehmung möglichst klein gehalten werden. Das Buch, betont sie, sei auch Ausdruck ihrer Herkunft als Grafikdesignerin: Gestaltung, Haptik und Papier waren ihr so wichtig, dass sie die Kontrolle über das Design als Bedingung gegenüber Verlagen formulierte.
Politik als Verantwortung
Ein zentrales Anliegen Grundmanns ist ihr politisches Engagement. Sie bezeichnet sich als politischen und zugleich kritisch-optimistischen Menschen. Ihr Satz "Menschen, die sich nicht für Politik interessieren, sind mir suspekt" ist Programm.
- Sie sieht westliche Demokratien als gefährdeter denn je und betont, dass Wohlstand und Freiheit nicht selbstverständlich sind.
- Sie versteht das Wählen nicht nur als Recht, sondern als Pflicht.
- Als ausgebildete Trainerin für Informationskompetenz setzt sie sich für Meinungsbildung und eine gesunde Debattenkultur ein.
- Führungskräfte und Unternehmer sieht sie in der Verantwortung, Haltung zu zeigen – dabei gehe es um Werte, nicht um parteipolitische Bekenntnisse.
Den aktuellen Kulturkampf und die gegenseitige Abwertung an den politischen Rändern empfindet sie als unerträglich. Die Mitte müsse zusammenfinden, statt sich zu zerfleischen. Kritik und Auseinandersetzung sieht sie dabei nicht als Bedrohung, sondern als notwendigen ersten Schritt eines gesunden Diskurses.
Krisen, Kraft und die Kunst des Weitermachens
Nach der Ausbildung erlebte Grundmann eine belastende Zeit im privaten Umfeld, die sich über rund ein Jahr zog. Rückblickend habe ihr diese Erfahrung enorme Kraft gegeben: Sie habe sich selbst dabei beobachtet, wie stark sie in der Krise wurde. Wichtig sei zunächst, die Krise zu akzeptieren, den Schmerz zuzulassen und Unterstützung anzunehmen. Wolfgang Jung ergänzte das japanische Prinzip des Kintsugi – zerbrochene Schalen werden mit Gold gekittet und dadurch wertvoller. Ein Bruch, so die gemeinsame Überzeugung, kann einen Menschen stärker machen.
Die Mission: Gute Menschen lauter machen
Auf die Frage nach ihrer Zukunft will Grundmann keinen starren Plan formulieren – sie orientiert sich eher daran, wie sie sich fühlen möchte. Ihre höhere Mission jedoch ist klar: Sie will Menschen ermutigen, sichtbar und hörbar zu werden.
Viele gute Menschen, die wirklich etwas zu sagen haben, sind viel zu leise. Und die ganzen Vollidioten, die mehr Meinung als Ahnung haben, das sind die Lauten.
Diese verzerrte Wahrnehmung führe dazu, dass sich engagierte Stimmen zurückziehen. Grundmann will das ändern – für eine bessere Gesellschaft und den Erhalt der Demokratie. Ihr Buch "Digitales Charisma" erscheint offiziell Ende November und kann bereits vorbestellt werden; eine Booklaunch-Party in Berlin ist für Januar geplant, ein daran anschließendes Angebot in Vorbereitung.
Am Ende des Gesprächs empfahl Grundmann zwei mögliche künftige Podcast-Gäste: den Redner Alex Di Vito sowie Maren Reisner, die mit ihrer Initiative "Bleistift for everyone" Schulen in Afrika unterstützt und Kindern Mahlzeiten und Schreibmaterial ermöglicht.