In der 25. Ausgabe des Podcasts BTS – Behind the Story ist Gordon Schönwälder zu Gast, einer der bekanntesten Podcast-Experten im deutschsprachigen Raum und Gründer von Podcasthelden. Statt vor allem über seine berufliche Expertise zu sprechen, gibt Schönwälder einen ungewöhnlich offenen Einblick in seinen Lebensweg – von einer unsteten Kindheit über eine späte Diagnose seiner Depression bis hin zu einem Selbstverständnis, das er selbst so beschreibt: „Ich bin heute der Mensch, der ich sein kann.“ Der Leitgedanke der Folge lautet: „Glaube nicht alles, was du denkst.“
Eine Kindheit ohne Kontinuität
Geboren 1981 in Moers am Niederrhein, wuchs Schönwälder als Einzelkind unter wechselnden Bedingungen auf. Die Eltern trennten sich, bevor er ein Jahr alt war; der leibliche Vater, Ingenieur, arbeitete jahrelang im Ausland. Die eigentliche Konstante seines Lebens waren die Großeltern, denen er heute – beide um die 90 – etwas zurückgeben kann. „Da hat's an nichts Materielles gemangelt“, betont er, doch der Einstieg ins Leben sei nicht so optimal gewesen, wie er hätte sein können.
Genau daraus erklärt er sein starkes Bedürfnis nach Struktur und Kontinuität – für ihn heute ein hoher Wert. Als „kreativer Chaot“ nutzt er Tools und Dokumentation als Krücke, um Prozesse nicht zerfasern zu lassen. Zugleich habe ihn seine Herkunft empathisch gemacht: „Wenn ich mit Coaches spreche, die gut in ihrem Job sind, dann hatten die alle irgendwo mit einer Herkunftsfamilie ein Thema, das sie abgearbeitet haben.“
Vom Klassensprecher zur Stimme am Mikrofon
In der Schule war Schönwälder nach eigener Einschätzung kein besonders begabter Schüler – er lieferte vor allem dann ab, wenn die Weichen gestellt wurden. Doch früh zeigte sich eine Affinität zu Sprache und Öffentlichkeit: Er war oft Klassensprecher, bei der Bundeswehr Kompaniesprecher, im Studium in der Fachschaft aktiv. Bemerkenswert ist, dass er als Jugendlicher stotterte, ohne traumatischen Auslöser. Bestimmte Konsonantenkombinationen bereiten ihm bis heute Schwierigkeiten, weshalb er Sätze bewusst umschifft. Mit Sprachtraining, Atemübungen und der bewussten Kontrolle seines schnellen Sprechens arbeitete er sich zu jener klaren Artikulation vor, für die er heute geschätzt wird.
Seine Ablehnung von Hierarchien führt er direkt auf die Kindheit zurück: „Ich glaube, dass ich keine Hierarchien mag, genau daher kommt, dass ich sehr oft das machen musste, was mir gesagt worden ist.“ Spätestens bei der Bundeswehr brach sich dieser Widerstand Bahn.
Umwege, Fehlentscheidungen und der Weg ins Coaching
Nach der Bundeswehr schrieb sich Schönwälder in einer „Nacht-und-Nebel-Aktion“ für Germanistik ein – rückblickend keine durchdachte Entscheidung, die er als eine der wenigen Dinge bezeichnet, die er bereut. Es folgten erfolglose, desillusionierende Studienjahre, in denen erstmals spürbar wurde, dass „irgendwas in mir schlummert, was nicht in Ordnung ist“. Später begann er eine Ausbildung zum Ergotherapeuten – ein Beruf, der ihm zeigte, wie sehr ihn das Helfen erfüllt. Nicht im Sinne eines Helfersyndroms, sondern mit dem Ziel, sich selbst überflüssig zu machen: „Ich find's viel geiler, wenn Menschen irgendwann sagen: Jetzt kann ich das alleine.“ Diese Haltung zieht sich bis in seine heutige Arbeit als Podcast-Coach.
Für seine eigenen Kinder zieht er daraus einen klaren Schluss: Er würde sie „bis hinten gegen“ fördern – emotional wie finanziell – und ihnen den Raum geben, das zu machen, was sie im jeweiligen Moment für richtig halten.
Die Diagnose Depression und der Umgang damit
Erst nach mehreren erfolglosen Erstgesprächen erhielt Schönwälder von einer guten Therapeutin die Diagnose. Er beschreibt Depression nüchtern über Intensität, Dauer und Begleitsymptome wie Schlafstörungen oder mangelnden Antrieb. In der Verhaltenstherapie lernte er, Muster zu erkennen und Gedanken zu hinterfragen – der Kern seines Lebensmottos.
Es ist etwas, was in meinem Kopf passiert und nicht in der Realität.
Achtsamkeit, gutes Selbstmanagement und die Erkenntnis, in schlechten Phasen keine fundamentalen Entscheidungen zu treffen, gehören zu seinen wichtigsten Werkzeugen. Eine spontan geschlossene Facebook-Gruppe mit viereinhalbtausend Mitgliedern nennt er als Beispiel für eine Entscheidung, die er in einer depressiven Episode besser nicht getroffen hätte. Heute verortet er sich auf einer Glücksskala bei 7,5 – mit Tendenz nach oben.
Wehrhaftigkeit, Nähe und Distanz
Ein zweiter Baustein seiner Entwicklung ist der Kampfsport, insbesondere Self-Defense-Systeme wie Krav Maga. Es gehe dabei weniger um Gewalt als um Achtsamkeit und darum, Auseinandersetzungen zu vermeiden. Eine Anekdote illustriert seine Reife: Statt sich auf eine Schlägerei einzulassen, deeskalierte er eine Provokation. „Ich bin auf eine angenehme Art und Weise wehrhaft“ – eine Fähigkeit, die er sich für alle Menschen und für die Demokratie wünscht.
Offen spricht er auch über den Unterschied zwischen digitaler Nähe und persönlicher Distanz. Als introvertierter Mensch zieht ihm die Reizüberflutung großer Veranstaltungen Energie. Es sei kein Ausdruck von Arroganz, sondern schlichte Überforderung durch das Setting.
Selbstwirksamkeit als Antrieb
- Nach vorne blicken statt am Rückspiegel kleben – die Vergangenheit lässt sich nicht ändern, wohl aber die Wahrnehmung im Hier und Jetzt.
- In schlechten Phasen keine fundamentalen Entscheidungen treffen.
- Wehrhaftigkeit als innere Haltung: eine Grenze ziehen, ohne sich klein zu machen.
- Sich selbst mit dem Mitgefühl begegnen, das man einem guten Freund entgegenbringt.
Wohin sein Weg beruflich führt, weiß Schönwälder nicht genau – KI sieht er dabei eher als Verbündeten denn als Bedrohung. Sicher ist ihm nur die Mission: Menschen über Hürden hinwegzuhelfen. Besonders bewegend erzählt er von seinem Podcast hauptberuflich depressiv. Nach einer Folge zum Thema Suizidalität begaben sich mehrere Hörerinnen und Hörer in Behandlung. „Diese Menschen haben überlebt, weil sie diesen Podcast gehört haben. Allein deswegen hat sich das Ganze doch schon gelohnt.“ Genau darin liegt für ihn die Selbstwirksamkeit, die er sich für die ganze Welt wünscht.