Ein Unternehmer, der seine Agentur mitgegründet und über Jahre aufgebaut hat, wird von einem Tag auf den anderen aus seinem gewohnten Leben gerissen: Paul Lanzerstorfer, CEO der Linzer Agentur Pulp Media, erkrankte an Long Covid. Im Podcast Behind the Story spricht er offen über seine Krankheit, seine Heldenreise vom Mühlviertel bis nach Neuseeland und die Erkenntnisse, die ihm die Krise gebracht hat. Es ist ein Gespräch über Verletzlichkeit, Rücksichtnahme und die Kraft, im richtigen Moment Nein zu sagen.
Von der tschechisch-bayerischen Grenze in die weite Welt
Aufgewachsen ist Paul Lanzerstorfer im oberen Mühlviertel in Oberösterreich, im Dreiländereck nahe der tschechischen und bayerischen Grenze. Mit fünf Geschwistern, klassischem Landleben und einem Vater, der als Mathematiklehrer und späterer Schuldirektor arbeitete, verbrachte er seine Kindheit weitgehend in einem Umkreis von wenigen Kilometern. Sein Vater vermittelte ihm zugleich Struktur und Kreativität – er führte Theaterregie und spielte Schach.
Doch neben aller Bodenständigkeit zog es Lanzerstorfer immer wieder in die Ferne. Nach dem Studium der Medientechnik an der FH Hagenberg absolvierte er ein Praktikum in Savannah, Georgia, wo er als Programmierer an einem ozeanografischen Institut arbeitete. Später ging er mit seiner Frau für sieben Monate nach Neuseeland, das er heute als sein Lieblingsland bezeichnet. Kurz nach dem Studium gründete er gemeinsam mit seinem Freund Robert Bogner die Agentur Pulp Media, die inzwischen 24 Mitarbeiter beschäftigt und 2025 ihr zwanzigjähriges Bestehen feierte.
Kreativität und Struktur gehören zusammen
Als CEO sieht sich Lanzerstorfer eher als "Peace-Time-CEO": In ruhigeren Phasen kann er analysieren, strukturieren und Prozesse verbessern, während sein Geschäftspartner in stürmischen Zeiten zur Höchstform aufläuft. Kreativität und Logik betrachtet er als eng verbunden – eine Haltung, die er auch beim Schach- und Pokerspielen entwickelt hat.
Kreativität ist eine Lösung für ein Problem zu finden, auf das ich vorher noch nicht getroffen bin.
Marketing sei dann gut, so seine Überzeugung, wenn es in sich eine Logik habe – auch wenn übertrieben werde, dürfe es keine glatte Erfindung sein, die bei genauem Hinsehen zusammenbricht.
Der Zusammenbruch und die Diagnose
Im Oktober 2024 gab es in der Agentur mehrere Covid-Fälle. Lanzerstorfer bemerkte nur leichtes Halskratzen, mehrere Tests fielen negativ aus, und er hielt sogar noch einen Vortrag in Wien. Doch dann ging plötzlich nichts mehr: Er schlief drei bis vier Stunden mitten am Tag und konnte danach kaum noch aufstehen. Seine Ärztin konnte zunächst keine klare Diagnose stellen und riet ihm, alle Termine abzusagen. Erst später fand er einen auf Long Covid spezialisierten Arzt.
An schlechten Tagen war selbst Treppensteigen unmöglich, Duschen nur im Sitzen. Sein Handyakku, wie er es bildhaft beschreibt, lud über Nacht nur auf 20 Prozent – mit dieser Energie musste er den ganzen Tag auskommen. Besonders schwer fiel ihm, morgens liegen zu bleiben, während seine Kinder zur Schule mussten:
Da dann nicht aufzustehen und mitzuhelfen ist wirklich nicht leicht. Also ist schwieriger, als ich es mir selber gedacht habe.
Familie, Freundschaft und ein Arzt als Rettung
Entscheidend für seine Genesung war sein Umfeld. Sein Geschäftspartner Robert Bogner nahm ihn ohne Zögern aus allen Entscheidungen heraus und sorgte dafür, dass ihn niemand kontaktierte. Seine Frau Christina übernahm Haushalt und Kinder – ein halbes Jahr lang praktisch alleinerziehend – und arbeitete sich zugleich so tief in Studien zu Long Covid ein, dass sie mit Ärzten auf Augenhöhe sprechen konnte.
Zur Behandlung gehörten unter anderem Vitamin-C-Infusionen, eine umgestellte Ernährung (Verzicht auf Zucker, Weizenmehl, Milchprodukte und weitgehend auf Fleisch), Nahrungsergänzungsmittel, ein dreiwöchiger Aufenthalt an der frischen Luft sowie Höhentraining, das die Bildung roter Blutkörperchen anregt und die Mitochondrien wieder in Schwung bringt.
Pacing: Die Kunst, rechtzeitig aufzuhören
Die zentrale Strategie im Umgang mit Long Covid nennt sich Pacing. Anders als bei vielen anderen Krankheiten sei es hier falsch, sich langsam wieder hochzutrainieren – der Körper baue dadurch weiter ab. Stattdessen gelte es, die verfügbare Energie über den Tag zu verteilen und stets etwa 20 Prozent in Reserve zu behalten. Lanzerstorfer stellte seine Smartwatch so ein, dass sie ihm den Puls anzeigt; bei einem Grenzwert von 109 setzt er sich hin und macht Atemübungen.
- Auf sich selbst achten: Die Signale von Körper und Kopf ernst nehmen und bei Erschöpfung anhalten – selbst mitten in einer angefangenen Tätigkeit.
- Das Wort "müssen" streichen: Wer "ich will" oder "es ist mir ein Bedürfnis" sagt, behält die Macht über seine Entscheidungen.
- Nein sagen lernen: Auch gegenüber Freunden und im Beruf klare Grenzen ziehen.
- Impfung als Schutz: Studien zeigen laut Lanzerstorfer geringere Erkrankungs- und höhere Heilungschancen bei Geimpften – für ihn kein Grund gegen, sondern für die Impfung.
Der Kokon und der Schmetterling
Trotz allem beschreibt Lanzerstorfer diese Zeit nicht als die schlimmste seines Lebens. Mithilfe einer begleitenden Psychotherapie lernte er, die Erfahrung zu verarbeiten. Ein Bild seiner Therapeutin hat ihn besonders geprägt: Eine Raupe verschanzt sich im Kokon, kann sich nicht bewegen – und kommt als Schmetterling heraus. Auf einer Skala von eins bis zehn schätzt er sich im August 2024 auf einer Sechs ein, heute auf einer Neun. Die Krise habe ihm Zeit gegeben, über das nachzudenken, was ihm wirklich wichtig ist.
Ein Appell für mehr Rücksicht
Sein wichtigstes Anliegen ist es, über Long Covid aufzuklären und Betroffenen kein schlechtes Gewissen zu machen. Der klassische Satz "Stell dich nicht so an" sei bei dieser Krankheit genau das Falsche. Gleichzeitig plädiert er für eine Kultur, in der Menschen ehrlich sagen dürfen, wenn es ihnen nicht gut geht – und auf Verständnis stoßen.
Ich brauch keine Hilfe. Ich brauch nur Rücksicht, dass ich heute das oder das machen kann.
Für die Zukunft sieht sich Lanzerstorfer weiterhin bei Pulp Media, rechnet aber damit, dass sich die Agentur durch künstliche Intelligenz stark verändern wird. Sein persönlicher Wunsch für die Welt: dass wieder ernsthafte Politik gemacht wird – jenseits von Scheingefechten und Selbstdarstellung.