In der fünften Ausgabe des Podcasts Behind the Story spricht Gastgeber Wolfgang Jung mit Julia Reuter, Gründerin von Herzblut digital und Expertin für Positionierung und Markenstrategie. Ihr Weg führte über eine klassische kaufmännische Lehre, den Leistungssport und eine Agenturkarriere hin zur Selbstständigkeit – ein Werdegang, der zeigt, wie sehr Zufälle, Leidenschaft und die richtigen Mentoren ein Berufsleben prägen können. Ein Gespräch über Mut, das Arbeiten außerhalb der Komfortzone und die Erkenntnis, dass man vielleicht nie ganz "ankommt".
Von Berlin nach Köln: früher Einstieg ins Marketing
Julia Reuter wuchs im geteilten Berlin auf, noch zu Zeiten der Mauer. Nach einem Wechsel vom Gymnasium auf die Realschule – wo ihr das Lernen deutlich leichter fiel und sie als Schulbeste abschloss – entschied sie sich bewusst gegen eine weitere schulische Laufbahn. Mit gerade einmal 16 Jahren begann sie eine kaufmännische Ausbildung in einem großen Konzern.
Während dieser Lehre lernte sie verschiedene Abteilungen kennen – und im Marketing fand sie sofort ihr Feld: "Da war ich sofort, ach cool. Da ist ein bisschen Action und dann kann man ein bisschen Fantasie anwenden." Anfangs vom Elternhaus in Richtung eines soliden kaufmännischen Berufs geleitet, entdeckte sie in der Praxis ihre eigene Leidenschaft. Später zog sie nach Köln, arbeitete bei einem Radsport-Bekleidungshersteller im damals noch sehr analogen Katalog- und Printgeschäft und absolvierte an der Westdeutschen Akademie für Kommunikation eine Weiterbildung zur Betriebswirtin mit Schwerpunkt Marketingkommunikation.
Marketing und Radsport unter einen Hut bringen
Nach dem Abschluss um 2006 zog es sie eigentlich in die Agenturwelt. Doch ihre Leidenschaft für den Radsport – sie fuhr rund 30 Rennen im Jahr, war in einem Semi-Profi-Team und wurde Landesmeisterin von NRW – ließ sich mit den damals üblichen Agenturzeiten nicht vereinbaren. Statt bei einer großen Agentur einzusteigen, verhandelte sie bei einer Agentur des Volksbanken-Raiffeisenverbands in Bonn eine 35-Stunden-Woche.
Auf die Frage, ob sie es heute wieder so machen würde, antwortet sie ohne Zögern:
Ich würde es genauso machen. Man sollte nichts fallen lassen, was einem so wichtig ist – für den Job oder fürs Geld. Mir war die Zeit wichtiger.
In der Agentur arbeitete sie sich über Leistung in Bereiche wie das Projektmanagement ("Kontakte") hinein, obwohl man ihr das wegen der Teilzeit zunächst verwehren wollte. Sie betreute Mediaplanung, textete Radiospots und Printanzeigen – und erlebte mit ersten Newslettern und Google-Ads-Kampagnen den Beginn des digitalen Marketings hautnah mit.
Wiedereinstieg und der Aha-Moment mit SEO
2011 heiratete sie, 2013 und 2015 kamen ihre beiden Töchter zur Welt. In der Elternzeit engagierte sie sich ehrenamtlich im Vorstand eines Kindergartens mit reformpädagogischem Ansatz. 2018 stellte sich die Frage nach dem Wiedereinstieg – und Julia buchte gezielt Fortbildungen zu Themen, von denen sie noch wenig Ahnung hatte, darunter SEO bei Chris Tembrink.
Dieser Workshop wurde zum Schlüsselmoment: "Klassische Werbung war immer Penetration, Impact, Aktivierung. Und plötzlich kannst du gefunden werden. Das war für mich richtig mind-blowing." Sie schätzt am digitalen Marketing besonders die niedrigere Einstiegsschwelle: Wo früher eine einzelne Anzeigenseite im Spiegel enorme Budgets verlangte, kann heute im Prinzip jeder sichtbar werden.
Der Zufall führt in die Selbstständigkeit
Die Selbstständigkeit war nie geplant. Ein Projekt für ihren Bruder im Filmbusiness zwang sie, ein Gewerbe anzumelden. Kurz darauf traf sie in einem Café zufällig Sascha Meinert, der ihr freiberufliche Projekte anbot – und zu einem wichtigen Mentor wurde, der ihr früh Vertrauen schenkte und sie mit weiteren Fachleuten vernetzte.
In der stillen Zeit zwischen den Jahren 2018/2019 saß sie schließlich vor dem Kamin und fragte sich: "Wer willst du sein?" Die Antwort war Herzblut digital – ein Name, der programmatisch für ihre Arbeitsweise steht. Ihre zweite prägende Kundenbeziehung entstand ebenfalls durch einen mutigen Schritt: Nach einem Vortrag sprach sie den Speaker Raimar Kosack direkt an: "Für Menschen wie dich will ich arbeiten."
Die Bedeutung von Mentoren
Ein zentrales Anliegen des Gesprächs ist die Rolle von Mentoren. Julia nennt mehrere Wegbegleiter, denen sie viel verdankt – von ihrem ersten Chef über Sascha Meinert bis zu Chris Tembrink, den sie als jemanden beschreibt, der für sein Thema brennt und Inhalte hervorragend vermitteln kann. Auch die Zusammenarbeit mit Kunden wie Raimar Kosack (von dem sie viel über Remote Work und Arbeitskultur lernte) und Steffen Gruhner prägte ihren Weg nachhaltig.
- Wichtige Erkenntnis: Zufälle und persönliche Begegnungen können den Karriereweg stärker prägen als jeder Plan.
- Sich Mentoren zu suchen und sich zu trauen, Menschen anzusprechen, öffnet Türen.
- Fachliche Tiefe muss man sich erarbeiten – nicht alles wird einem "vor die Füße geworfen".
Fokus, Selbstzweifel und der Umgang mit Struggle
Heute arbeitet Julia für namhafte Kunden im B2B-Bereich, hat sich intensiv in LinkedIn und Personal Branding eingearbeitet und ein Buch geschrieben: Positioniere dich – Schritt für Schritt zu deiner wirksamen Positionierung. Für ihre Selbstständigkeit hat sie klare Grundsätze aufgestellt – etwa maximal fünf Kunden gleichzeitig, um Fokus und Qualität zu wahren.
Offen spricht sie über Selbstzweifel und Existenzangst, gerade als alleinerziehende Mutter. Ihre Haltung dabei: "Augen auf und durch – der Sache ins Auge sehen und die Power reingeben, die da ist." Bei Ängsten fragt sie sich stets: Was ist das Schlimmste, das passieren kann? Der Radsport dient ihr bis heute als Meditation und Ausgleich für ihre hohe Energie.
Auf die abschließende Frage, was sie sich für die Welt wünsche, antwortet sie ohne Umschweife: "Dass alle Menschen selbstreflektiert sind." Ein passender Schlusspunkt für ein Gespräch, das zeigt, wie viel Reflexion, Mut und Herzblut in einem authentischen Berufsweg stecken können.