In der elften Ausgabe des Podcasts BTS – Behind the Story sitzt Gastgeber Wolfgang mit Beatrice Köhler am „digitalen Lagerfeuer“. Köhler ist Gründerin und Geschäftsführerin der Kampagnenreiter GmbH, einer Agentur für Onlinemarketing mit Schwerpunkt auf lokale Suchmaschinenoptimierung. Ihr Weg dorthin war alles andere als geradlinig – geprägt von einer Kindheit in der DDR, mehreren Umwegen und der späten Erkenntnis, dass sie eigentlich schon jahrelang das machte, was heute ihr Beruf ist. Ein Gespräch über Freiheit, Familie, Krisen und die Frage, wie man aus Zufällen eine Karriere formt.

Kindheit im Osten und der Drang nach Freiheit

Beatrice Köhler wurde 1975 in Ost-Berlin geboren. Nur 14 Tage vor dem Mauerfall reiste sie mit ihrer Mutter offiziell nach West-Berlin aus – über die Station Friedrichstraße, mit der S-Bahn. Ihre Schwester blieb zunächst zurück, was einen Abschied „für immer“ bedeutete, bis die Mauer fiel und die Familie wieder zusammenfand.

Auslöser der Ausreise war der 50. Geburtstag ihres Großvaters in West-Berlin, zu dem ihrer parteitreuen Mutter der gemeinsame Besuch mit den Kindern verweigert wurde. Am Tag ihres Parteiaustritts stellte diese den Ausreiseantrag. Die Folge waren Schikanen: Befragungen durch die Staatssicherheit, Kinder von ausreisewilligen Eltern, die vom Hinterhof mit aufs Revier genommen wurden. „Ich fand's als Kind normal, das war unser Alltag“, erinnert sich Köhler.

Diese Erfahrung hat sie nachhaltig geprägt – nicht durch Verbitterung, sondern durch einen tiefen Wert:

Ich habe das Gefühl, ich kann jederzeit überall hin auf der Welt. Aber wenn ich nicht diese Möglichkeit hätte, würde ich mich eingesperrt fühlen. Und ich glaube, das ist meine Kernprägung aus meiner Kindheit.

Vom „Rumpimmeln“ zum Studium

Nach dem Realschulabschluss 1992 folgte eine orientierungslose Phase mit viel Party und zwei abgebrochenen Ausbildungen. Der entscheidende Ratschlag kam von jemandem, der zu ihr sagte: „Wenn du nicht weißt, was du machen willst, mach halt dein Abitur – du gewinnst Zeit.“ Diesen Tipp beschreibt sie bis heute als den besten ihres Lebens. 1998 holte sie ihr Fachabitur auf dem zweiten Bildungsweg nach.

Eigentlich wollte sie Elektrotechnik studieren, doch die Berliner Fachhochschule erkannte ihr hessisches Fachabitur nicht an. So wurde es ein berufsbegleitendes Fernstudium der Betriebswirtschaftslehre mit Schwerpunkt Marketing. Sie habe es „furchtbar“ gefunden, aber durchgezogen – gerade weil zwei Abbrüche bereits hinter ihr lagen. Heute ist sie froh darüber, weil sie im Unternehmertum vieles daraus braucht.

SEO, ohne es zu wissen

Parallel arbeitete Köhler früh: als Kommunikationstrainerin, in Callcentern, später in Werbeagenturen. Nach der Geburt ihres ersten Sohnes eröffnete sie 2004 einen Blog zu Ernährungsthemen – aus reiner Effizienz, um Menschen zu erreichen. Dass sie damit Suchmaschinenoptimierung und Contentmarketing betrieb, war ihr damals nicht bewusst.

Die Erkenntnis kam erst rund 2015 durch eine Arbeitskollegin namens Andrea, die ihr Google Analytics zeigte. Köhler stellte fest, dass ihr Blog 20.000 Seitenaufrufe im Monat hatte und auf wichtige Themen Position-1-Rankings erzielte.

Plötzlich habe ich kapiert: Man kann da Dinge messen. Das war mein Moment, wo ich bewusst gesagt habe: Ich mache Onlinemarketing.

Aus dem Blog-Nerdtum wurde eine Berufung. Wenn sie Andrea heute trifft, sagt sie: „Du bist schuld an dem, wo ich jetzt stehe.“

Der Sprung in die Selbstständigkeit

Den Namen Kampagnenreiter etablierte Köhler 2017 in nebenberuflicher Selbstständigkeit. Als die Auslastung 2019 zu groß wurde, kündigte sie ihren Teilzeitjob – und ihr Arbeitgeber wurde nahtlos zum Auftraggeber, den sie fortan als Freelancerin im Projektmanagement betreute.

Über Umwege fand sie zum Local SEO, einem Thema, für das in Deutschland nur wenige brannten. Genau darin sah sie ihre Chance. Heute betreut ihre Agentur rund 80 kleinteilige Kunden. Der Vorteil dieses Modells: Fällt ein Kunde weg oder muss pausieren, tut das nicht weh. „Diesen 80-Prozent-Schock erspart man sich auf Dauer“, so Köhler mit Verweis auf offene Kommunikation – Kliniken etwa durften während der Pandemie pausieren und sind bis heute Kunden.

Familie als Nest und Mentor

Das viele Umziehen hat in Köhler den Wunsch nach Beständigkeit geweckt. Ihr Zuhause sei dort, wo ihre Familie ist. Sie möchte ihren drei Söhnen Sicherheit geben und ein „Nest“, zu dem sie jederzeit zurückkehren können – egal, was sie angestellt haben.

Ungewöhnlich ist ihre Mentorenkonstellation: Ihr wichtigster Mentor ist ihr eigener Ehemann, mit dem sie zugleich Geschäftspartnerin, Ehefrau und Elternteil ist. Das birgt Zündstoff und erfordert sorgsame Kommunikation und klare Zeitfenster – etwa getrennte Geschäftsführermeetings und Mentoring-Termine –, damit nicht nur noch über Business gesprochen wird. Unterm Strich überwiegen jedoch die positiven Aspekte.

Krisen, Nervosität und der freie Freitag

Trotz ihrer nach außen ausgeglichenen Ausstrahlung räumt Köhler ein, in Krisen durchaus zunächst in Panik zu geraten – etwa als sie einst 80 Prozent ihres Umsatzes mit einem Kunden verlor. Ihre Methode: durchatmen, sich auf den Kern besinnen und weitermachen. Ihr Leitbild: „Wenn sich ein Bullauge schließt, öffnet sich eine Laderampe.“ Auch auf der Bühne ist sie anfangs oft so nervös, dass sie zittert – nach wenigen Minuten aber voll im Thema.

Ihr größtes aktuelles Geschenk an sich selbst ist der freie Freitag, seit sechs Wochen praktiziert sie eine Viertagewoche. Sie geht wandern, werkelt im Garten und lehnt an diesem Tag Haushalt oder Einkäufe ab. Die Viertagewoche würde sie – gestützt auf Studien zu Produktivität – auch ihren Mitarbeitenden ermöglichen.

Kernaussagen der Folge

  • Freiheit ist Köhlers zentrale Prägung – entstanden aus dem Gefühl des Eingesperrtseins in der DDR.
  • Karrieren müssen nicht geradlinig sein: Umwege und Abbrüche können zu wertvollen Weichenstellungen werden.
  • Nicht stehen bleiben – wer orientierungslos ist, sollte sich weiterbilden und Zeit gewinnen.
  • Ein Geschäftsmodell mit vielen kleinen Kunden reduziert Risiken und schafft Flexibilität.
  • Auch scheinbar souveräne Menschen kämpfen mit Nervosität und Krisen.

Für die Zukunft plant Köhler eine ISO-9001-Zertifizierung, BAFA-Beratung, neue Mitarbeitende und eine persönliche Weiterbildung zum Thema Mitarbeiterführung. Ihr Ziel formuliert sie klar: „Ich möchte eine bessere Chefin werden.“ Und wenn man sich etwas für die Welt wünschen dürfte? „Weniger machtbesessene Menschen.“