In der 28. Folge des Podcasts "BTS – Behind the Story" spricht Gastgeber Wolfgang mit Markus Tirok, einem der erfahrensten Moderatoren, Medientrainer und Podcast-Experten im deutschsprachigen Raum. Über drei Jahrzehnte hat Tirok Weltstars interviewt, große Bühnen bespielt und schließlich sein Wissen digitalisiert. Doch das Gespräch dreht sich weniger um prominente Namen als um die persönliche Heldenreise eines Menschen, der gelernt hat, sich selbst treu zu bleiben – und dessen zentrale Botschaft in einem einzigen Wort mündet: Liebe.

Ein Start unter schwierigen Vorzeichen

Tiroks Geschichte beginnt noch vor seiner Geburt. Seine Mutter wurde Anfang der 1970er-Jahre im konservativen Schaumburg-Lippe unehelich schwanger – für alle Beteiligten damals ein Skandal. Der Großvater sprach wochenlang nicht mit ihr, das Jugendamt stand vor der Tür, die Nachbarschaft tuschelte. Nach einer Reise nach Hamburg fasste sie einen Entschluss, den Tirok bis heute berührt.

"Sie hat damals beschlossen: Ich mach es jetzt erst recht. Den Jungen krieg ich jetzt erst recht und wir ziehen das gemeinsam durch."

Diese Entschlossenheit prägte ihn. Aufgewachsen bei den Großeltern, während die Eltern in einer Arbeiterfamilie ihr Geld verdienten, erlebte er die Küche seiner Oma als sein selbstverständliches Zuhause – bis heute verbindet er damit sofort den Geruch von Eintopf. Seine Mutter beschreibt Tirok als modern und durchsetzungsstark; sie schickte ihn schon in den 1970er-Jahren zur Logopädin, weil er einen Sprachfehler hatte. Diese entschlossene, eigenwillige Art, so erkennt er im Gespräch, trägt er selbst in sich.

Zwischen Zugehörigkeit und Ausgrenzung

Als Kind war Tirok eine Mischung aus zurückhaltend und extrovertiert: In sicheren Umgebungen aufgeblüht, gegenüber anderen Kindern oft scheu. Schon in der ersten Klasse marschierte er zum Direktor, um sich über einen prügelnden Lehrer zu beschweren – ein früher Beleg für sein Gespür für Gerechtigkeit. Prägend blieb auch eine Szene, in der ihm ein älterer Junge beisprang, als er bedrängt wurde. An diesen Moment erinnert er sich noch nach 45 Jahren.

Mit 14 änderte sich alles: Eine Jugendfreizeit der Kirche öffnete ihm eine Gemeinschaft, in der er sich aufgehoben fühlte. Es folgten Gruppenleiterschein, Kirchenchor, Orgelunterricht und schließlich der Bau eines Kirchenhauses in Südafrika. Doch dieselben Jahre brachten seine schwerste Zeit: das Coming-out in einer Kleinstadt, in einer Zeit, in der schwule Männer massiv ausgegrenzt wurden.

Die Quarterlife Crisis und der Wendepunkt

Zwischen 20 und 25 fiel Tirok in ein tiefes Loch – beruflich orientierungslos, mit der eigenen sexuellen Identität ringend. Ein Praktikum bei einer Tageszeitung, vermittelt durch seine Mutter, wurde zum Wendepunkt. Von dort ging es zum Radio, dann zum Fernsehen. In Hamburg baute er den Lokalsender Hamburg 1 mit auf und interviewte täglich Prominente.

Doch nicht jede Begegnung war ein Höhepunkt. Manche Stars enttäuschten ihn, andere blieben unvergessen – etwa Harpe Kerkeling, Roger Willemsen oder Sir Peter Ustinov. Legendär wurde sein erstes Fernsehinterview mit Tom Cruise, das er live und aufgeregt mit einem verstotterten Versprecher begann.

Der Mut, alles hinzuwerfen

Nach sieben Jahren beim Fernsehen fehlte Tirok der Sinn. Eine NLP-Ausbildung – ausgelöst durch eine erfolgreiche Raucherentwöhnung per Hypnose – eröffnete ihm eine neue Welt. Er kündigte, ohne Rücklagen, ohne Plan. Sein Umfeld reagierte fassungslos. Für ihn wurde es der schönste Sommer seiner Hamburger Zeit.

"Ich weiß halt wirklich, was ich will. Und dann geh ich den Weg, auch wenn ich vielleicht nicht weiß, was das immer bedeutet."

Ein Casting der ARD führte ihn nach Köln, wo er unter anderem "Verbotene Liebe" und den "Marienhof" ansagte – und zum letzten deutschen Fernsehansager wurde. Fehler im großen Sinne bereut Tirok nicht: Jede Entscheidung sei im jeweiligen Moment die richtige gewesen. Diese Haltung verbindet er mit der japanischen Kintsugi-Philosophie, die Brüche nicht kaschiert, sondern mit Gold veredelt.

Vom Moderator zum Trainer

2015 traf Tirok eine wegweisende Entscheidung: Angeregt durch eine Roadshow der Telekom digitalisierte er sein Coaching-Wissen. Er absolvierte eine Ausbildung zum zertifizierten E-Trainer an der Fernuniversität Hagen und startete 2016 seinen ersten Podcast. Heute hilft er als Gründer der "Interviewhelden" Podcastern, Moderatoren und Menschen auf der Bühne. Rückblickend erkennt er, dass sich seine Kindheitsträume erfüllt haben – Lehrer, Regisseur, eine pastorale Nähe zum Menschen, all das findet sich in seiner heutigen Arbeit wieder.

Über Abschied, Angst und Loslassen

Besonders bewegend wird das Gespräch beim Thema Abschied. Tirok erzählt vom Tod seines Vaters, den er nicht bewusst verabschieden konnte, und von der Sorge um seine Hündin Emma, die in diesem Jahr schwer erkrankte. Er beschreibt seine Höhenangst, die er unerwartet während eines schweren Urlaubs in Dänemark verlor, als er sich intensiv mit sich selbst konfrontierte.

Seine Großmutter, so erzählt er, habe am Lebensende aus Angst gekämpft und festgehalten. Sein Wunsch für sich selbst: rechtzeitig loslassen zu können.

"Ich weiß auch, dass ich eine Woche später in den Himmel gucke und mich an die schöne Zeit erinnern werde und ein freies Leben führen werde."

Keine Ziele mehr – dafür Offenheit

Auffällig ist Tiroks bewusster Verzicht auf feste Zukunftsvisionen. Jahrelang scheiterte sein Traum vom großen Fernsehmoderator immer knapp vor dem Ziel – bis er beschloss, sich keine Vorsätze mehr aufzuzwingen. Stattdessen bleibt er offen für das, was kommt. Seine Wunschkunden sind Menschen mit intrinsischer Leidenschaft, die sich entwickeln, Neues ausprobieren und Freude an anderen Menschen haben – nicht jene, die nur auf Umsatz schielen.

Auf die Frage, was er sofort ändern würde, wenn er könnte, antwortet Tirok knapp: Die Menschen sollten verstehen, was Liebe ist. Und auch das Schild, das er auf der größten Kreuzung seines Lebens aufstellen dürfte, trüge nur ein einziges Wort.

Kernaussagen des Gesprächs

  • Entscheidungen sind im jeweiligen Moment richtig – große Lebensbrüche sind keine Fehler.
  • In einer liebevollen, sicheren Umgebung entfaltet sich das Beste im Menschen.
  • Freiheit und Selbstbestimmung sind zentrale Antriebe – auch wenn der Weg ungewiss ist.
  • Abschied und Endlichkeit gehören zum Leben und lassen sich durch Loslassen leichter tragen.
  • Alles, was man liebt, wird enden – dieses Bewusstsein kann das Leben erleichtern.