Video ist längst in der Unternehmenskommunikation angekommen, doch sein Potenzial bleibt weitgehend ungenutzt – gerade im B2B-Bereich. Klaus-Martin Meyer, seit über 20 Jahren im Online- und Suchmaschinenmarketing aktiv, zeigt im Gespräch mit Podcast-Host Florian Gipser, wie Video nicht nur Sichtbarkeit erzeugt, sondern Vertrauen schafft, Prozesse skaliert und messbar zum Umsatz beiträgt. Seine Erkenntnisse stammen aus konkreten Projekten mit Unternehmen wie Hertie, Tepco, Afterbuy, Ventano Beschläge und aktuell Evergreen Energiesysteme.

Vom Fußball-Kanal zum Video-Experten

Meyers Weg zum Video begann eher ungewöhnlich. Sein damals siebenjähriger Sohn wollte einen eigenen Videokanal – unter der Bedingung, dass er dranbleibt, es allein macht und sich ein Thema sucht. Die Wahl fiel auf Fußball. Dank Meyers SEO-Hintergrund setzte der Junge auf Nachberichterstattung von Bundesligaspielen, die nach dem Abpfiff spontanes Suchvolumen erzeugten. Bereits das erste Video zu Bayern München gegen Werder Bremen erreichte 1.400 Aufrufe.

Über die Jahre entwickelte sich daraus eine bemerkenswerte Erfolgsgeschichte: Tutorials zu Themen wie Fallrückzieher oder Fußballschuhe binden, Einladungen ins Sky-Studio zu Champions-League-Spielen und sogar eine Gasteinspielung von Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing. Der Sohn finanzierte später mit den Einnahmen sein Praktikum in München.

Das Berber-Teppich-Video als Aha-Moment

Der entscheidende Impuls für Meyers berufliche Ausrichtung kam über den Gedanken, mit Video Zeit zu sparen. Beim Onlineshop Tepco beobachtete er, wie der Geschäftsführer immer wieder dieselben Beratungsgespräche über Berber-Teppiche führte. Seine Empfehlung: einmal die „Mutter aller Berber-Teppich-Videos“ aufnehmen, in dem alles erklärt wird.

Der Effekt war durchschlagend. Kunden ließen sich vor dem Anruf das Video zeigen, waren deutlich besser informiert und stellten nur noch Detailfragen – viele Anrufe entfielen ganz, da die Videos in die Produktdetailseiten eingebettet waren. Aus diesem einen Fall entstand eine ganze Videoreihe: Nepal-, Sisal-, Orient- und weitere Teppichvideos. Der Case war so erfolgreich, dass daraufhin auch bei Hertie ein eigenes YouTube-Studio gebaut wurde.

Skripte nach Suchanfragen und die Kraft der Shortvideos

Ein zentrales Prinzip in Meyers Arbeit ist die Orientierung an Suchanfragen. Bei Afterbuy schrieb er Videoskripte gezielt auf Suchphrasen wie „eBay gewerblich handeln“ – teils mit professionellen Sprechern und Cuttern. Wichtig sei dabei, bei sehr kleinem Suchvolumen nicht allein den Google-Tools zu vertrauen, sondern die Autosuggest-Funktion der Suche zu nutzen, die auch kleinere Anfragen aufdeckt.

Bei Ventano Beschläge kamen erstmals Shortvideos hinzu. Ein kurzes Einbruchsvideo zur Bewerbung von Sicherheitsbeschlägen erreichte auf TikTok rund 2,5 Millionen Aufrufe, dazu jeweils sechsstellige Zahlen auf Facebook und Instagram. Der Vorteil von Shortvideos: Jedes Video lässt sich auf unterschiedliche Begriffe optimieren – etwa „Wärmepumpe“ versus „PV-Anlage“ oder lokale Suchbegriffe wie „Elektriker Geselle Wallenhorst“.

Ganzheitliches Videomarketing verstehen

Für Meyer bedeutet ganzheitliches Videomarketing, dass ein Video mehrere Zwecke gleichzeitig erfüllt. Eingebettet auf der Website verlängert es die Aufenthaltsdauer und verbessert das SEO-Ranking, liefert zusätzlichen Traffic über YouTube und stiftet Vertrauen – besonders wenn der Geschäftsführer selbst spricht.

Der Kunde sagt dann direkt: Oh, das ist aber eine Ehre, dass der Geschäftsführer persönlich zur Beratung zu mir kommt.

Über den reinen Verkauf hinaus lässt sich Video für Recruiting einsetzen. Kurze, gebuchte Shortvideos akquirieren kosteneffizient auch Personal, das nicht aktiv sucht, und filtern zugleich wenig ernsthafte Bewerbungen heraus. Ein weiteres Beispiel aus Meyers Praxis: Bei Hertie wurde zu einem Fußball-Rebounder eine „Rebounder-Schule“ produziert und als zusätzlicher virtueller Artikel in Preisvergleiche eingespeist – mit nachweisbaren Zusatzverkäufen.

Wie Unternehmen starten sollten

Die größte Hürde für viele Unternehmen ist der Aufwand – geprägt von der Vorstellung, dass eine Videoproduktion ein ganzes Team und einen kompletten Drehtag erfordert. Meyers strategischer Rat für Einsteiger: mit Help Content beginnen, der Fragen beantwortet und intern Zeit spart.

  • Erst anfangen: Der erste Schritt zählt – zu Beginn genügt das Smartphone, die Technik ist zweitrangig.
  • Help Content produzieren: Erklärvideos sparen Mitarbeitern Zeit. Das versteht jede Geschäftsführung, das Risiko ist gering, alles Weitere kommt als Bonus obendrauf.
  • Geschäftsführung einbinden: Wenn das Gesicht des Unternehmens spricht, entsteht Vertrauen und ein stärkeres Commitment.
  • Messen nutzen: Interviews auf relevanten Fachmessen liefern schnell Content für YouTube und LinkedIn und vernetzen das Ökosystem.

Das entscheidende Argument: Selbst wenn ein Video keine direkten Umsätze bringt, spart es den Mitarbeitern Zeit – ein Nutzen, den jede Geschäftsführung nachvollziehen kann. Beim Beispiel einer Poolabdeckung mit Kuppel nahm der Produktmanager schlicht im eigenen Garten die Montage auf. Das Ergebnis: eine bessere Conversion und zusätzlicher Umsatz von über 20.000 Euro in einem halben Jahr, obendrauf die Rankings.

Warum jetzt der richtige Zeitpunkt ist

Die Grundmechanismen des Videomarketings haben sich über die Jahre nicht geändert, auch wenn Sichtbarkeit seit Corona schwieriger geworden ist. Während Video im B2C längst selbstverständlich ist, betreten viele B2B-Unternehmen und gerade der deutsche Mittelstand noch Neuland. YouTube ist als zweitgrößte Suchmaschine der Welt kaum mit B2B-Inhalten besetzt – wer sich hier in einer Marktnische etabliert, kann sich vergleichsweise leicht gegenüber Mitbewerbern behaupten.

Moderne Hilfsmittel senken die Einstiegshürde weiter: KI-gestützte Audio- und Videobearbeitung genügt für den alltäglichen Einsatz vollauf. Statt Hochglanzproduktionen, die schnell gestellt wirken, punktet Authentizität. So lässt sich Video mit überschaubarem Aufwand in nahezu jedem Unternehmen umsetzen – und entfaltet, richtig eingesetzt, eine bislang unterschätzte Wirkung.