In der 32. Ausgabe des Podcasts Behind the Story mit Host Wolfgang Jung geht es um die Heldenreise von Joachim Giese, Vorstand der WBS Gruppe. Sein Weg ist keine gerade Linie, sondern eine Geschichte von bewussten Entscheidungen, gelegentlichen Zweifeln und der immer wiederkehrenden Frage: Was will ich eigentlich selbst – jenseits der Erwartungen anderer? Im Gespräch entfaltet sich das Porträt eines Menschen, der sich früh viel zutraute, dem der Mut zum eigenen Weg jedoch auch einiges abverlangte.
Behütete Kindheit im Emsland
Giese wuchs als jüngstes von fünf Kindern in einer Kleinstadt im Emsland auf. Sein Vater besaß ein Autohaus mit rund 70 Mitarbeitern, sodass Themen wie Unternehmen, Wirtschaft und Führung schon früh Teil seines Alltags waren. Anders als man vermuten könnte, musste er sich als Jüngster jedoch nicht durchsetzen – im Gegenteil.
Vielleicht habe ich damals schon gelernt, dass es ganz gut ist, wenn andere Leute auch Wege für einen aufmachen und Dinge für einen durchkämpfen.
Seine älteren Geschwister hätten viele Konflikte mit den Eltern bereits ausgetragen, sodass er von deren Gelassenheit profitieren konnte. Prägend sei weniger eine besondere Durchsetzungsfähigkeit gewesen, sondern ein gesundes Selbstbewusstsein: die innere Überzeugung, dass ihm gelingt, was er sich vornimmt. Das Verhältnis zu seinen Geschwistern ist bis heute gut – einmal im Jahr trifft sich die gesamte Familie mit 25 bis 30 Mitgliedern.
Die schwere Entscheidung gegen das Autohaus
Lange schien klar, dass Giese das väterliche Autohaus übernehmen würde. Alle in der Stadt gingen davon aus. Er ging sogar auf ein Wirtschaftsgymnasium und wechselte dafür die Stadt. Doch spätestens in der Abiturzeit kamen Zweifel. Statt einer Autohändlerfachschule, die ihn früh festgelegt hätte, entschied er sich, sich Wege offenzuhalten und Betriebswirtschaft zu studieren – auch wenn ihn eigentlich Geisteswissenschaften wie Literatur reizten.
Gegen Ende des Studiums fiel die endgültige Entscheidung: Er würde das Autohaus nicht übernehmen. Das Gespräch mit dem enttäuschten Vater war schwierig und kostete beide eine Zeit lang die Beziehung. Der Vater verkaufte das Unternehmen schneller als erwartet und ging dadurch deutlich früher in Rente als geplant. Eine bittere Pointe: Kurz vor der Wende verkauft, konnte der Käufer den Gebrauchtwagenbestand nach der Grenzöffnung mit gutem Gewinn weiterveräußern – ein halbes Jahr, das der Vater knapp verpasste.
Zwischen Zahlen, Menschen und der Suche nach dem Richtigen
Nach dem Studium begann Giese ein Trainee-Programm im Personalwesen bei Gruner + Jahr, brach es jedoch ab. Im Personalcontrolling saß er zwischen endlosen Listen aus dem Keller und merkte, dass er im Großkonzern zu wenig vom Unternehmen mitbekam. In einem mittelständischen Betrieb mit einigen hundert Mitarbeitenden fühlte er sich als Personalreferent deutlich wohler – mit Überblick und direktem Draht zu den Menschen. Seine Zahlen- und IT-Affinität holte ihn dabei immer wieder ein, etwa bei der Einführung von SAP-Systemen.
Bemerkenswert ist eine Phase, die vieles vorwegnahm: Während des Erziehungsurlaubs für seinen Sohn arbeitete Giese freiberuflich und baute für AOL einen Fanshop im aufkommenden Internetgeschäft auf. Hier erlebte er, wie befreiend flexibles, ortsunabhängiges Arbeiten sein kann – eine Erfahrung, die sein späteres Vertrauen in flexible Arbeitsmodelle und seine Internetaffinität nachhaltig geprägt hat.
- Der direkteste Weg in die Wirtschaft unter fünf Geschwistern – trotz anfänglicher Zweifel
- Mehrere Jobwechsel aus Ungeduld, aber auch aus dem Wunsch nach mehr Wirkung
- Ein guter Verdienst kann zur Falle werden und den Wechsel erschweren
- Frühe Erfahrung mit freiem, digitalem Arbeiten als Weichenstellung
Vom Fremdeln zum Passen
Giese spricht offen über finanzielle Unzufriedenheit und darüber, wie schwer es war, dem Vater den eigenen Weg zu zeigen. Als dieser den kleinteiligen Onlineshop mit den paketpackenden Studenten sah, erkannte er nicht die skalierbare Vision dahinter, sondern nur das Gewusel des Moments. Auch beim Hauskauf blieb der Wunsch hinter dem zurück, was ein übernommenes Autohaus ermöglicht hätte.
Der Wendepunkt kam 2007 mit dem Einstieg bei WBS. Über Stationen wie ein EU-gefördertes Qualifizierungsprojekt im Hamburger Hafen und die Firmenschulung fand er dorthin, wo er blieb. Entscheidend war das Gefühl, endlich am richtigen Ort zu sein.
Ich glaube auch, dass ich ganz gut zu WBS passe, weil die WBS zu mir passt.
Je weniger man in einem Unternehmen fremdele, so seine Erkenntnis, desto besser könne man sich entwickeln – ohne erst mühsam passend gemacht zu werden.
Bildung, KI und der Wunsch nach Großzügigkeit
Heute verantwortet Giese die WBS Gruppe mit rund 1.800 Mitarbeitenden, die täglich zwölf- bis dreizehntausend Lernende begrüßt. Bereits 2007 fanden Videocalls zum Standard – ein Vorsprung, der in der Corona-Zeit half, auch wenn er sich später relativierte, als virtuelles Lernen zur Normalität wurde. Langweilig werde es nie, weil sich die Rahmenbedingungen ständig veränderten. Die große Herausforderung der nächsten Jahre sieht er in der Integration künstlicher Intelligenz ins Lernen – als Chance, nicht als Bedrohung.
Sein persönlicher Wunsch: niedrigschwellige Angebote im Bereich Sprache und Alphabetisierung, um auch Menschen zu erreichen, die bislang wenig mit Lernen zu tun hatten. Gerade in der Echtzeit-Übersetzung durch KI sieht er eine Möglichkeit, Menschen unterschiedlichster Herkunft einander näherzubringen.
Seine Botschaft an junge Menschen fasst seinen Weg treffend zusammen: Man solle sich etwas trauen und es einfach machen – es werde schon gelingen. Optionen entstünden nur, wenn man sie zulasse. Und auf die fiktive Anzeigetafel an einer belebten Kreuzung würde er einen einzigen Satz schreiben: „Seid großzügig zueinander.“