Wie wird aus einem promovierten Chemiker aus dem Saarland ein Pionier der digitalen Nachhaltigkeit? In Folge 17 von Behind the Story erzählt Dr. Torsten Beyer seine persönliche Heldenreise: von den ersten Gehversuchen am Commodore 64 über ein Chemiestudium, das ihn immer stärker in Richtung Informatik zog, bis hin zur Initiative Web for Nature. Sein roter Faden ist eine Überzeugung, die zugleich sein Lieblingszitat geworden ist: Bits sind die Atome der digitalen Welt.

Vom Brotkasten zur Chemie

Torsten Beyer, Jahrgang 1968, wuchs in Brotdorf im Saarland auf, nur wenige Kilometer vom Dreiländereck Deutschland, Frankreich, Luxemburg entfernt. Sein Vater war Postbeamter, seine Mutter hatte eine Ausbildung – akademische Vorprägung gab es in der Familie kaum. Beyer war der Erste, der ein Studium anstrebte. Schon Anfang der 1980er-Jahre kam er über den Commodore 64 mit Computern in Berührung, entschied sich im Studium aber bewusst für die Chemie, weil sie ihm greifbarer erschien und weil das Fach eng mit Umweltfragen verbunden ist.

Im Studium driftete er zunehmend zur Informatik ab und wurde zum Theoretiker, der statt mit Reagenzgläsern lieber mit leistungsfähigen Rechnern Simulationen und Berechnungen anstellte. Seine Doktorarbeit war ein rein theoretisches Thema. Das Studium zog er in 15 Semestern bis zur Promotion durch – die letzte Diplomprüfung legte er bewusst auf seinen 25. Geburtstag, damit er an diesem Tag wenigstens einen Grund zu feiern hatte.

Das größte Scheitern als Wendepunkt

Ausgerechnet der Abschluss der Promotion wurde für Beyer zur größten Lebenskrise. Statt offener Türen erlebte er zahllose erfolglose Bewerbungen. Seine Antwort darauf war unternehmerisch: 1998 gründete er die Dr. Beyer Internetberatung, 2001 folgte das Online-Labormagazin Analytic News. Beim Finanzamt stieß seine Geschäftsidee auf Unverständnis – mit dem Internet Geld verdienen hatte man dort noch nie gehört.

Analytic News erreicht heute im deutschsprachigen Raum über 34.000 Leser und ist werbefinanziert – mit Bannern, einem Stellenmarkt und einem Veranstaltungskalender. Ein Markenzeichen ist der Newsletter, der bewusst jeden Freitag erscheint. Ein Leser aus der Schweiz sagte ihm einmal, dass er sich jedes Mal freue, wenn dieser Newsletter komme, weil er dann wisse, dass das Wochenende naht.

Machen Sie die Dinge so einfach wie möglich, aber nicht einfacher.

Die Lehre aus dem Konzern

Eine prägende Zwischenstation war der Farbenhersteller Caparol in Ober-Ramstadt, wo Beyer als Leiter der digitalen Kommunikation arbeitete. Kurios verlief schon das Vorstellungsgespräch: Sein Handy klingelte – ausgerechnet an seinem Geburtstag. Er bekam den Job trotzdem, blieb aber nur neun Monate. Seine Erkenntnis: In einem großen Konzern muss man mehr gegen Kollegen als für Kunden arbeiten. Das schrieb er sogar in seine Kündigung. Für ihn stand danach fest, dass er dauerhaft selbstständig bleiben würde.

Web for Nature und der CO2-Doktor

2022 wurde Beyer Mitbegründer von Web for Nature und positionierte sich als Experte für digitale Nachhaltigkeit. Der Kerngedanke: Je weniger Daten fließen oder gespeichert werden, desto weniger Strom verbraucht das Internet. Optimierte Websites sehen oft identisch aus, benötigen aber nur einen Bruchteil der Ressourcen – und laden schneller.

Beyer ist Autor des Buchs Nachhaltige Websites (Springer Verlag), schreibt eine Kolumne bei Website Boosting und tritt als CO2-Doktor auf, teils mit Stethoskop. Mario Fischer und Marco Janck nennt er als Wegbereiter, die ihm Bühnen und Reichweite verschafft haben. Konkrete Tipps für den Alltag hat er reichlich:

  • In Videomeetings Kamera und Mikrofon abschalten, wenn sie nicht gebraucht werden – das spart einen Großteil der Energie.
  • Dark Mode nutzen, besonders auf Smartphones, was zugleich augenschonend wirkt.
  • Beim Einkauf von Software und Hosting auf grünes Hosting achten – für ihn ein echtes Kaufkriterium.
  • E-Mail-Signaturen und Bildformate optimieren, weil sich der Effekt über viele Mitarbeiter und Mails vervielfacht.

Sein anschaulichstes Beispiel bleibt die Toilettenpapierrolle ohne Papphülse: Man lässt etwas weg, das man nicht zwingend braucht – und in der Summe rettet das ganze Wälder. Zugleich warnt er vor Rebound-Effekten: Trotz effizienterer Technik verbrauchen wir immer mehr Ressourcen, weil ständig neue Geräte hinzukommen.

Ständig aus der Komfortzone

Beyer beschreibt sich als Frühmensch und Einzelgänger, der Arbeit und Privates nie getrennt hat, weil sein Hobby seine Arbeit ist. Jedes Jahr nimmt er sich vor, etwas zu tun, was er noch nie gemacht hat – so entstanden sein erster Konferenzauftritt, das Buch und der eigene Podcast. Zuletzt absolvierte er eine Keynote-Speaker-Ausbildung bei einer Rocksängerin, bewusst ohne PowerPoint als Sicherheitsnetz.

Auf die Frage nach einem Menschen, den er gerne treffen würde, nennt er Albert Einstein – wegen dessen Genialität, Humor und Bescheidenheit. Sein größter Wunsch für die Welt: dass von einem Tag auf den anderen alle Atomwaffen, am besten alle Waffen, unbrauchbar würden. Und als Chemiker träumt er von einem Verfahren, CO2 wieder in Kohlenstoff und Sauerstoff aufzuspalten – dafür, sagt er, hätte man den Nobelpreis verdient.