In der 23. Folge des Podcasts "Behind the Story" erzählt Grit Arndt-Lauterbach ihre Lebensgeschichte – die Geschichte einer Frau, die sich immer wieder neu erfindet. Als erfahrene Kommunikationsexpertin und Führungskraft leitet sie heute den Bereich Kommunikation und Partnerschaften beim Science Center Phaeno in Wolfsburg. Zuvor war sie unter anderem Managing Director bei Fleishman Hillard Germany, gründete eine eigene Agentur und kandidierte als Quereinsteigerin für das Bürgermeisteramt in Bad Gandersheim. Ihr Werdegang ist geprägt von Mut, Umbrüchen und der Bereitschaft, ins tiefe Wasser zu springen – auch ohne zu wissen, ob man schwimmen kann.

Vom Bergkind zum Neuanfang in Niedersachsen

Geboren 1964 in der Nähe von München, wächst Grit als Bergkind auf: Bergsteigen und Skifahren prägen ihre Jugend. Doch ein einschneidendes Ereignis verändert alles. Ihr Vater, ein erfolgreicher Heizungsbauingenieur, der am Bau für die Münchner Olympiade beteiligt war, erleidet 1973 während der Ölkrise eine Insolvenz. Die Familie zieht nach Hildesheim, der Vater wird Lehrer, die Mutter kehrt in den Beruf als Krankenschwester zurück.

Für die damals neun- oder zehnjährige Grit war dieser Bruch zunächst hart – sie lief mehrfach von zu Hause weg. Rückblickend erkennt sie darin jedoch eine prägende Erfahrung:

Ich habe gesehen, dass das geht, und ich habe eigentlich mit meinen Eltern zusammen gelernt, dass es auch ganz viel Spaß machen kann, ein zweites Leben aufzubauen. Und dass darin auch etwas sehr Gutes liegen kann, wenn irgendwas so richtig den Bach runtergeht.

Diese Fähigkeit zum Neustart wurde zum roten Faden ihres Lebens.

Der Sprung ins Berufsleben – und in die Selbstständigkeit

Nach dem Abitur begann Grit auf Wunsch ihres Vaters ein Politikwissenschaftsstudium in München. Doch die eigentliche Wende kam, als sie sich in Berlin verliebte, das Studium abbrach und in die Hauptstadt zog. Über einen Job als Telefonistin in einer Werbeagentur rutschte sie in die Kommunikationsbranche – ausgerechnet, weil sie als Einzige das erste Fax-Gerät bedienen konnte. Als sie begann, eigenmächtig Texte zu verbessern, stellte ihr Chef sie vor die Wahl: eine Ausbildung zur PR-Fachfrau oder die Kündigung.

1989, als die Mauer fiel, gründete sie gemeinsam mit Gerald Schamps die Agentur Schröder und Schamps. Wichtig war beiden von Anfang an die Haltung: Statt Kunden vom alten Arbeitgeber abzuwerben, gingen sie offen den Weg und bekamen sogar zwei Kunden zugestanden. Diese Ehrlichkeit, so ihre Überzeugung, zahlt sich aus.

Alleinsein als Kraftquelle

Trotz ihres kommunikativen Berufs ist Grit gern allein. Ihr Inspirationsort ist ein alter Dacia, den ihr Sohn zum Wohnmobil umbaute, oder ein mongolisches Zelt in ihrem Garten, in dem sie im Sommer schläft. Das Alleinsein ist für sie kein Widerspruch, sondern Voraussetzung ihrer Arbeit:

Der Kern einer Idee entsteht bei mir tatsächlich in mir und im Disput mit mir selber. Ich brauche diese Lernräume, und die entstehen, wenn ich allein bin.

Ein früher Unternehmer riet ihr einst: Wer ein Team führen will, muss zuerst lernen, sich selbst zu führen. Diese Erkenntnis begleitet sie bis heute.

Kommunikation und Politik – zwei Seiten einer Medaille

2021 und erneut 2024 kandidierte Grit für das Bürgermeisteramt in Bad Gandersheim, einer verschuldeten Kleinstadt mit vielen strukturellen Problemen. Für sie war der Schritt vom Marketing in die Politik nicht weit: Beides beruht auf Taktik, Strategie und einem ständigen Geben und Nehmen. Ihre zentrale Erkenntnis: Kommunale Arbeit sollte möglichst wenig mit Parteipolitik zu tun haben, weil es um konkrete Entscheidungen vor Ort geht.

Ihre größte Lektion war, komplexe Themen so herunterzubrechen, dass die Menschen sie verstehen. Beim zweiten Anlauf – nach einem festgestellten Wahlbetrug der Gegenkandidatin beim ersten Mal – holte sie rund 47 Prozent, es reichte jedoch nicht. Zugleich erlebte sie massive Anfeindungen, die sie als grüne Kandidatin in extreme politische Ecken drängten.

Zentrale Erkenntnisse aus ihrem Weg

  • Mut zeigen: Ein Vorgesetzter sagte ihr einst zum Abschied, hätte er ihren Mut früher erkannt, hätte es neue Perspektiven gegeben. Körpersprache – ein gerader Rücken, ein klarer Blick – drückt Mut oft wirksamer aus als Worte.
  • Mit Kritik umgehen: Bewusst aus der Situation heraustreten, einen Trick anwenden (etwa einen Stift fallen lassen oder kurz hinausgehen), Abstand gewinnen und erst dann reagieren.
  • Das richtige Umfeld suchen: Menschen, die sagen "So wie du bist, bist du richtig", sind entscheidend – gerade in jungen Jahren.

Heimat, Krankheit und eine Bucket List

Heimat ist für Grit kein Ort, sondern ein Gefühl – ein Geruch, ein Geschmack, eine Melodie. Ihren Sinn für Ehrgeiz führt sie auf den prägenden Satz ihres Vaters zurück: "Das kannst du besser." Erst spät verstand sie diesen Satz nicht mehr als Vorwurf, sondern als Ansporn.

Im Gespräch offenbart sie eine schwere Krebserkrankung, für die es keine Therapie mehr gibt. Ihr größter Wunsch: noch mindestens fünf Jahre Zeit, um ihre Bucket List abzuarbeiten und weiterzuarbeiten. Ihr Leben empfindet sie dennoch als vollständig:

Ich habe so viel Leben gehabt. Mein Leben ist komplett und vollständig in wirklich allem.

Am Ende bleibt der Eindruck eines Menschen, der Umbrüche nicht fürchtet, sondern als Chance begreift – und der die Kunst beherrscht, sich selbst und andere ernst zu nehmen.