In der 15. Ausgabe des Podcasts Behind the Story erzählt Onlinemarketing-Expertin Derya Grase ihre Lebensgeschichte – eine Geschichte, die immer wieder von Brüchen, Neuanfängen und der Suche nach Zugehörigkeit geprägt ist. Von Istanbul nach Deutschland, von der Medienwelt in die digitale Branche, von festen Strukturen in die Selbstständigkeit: Derya ist einen Weg gegangen, der geradezu exemplarisch zeigt, wie aus Krisen Wachstum entstehen kann.

Eine Kindheit zwischen zwei Welten

Der erste große Einschnitt kam früh. Mit sechs Jahren blieb Derya in der Türkei bei ihrem Onkel zurück, während die Eltern bereits nach Deutschland gegangen waren. Ihr Vater, ein anerkannter Schuhdesigner in Istanbul, war während der Gastarbeiterzeit in eine Schuhfabrik nach Bamberg gekommen und holte die Familie nach.

Mit rund sieben Jahren kam Derya in Deutschland an – ohne ein Wort Deutsch zu sprechen und musste dennoch sofort in die Vorschule. Die anderen Kinder grenzten sie aus. Rückhalt bei den Hausaufgaben gab es zu Hause nicht. Rückblickend beschreibt sie ihre schulische Laufbahn als schwierig, doch eine innere Kraft trug sie durch. Besonders prägend war ihre Entscheidung, dazugehören zu wollen:

Ich habe mich entschieden, ich gehöre zu Deutschland, ich gehöre zu den Deutschen dazu. Das war, glaube ich, schon entscheidend.

Eine besonders schöne Erinnerung: Ihr Vater benannte einen Schuh nach ihr – einen Schuh im College-Stil, den es tatsächlich als „Derya-Schuh“ gab. Später, in ihrer New-Wave-Phase, ließ er sich sogar von den ausgefallenen Modellen inspirieren, die sie aus London bestellte.

Vom Kreativtraum in die Medienwelt

Mit knapp 18 Jahren verließ Derya das Elternhaus und zog nach München, um Modedesignerin oder Maskenbildnerin zu werden. Doch das Leben führte sie zunächst in andere Bahnen: über eine Wirtschaftsprüfungsgesellschaft und die Betreuung von Medienanzeigen zum Bayerischen Rundfunk, wo sie in der Redaktion Jugend und Familie als Aushilfe begann.

Durch ihr Engagement wuchs sie schnell in eine Festanstellung hinein – für sie ein Meilenstein und zugleich das erste Gefühl echter Zugehörigkeit. Sie erlebte Vorgesetzte, die ihr Talent förderten. Grüße gingen im Gespräch an Ernst Geyer, der ihre Entwicklung entscheidend begleitete. Als er zur Kirchgruppe wechselte, folgte sie ihm – ein gewagter Schritt, denn sie gab die Sicherheit des öffentlich-rechtlichen Status auf und ging in die freie Wirtschaft. Dort war sie beim Aufbau des ersten digitalen Fernsehens (DF1, später Premiere, heute Sky) beteiligt und arbeitete als stellvertretende Leiterin der Sendeplanung.

Berlin, Verantwortung und der große Verlust

2001 folgte der Ruf ins kreative Berlin: Derya gab ihre etablierte Position auf, wechselte zur Inhouse-Agentur der ProSieben Sat.1 Media AG – mit weniger Gehalt und schlechterer Position, aber getrieben von der Sehnsucht nach einem lebendigeren Umfeld. Sie holte ihre Mutter aus Bamberg nach Berlin.

Dann kam die Medienkrise, die zahlreiche Entlassungen mit sich brachte. Mehrere Jobangebote in München lehnte Derya ab, um ihre Mutter nicht allein zu lassen. In dieser Phase häuften sich die Schicksalsschläge: Sie wurde schwanger, erfuhr im achten Monat, dass ihre Mutter Krebs hatte, und pflegte sie mit dem Baby im Arm. Als ihr Sohn zehn Monate alt war, starb ihre Mutter. Nur fünf Monate später verlor sie auch ihren Vater.

Aus diesen Krisen heraus bin ich gewachsen. Die Krisen sind eine Chance zum Wachstum – und Wachstum tut manchmal weh.

Der Weg in die Selbstständigkeit

Nach einer Trennung stand Derya als Alleinerziehende mit zwei Kindern in Berlin – und entschied sich, zurück nach Bayern zu ziehen. Erste Berührungen mit dem Onlinemarketing hatte sie über Content-Management-Systeme wie Drupal, später vertiefte sie ihr Wissen mit einer Weiterbildung zur Onlinemarketing-Managerin. Begegnungen mit Menschen wie Lillemor Mahlau, die ihr kreatives Potenzial erkannten, und Wegbegleitern wie Thomas Wagner prägten diesen Neustart.

Für Derya wurde die Selbstständigkeit zur besten Lösung – sie ermöglichte Flexibilität für ihre Kinder und ihre Kunden zugleich. Auch harte Rückschläge wie die Corona-Zeit oder ein dreifacher Bruch im Sprunggelenk konnten sie nicht aufhalten. Ihre wichtigsten Erkenntnisse fasst sie klar zusammen:

  • Auf das Bauchgefühl hören – es weiß oft mehr als der Kopf.
  • Bei Zweifeln nicht stehenbleiben, sondern einfach weitermachen.
  • Sich Hilfe holen – etwa durch Coaching und Persönlichkeitsanalysen.
  • Das eigene „Warum“ als Antrieb begreifen.

Krisenmanagement als Herzensangelegenheit

Heute berät Derya mit ihrem Unternehmen Grase Onlinemarketing Firmen, die vor Digitalisierungs- und Marketingherausforderungen stehen. Ihr eigenes Krisenmanagement setzt sie augenzwinkernd mit „Bemutterung“ gleich. Ihr Ziel ist keine große Agentur, sondern eine individuelle, vertrauensbasierte Boutique-Agentur, die auf einer Erfolgsgemeinschaft mit den Kunden fußt.

Ein Beispiel für ihre Arbeit: Bei einem Freizeitpark steigerte sie den Online-Ticketverkauf von rund 200.000 auf 1,4 Millionen Euro – eine Versiebenfachung. Solche Erfolge sind für sie der eigentliche Lohn.

Wenn Kunden mich anrufen und sagen, wir kriegen jetzt mehr Anfragen, dann ist das mein Warum.

Ihre Kraft zieht Derya aus genau diesem Warum – für sich, ihre Kinder und ihre Kunden. Ihr größter Wunsch für die Welt: ein Ende von Kinderarmut, Gewalt und Missbrauch an Kindern. Ihre Geschichte zeigt eindrücklich, dass ein Leben aus Brüchen und Neuanfängen keine Schwäche ist, sondern eine Quelle von Tiefe, Empathie und unternehmerischer Stärke.