In der siebten Ausgabe des Podcasts "Behind the Story" spricht Gastgeber Wolfgang Jung mit Jörg Scholler, dem Gründer von SEOfunnels.de. Es ist eine Aufnahme über die größte Distanz, die der Podcast bislang überbrückt hat: Rund 3.400 Kilometer trennen die beiden Gesprächspartner, denn Scholler lebt seit 2018 auf Zypern, wo er als SEO-Spezialist ein internationales Team komplett remote führt. Herausgekommen ist ein Gespräch, das weit über Suchmaschinenoptimierung hinausgeht – eine Geschichte über Herkunft, Mut, unternehmerische Entscheidungen und die Wiederentdeckung der eigenen Gefühlswelt.

Eine Kindheit ohne unternehmerische Vorbilder

Jörg Scholler, Jahrgang 1986, wuchs im Berliner Ortsteil Friedrichshain auf – als Kind einer Familie, die er selbst der Unterschicht zuordnet. Seine Mutter arbeitete als Beiköchin, sein Vater als Lagerist. Von Selbstständigkeit oder Unternehmertum war in seinem Elternhaus keine Rede. Prägend war für ihn ein Satz, der immer wieder fiel: "Wir haben nichts, wir sind nichts, wir können nichts."

Als seine Eltern sich trennten – Scholler war zehn Jahre alt – erlebte er eine Zeit großer Einsamkeit. In der Schule blieb er mehrfach sitzen, wiederholte die achte und neunte Klasse und bestand die zehnte nicht. Erst später holte er seine Abschlüsse nach und absolvierte eine Ausbildung zum Kaufmann für Dialogmarketing. Anschließend arbeitete er lange im Vertrieb – als Sales Manager, Verkaufstrainer und Verkaufsleiter.

Als er seinen Eltern von seinem Wunsch nach Selbstständigkeit und einer Weltreise erzählte, stießen seine Pläne auf Unverständnis. "Jeder Mensch, den wir kennen, der sich selbstständig gemacht hat, ist gescheitert", habe man ihm entgegengehalten. Die Idee, während einer Weltreise zu arbeiten, sei für seine Eltern schlicht nicht vorstellbar gewesen.

Der Ruf zum Abenteuer: SEO als Vehikel der Freiheit

Der entscheidende Wendepunkt kam 2016. In einem überhitzten Büro, in dem er im Anzug Mitarbeiter im Vertrieb coachte, sah er aus dem Fenster zwei Studenten, die entspannt mit einer Tüte Eis vorbeischlenderten. In diesem Moment platzte etwas in ihm: "Ich will auch frei sein. Ich will auch eine Tüte Eis essen, wann auch immer ich will."

Kurz darauf lernte er bei einem Männerabend einen Mann namens Basti kennen, der ihm von seinem Einkommen durch Suchmaschinenoptimierung erzählte – nach eigenen Angaben 10.000 Euro monatlich. Über diesen Kontakt kam Scholler an den Onlinemarketing-Mentor Alex Becker und dessen Kurs. Zunächst lernte er dort ausschließlich sogenannte Blackhat-Methoden. Für Scholler gibt es dabei kein einfaches Gut und Böse: Es gehe um effektive und ineffektive Methoden – je nach Nische.

Seine erste Nischenwebsite baute er im Bereich Haarverlängerung auf, weil er sich durch frühere Tätigkeiten im Beauty-Bereich gut auskannte und dort wenig Konkurrenz durch andere SEOs sah. Mit 500 Euro Einnahmen aus dieser ersten Seite reifte der Gedanke: Er müsse das Modell nur multiplizieren, um seine finanzielle Freiheit zu erreichen.

Die Weltreise und der Weg nach Zypern

Am 3. Oktober 2017 startete Scholler gemeinsam mit seiner Partnerin die Weltreise. Ein Auftrag von Lars Müller, für den er eine Nischenseite aufbaute, sicherte die finanzielle Grundlage. Die Stationen führten über Martinique und Los Angeles nach Bali. Doch das Arbeiten unterwegs war eine Herausforderung – vor allem das schlechte Internet auf Martinique machte produktives Arbeiten nahezu unmöglich.

Auf Bali erkannte er, dass er zwar fünfstellige Monatsumsätze erzielte, aber 60 Stunden pro Woche arbeitete – und kaum etwas von der Welt sah. Also begann er, Mitarbeiter zu gewinnen und Prozesse zu systematisieren. Ein Tipp seines Mentors Lars Müller lautete, Onlinekurse aus den eigenen Arbeitsschritten zu erstellen, um Mitarbeiter auszubilden. Genau dieser Ansatz prägte später auch seinen Ruf als Mentor.

Der Umzug nach Zypern folgte einer nüchternen Erkenntnis: Nach seinem ersten Geschäftsjahr mit über 100.000 Euro Umsatz erhielt er in Deutschland eine hohe Steuerforderung. Von seinen rund 50.000 Euro Ersparnissen blieb kaum etwas übrig. In Zypern hingegen sei die Steuerlast klar kalkulierbar – ein Achtel des Einkommens, also 12,5 Prozent. In Paphos fand er ein Vierzimmerhaus mit großem Garten und Pool für 870 Euro Miete.

Effizienz statt Wachstum um jeden Preis

In den ersten drei Jahren auf Zypern arbeitete Scholler intensiv – nach eigener Aussage zehn bis zwölf Stunden täglich, sieben Tage die Woche. Es gelang ihm, seinen Gewinn jedes Jahr zu verdreifachen, ohne die Zahl seiner Mitarbeiter stark zu erhöhen. Bis heute beschäftigt sein Unternehmen sechs Mitarbeiter, die komplett remote arbeiten.

Gehe nicht, skaliere nicht über Mitarbeiter, solange Du nicht über alles andere skalieren kannst.

Dieser Rat, ebenfalls von Lars Müller, prägte seine Unternehmensphilosophie. Statt auf reine Größe setzte Scholler auf Automatisierung und Prozessoptimierung. Eine Keyword-Recherche, für die er früher vier bis acht Stunden benötigte, konnte er auf rund 15 Minuten reduzieren. Sein Ziel: ein "Boutique-Geschäftsmodell", das Exzellenz liefert und ihm zugleich Lebensqualität ermöglicht.

Der Bruch: Von der Rationalität zur emotionalen Verbindung

Der wohl persönlichste Teil des Gesprächs betrifft eine tiefe Lebenskrise. Nach vier Jahren auf Zypern und elf Jahren Beziehung eröffnete ihm seine Partnerin, dass sie sich entliebt habe. In derselben Woche kamen weitere Belastungen zusammen: eine schmerzhafte Operation, die Suizidankündigung eines Freundes, der Weggang eines Managers und die Kündigung zweier Kunden.

Scholler beschreibt, wie er über Jahre eine bewusste Abneigung gegen Emotionen entwickelt hatte, weil er sie im Geschäftsleben als hinderlich empfand. Die Krise brach diese Haltung auf. Er wurde schwer depressiv und suizidal – und fand über eine bereits begonnene Psychotherapie einen Weg heraus. Ein halbes Jahr lang konnte er kaum arbeiten.

Rückblickend beschreibt er diesen Prozess als notwendig: Er habe die tiefe Trauer gebraucht, um sich wieder mit seinen Gefühlen zu verbinden. Heute empfindet er sich als "neuen Menschen" – mit echter Empathie und der Fähigkeit, Emotionen nicht nur zu kennen, sondern zu spüren.

Kernaussagen aus dem Gespräch

  • Fragen statt reden: Ein Mentor lehrte ihn, dass man zwei Ohren und einen Mund hat – wer die richtigen Fragen stellt, führt das Gespräch.
  • Streit vermeiden: Aus seinem Lieblingsbuch von Dale Carnegie nahm er die Erkenntnis mit, einen Streit nur durch dessen Vermeidung gewinnen zu können.
  • Bewusste Skalierung: Nicht die Zahl der Mitarbeiter, sondern optimierte Prozesse ermöglichen nachhaltiges Wachstum.
  • Emotionale Offenheit: Hilfe anzunehmen und über schwierige Phasen offen zu sprechen, versteht er als Stärke, nicht als Schwäche.

Angekommen: Bewusstsein als größter Wunsch

Auf die Frage, ob er heute glücklich sei, antwortet Scholler ohne Zögern mit Ja. Anhand einer selbst erstellten Checkliste bewertet er regelmäßig elf Lebensbereiche – von Liebe über Finanzen bis Spiritualität – und erreicht derzeit einen für ihn ungewöhnlich hohen Durchschnittswert. Der Schlüssel liege darin, aufzuhören, ständig zu bewerten, was gut oder schlecht sei.

Du bekommst genau das, was Du brauchst und nicht das, was Du willst. Und wenn Du das erkennst, wirst Du alle Dinge viel leichter annehmen können.

Gefragt, was er sich für die Welt wünsche, formuliert er einen einzigen Gedanken: Bewusstsein. Ein Bewusstsein für das eigene Sein, das Menschen ein entspannteres Leben ermöglichen könne, weil sie aufhören, permanent zu bewerten. Es ist ein passendes Schlusswort für ein Gespräch, das zeigt, dass hinter beruflichem Erfolg oft ein langer, keineswegs geradliniger Weg steht – und dass wahre Stärke auch darin liegen kann, Verletzlichkeit zuzulassen.