In der 26. Ausgabe des Podcasts "Behind the Story" erzählt Adriane Kovacevic ihre ganz persönliche Heldenreise. Die zweifache Kickbox-Europameisterin, zweifache Vizeweltmeisterin und dreizehnfache Deutsche Meisterin war 15 Jahre lang Mitglied der deutschen Nationalmannschaft. Heute ist sie Partnerin bei Vision Eleven, verantwortet Marketing und Business Development und zählt zu den Top-100-B2B-Influencerinnen. Ihre Geschichte zeigt, wie eng Spitzensport, Disziplin und beruflicher Erfolg miteinander verwoben sind – und wie wichtig es ist, den Mut zu haben, immer wieder neu anzufangen.
Eine behütete Kindheit zwischen Ballett und Weltoffenheit
Aufgewachsen ist Adriane in Stuttgart, in einem, wie sie sagt, "sehr liebevollen, behüteten Umfeld". Ihr Vater ist emeritierter Professor für Agrarökonomie, ihre Mutter Lehrerin. Als jüngstes von drei Kindern mit zwei älteren Brüdern wurde ihr früh vermittelt, dass sich die Welt nicht nur in Deutschland abspielt. Ihren ersten Geburtstag feierte sie in Kenia, ihr Bruder lebt heute in Thailand.
Mit vier Jahren begann sie mit Ballett, später besuchte sie die renommierte John-Cranko-Schule in Stuttgart und war im Tagesinternat. Schon in der Grundschule war sie Klassenbeste – und ein "totales Mädchen", wie sie sagt, mit Ballettschuhen an der Wand und dem Wunsch, Primaballerina zu werden. Prägende Erinnerungen: der Geruch von frisch gemähtem Gras im Garten ihrer Familie, wo mit der Sense gearbeitet wurde.
Der Bruch: Vom Ballett zum Kampfsport
Als Teenager kam der Wendepunkt. Der Weg zur Berufstänzerin war durch ihre Körpergröße erschwert, gleichzeitig wuchs der Wunsch nach einem "normalen Leben". Adriane beschloss, mit dem Ballett aufzuhören – ein harter Cut. Ihre Eltern unterstützten diese Entscheidung vollständig.
Ich hatte immer das Gefühl, dass ich das entschieden hab, aber meine Eltern haben so etwas einfach mitgespürt.
Über ihre beiden Brüder kam sie zum Taekwondo. Ihre Ballett-Vergangenheit erwies sich dabei als großer Vorteil: die ausgeprägte Tiefenmuskulatur und die Dehnung machten sie schnell zu einer starken Kickerin. Der Wechsel zum Kickboxen war fließend – und der Erfolg ließ nicht auf sich warten.
Erfolgshunger statt Vollkontakt
Was Adriane antrieb, war nicht der Wunsch, andere zu verletzen, sondern der reine Erfolgshunger. Ihre Disziplin brachte sie aus dem Ballett mit: tägliches, hartes Training, das nicht dem Spaß, sondern dem Ergebnis dient. Bereits 1998 wurde sie erstmals Europameisterin – im selben Jahr machte sie ihr Abitur.
Ihre Disziplin war das Point Fighting, bei dem es um Schnelligkeit und Präzision geht, nicht um den K.o. Sie musste lernen, im Wettkampf-Modus zu bleiben, auch wenn eine Gegnerin verletzt wurde. Anders als oft angenommen, blieb sie über weite Strecken ihrer Karriere weitgehend verletzungsfrei. Erst mit 26 kam ein Bandscheibenvorfall – begünstigt durch weniger Trainingszeit, als sie in den Beruf einstieg.
Zwischen zwei Welten: Fehlende Anerkennung
Eine der prägendsten Erfahrungen war die mangelnde gesellschaftliche Wertschätzung ihres Sports. In der Kickbox-Szene war sie ein Star – im Alltag blieb sie unerkannt. Lehrer verstanden ihre Montagsmüdigkeit nach Wochenendwettkämpfen nicht, während musizierende Mitschüler gefeiert wurden. Später sollte sie im Büro nach einer WM-Rückkehr am liebsten gar nicht über ihren Sport sprechen.
Adriane verarbeitete diese Erfahrungen weitgehend mit sich selbst und zog daraus früh ihre Konsequenzen: Vom Kickboxen würde sie nie leben können, also musste sie ihren beruflichen Ausstieg vorbereiten. Bewusst studierte sie Publizistik und BWL statt Sport – gegen den Rat vieler, die ihr rieten, den einfacheren Weg zu gehen.
Der Neuanfang bei Vision Eleven
Nach zehn Jahren in der Sportartikelbranche und der Geburt ihres Sohnes wagte Adriane einen radikalen Wechsel: hin zu digitalem Marketing, CRM und Customer Experience. Beim Bewerbungsgespräch wusste sie nicht einmal, was CRM bedeutet. Ihr heutiger Chef Sebastian Scheibe – selbst Sportler – glaubte jedoch an ihr Mindset und ihre Einstellung.
Zur wahren Wende wurde eine Begegnung auf LinkedIn: Der Copywriter Michael Otto formulierte ihren Slogan und machte ihr klar, dass sie Sport und Business in einer Person verkörpert. Jahrelang hatte sie geglaubt, ihr Sport habe im Business "nichts zu suchen".
Er hat mir das Gefühl gegeben: Du bist Sport und Business in einem. Und all die Jahre dachte ich, Sport hat hier nichts zu suchen.
Seitdem spricht sie über mentale Stärke, Mindset und darüber, was man aus dem Sport ins Business mitnehmen kann – Themen, die sie mit persönlicher Erfahrung füllt.
Kernaussagen der Episode
- Intensiver Sport prägt die Persönlichkeit und hilft im Berufsleben – besonders beim Umgang mit Rückschlägen.
- Aggressivität ist für Adriane etwas Negatives, das aus fehlender Impulskontrolle entsteht; Temperament kanalisiert sie heute anders.
- "Tu Gutes und rede darüber" fiel ihr lange schwer – sich gut zu verkaufen, ist selbst eine Leistung.
- Die besten Mentoren, Trainer, Coaches und Eltern sind jene, die mitfühlen.
- Junge Menschen sollten den Druck der Möglichkeiten loslassen: Ein Neuanfang ist immer möglich.
Balance zwischen Business und Familie
Heute lebt Adriane mit Mann und Sohn in Starnberg. Ihr Leben ist stark auf ihren Sohn ausgerichtet: Wenn er abends nach Hause kommt, legt sie das Handy weg. Das größte Geschenk, das sie sich selbst macht, ist Zeit – ein halber Tag Sauna, ein Moment für sich. Ihr Sohn schwimmt und spielt Basketball; Kampfsport soll später folgen, wenn die nötige Reife da ist.
Auf der Glücksskala steht sie bei einer soliden 9 – bezogen auf das, was sie selbst beeinflussen kann. Gesamtgesellschaftlich, mit Blick auf aktuelle Krisen, setzt sie die Zahl bewusst niedriger. Ihre Botschaft für eine Leuchttafel mitten in der Stadt bringt ihre Haltung auf den Punkt: "Rassismus ist keine Meinung."