Auf dem Shopware Community Day in Köln traf der Commerce-Famous-Podcast auf zwei Vertreter von Basecom, einem der größten deutschen Shopware-Partner mit Platinum-Status und einer wachsenden Präsenz in Nordamerika. Torben Hahn, seit fast elf Jahren im E-Commerce und seit Oktober für Sales und Partnerschaften in den USA verantwortlich, sowie Jonas Dambacher, seit sieben Jahren bei Basecom und dort für den Vertrieb sowie zuvor für die Shopware Business Unit zuständig, sprachen über die Keynote, aktuelle Markttrends und konkrete Kundenprojekte.
Die Keynote: KI und personalisierte Einkaufserlebnisse
Ein zentrales Thema der von Shopware-CEO Sebastian Hamann eröffneten Keynote war künstliche Intelligenz. Für Jonas Dambacher ist besonders die Möglichkeit spannend, dass Händler ihren gesamten Shop künftig über KI steuern können – ein Weg, den viele Anbieter derzeit einschlagen.
Für Torben Hahn war es der erste Community Day überhaupt. Besonders beeindruckte ihn die Vorstellung des Experience Studio, mit dem sich Content und Produktseiten deutlich schneller erstellen lassen. Die dahinterstehende Vision überzeugte ihn ebenso: Nicht mehr eine Zielgruppe oder ein Kundensegment steht im Fokus, sondern jeder einzelne Kunde soll eine individuell zugeschnittene Seite erhalten.
Diese Idee entspricht dem Konzept der massenhaften, dynamischen Personalisierung: Jeder Nutzer bekommt ein Erlebnis, das zu Alter, Vorlieben und Anwendungsfall passt – automatisiert und in Echtzeit erzeugt. Ein weiterer Punkt aus der Keynote war der Wandel im B2B-Geschäft: Laut Sebastian Hamann gehören über 70 Prozent der Einkäufer im B2B inzwischen zu den Millennials oder der Gen Z, die es gewohnt sind, online statt offline zu kaufen.
Datenhoheit als entscheidendes Marktthema
Auf die Frage, was Händler derzeit besonders bewegt, nannte Torben Hahn neben KI vor allem den Wunsch nach Kontrolle über die eigenen Daten und maximaler Flexibilität. Unternehmen wollen genau wissen, wo ihre Daten liegen, zu welchem Zeitpunkt und in welchen Ländern sie verarbeitet werden – auch dann, wenn viele verschiedene Systeme integriert sind.
Das Thema Datensouveränität gewinnt gerade durch den KI-Boom an Brisanz. Wer neue KI-Dienste nutzt, gibt oft Kundendaten, proprietäre Geschäftsprozesse und wertvolles Wissen an geteilte externe Services weiter, die diese Informationen für eigene Zwecke verwenden können.
Du willst sicher sein, dass deine Daten auf deinen eigenen Servern liegen und du sie selbst kontrollierst.
Torben Hahn verwies darauf, dass es zwar Open-Source-Alternativen gebe, diese aber noch nicht so weit entwickelt seien wie die großen Anbieter am Markt. Umso wichtiger sei, dass Shopware weiterhin Open Source bleibt – auch das bestätigte Sebastian Hamann in der Keynote. Entwickler können die Lösung damit weiter anpassen und erweitern.
Offenheit statt Zwang: Shopware Payments und Nexus
Im Gespräch wurde deutlich, worin sich Shopware nach Einschätzung der Gäste vom Wettbewerb abhebt. Statt Praktiken anderer Plattformen zu kopieren – etwa Umsatzbeteiligungen oder erzwungene Payment-Lösungen – setzt Shopware auf Offenheit: keine Gebühren für die Nutzung von Drittanbietern und offener Zugang zu Daten und Kunden.
Für Jonas Dambacher ist Shopware Payments ein Beispiel dafür, den Einstieg möglichst einfach zu machen, ohne Händler einzuschränken. Wer bereits einen Vertrag mit einem anderen Payment-Anbieter hat, kann diesen behalten und später wechseln. Neue Kunden können sofort starten, ihre Grenzen austesten und frei entscheiden.
Ein weiteres Highlight war Shopware Nexus, das Jonas Dambacher als Middleware beschreibt. Damit lassen sich per API verschiedene Systeme wie ERP oder Versanddienstleister mit wenigen Klicks anbinden, inklusive automatischem Mapping der Datenfelder in Echtzeit.
Was Automatisierung für Agenturen und Händler bedeutet
Für eine Agentur, die Implementierungen monetarisiert, ist ein Tool wie Nexus zunächst ambivalent: Es macht neue Shop-Projekte schneller und günstiger. Torben Hahn sieht darin dennoch eine Chance. Wenn die Integration von ERP-Systemen weniger Zeit kostet und die Developer Experience besser wird, bleibt mehr Raum, um echten Mehrwert zu schaffen.
- Weniger Zeit für Routine-Tickets, mehr Zeit für neue Ideen und Wertschöpfung
- Händler können ihr Budget stärker in Marketing oder attraktive Produktseiten investieren
- Der Wettbewerb wird härter, weil pro Projekt weniger Budget anfällt – aber genau diese Konkurrenz wird begrüßt
Shopware selbst hatte intern diskutiert, wie Agenturpartner auf Nexus reagieren würden, da die Lösung sowohl die Time-to-Launch als auch die Kosten deutlich senkt. Die Rückmeldung der Basecom-Vertreter fiel gesund und pragmatisch aus.
Kundenbeispiele: Von Blumen bis Pommes frites
Basecom zählt zu den weltweit führenden Shopware-Agenturen und arbeitet mit bemerkenswerten Kunden. Im B2C-Bereich nannte Jonas Dambacher Fleurop (in den USA als FTD bekannt), ein weltweit vernetztes Blumenversand-Unternehmen. Basecom implementierte den deutschen Shop, über den sich Blumen an nahezu jede Adresse weltweit senden lassen.
Technisch handelt es sich dabei nicht um einen einfachen Onlineshop, sondern um eine Art Marktplatz: Gibt der Kunde eine Lieferadresse ein, wird per Live-Abfrage ermittelt, welche Floristen dort verfügbar sind. Herausfordernd sind Spitzentage wie Muttertag oder Valentinstag, an denen die Infrastruktur – dank Shopware PaaS – massiv skalieren muss, weil sehr viele Bestellungen kurzfristig gleichzeitig eintreffen.
Im B2B-Bereich nannte Jonas Dambacher zahlreiche „Hidden Champions“, darunter ein Unternehmen aus dem Bereich Pommes frites, das viele manuelle Vertriebsprozesse mit Außendienstmitarbeitern durch Shopware und KI automatisiert. Ein anderer Kunde betreibt einen Shop mit über zwei Millionen Produkten, der weiterhin reibungslos läuft.
B2B verstehen: Die entscheidenden 30 Prozent
B2B-Projekte sind besonders anspruchsvoll. Jonas Dambacher hat in seiner Zeit bei Basecom rund 30 bis 40 B2B-Shops begleitet – und keiner glich dem anderen. Zwar gibt es gemeinsame Elemente wie individuelle Preise, doch vieles unterscheidet sich grundlegend.
Deshalb steht am Anfang jedes Projekts ein Workshop, um das Geschäftsmodell vollständig zu verstehen und in einer E-Commerce-Lösung abzubilden. Rund 70 Prozent der Geschäfte ähneln sich, aber die verbleibenden 30 Prozent – Preisgestaltung, Lieferung, Kundenansprache – sind das eigentliche Erfolgsrezept. Statt Händler in eine Standardlösung zu zwingen, soll die Software zu ihren Prozessen passen. Shopware biete dafür die nötige Flexibilität.
Bei der Automatisierung geht es Basecom nicht darum, Prozesse zu digitalisieren, die eigentlich abgeschafft gehören, sondern Mitarbeiter von niederwertigen, wiederkehrenden Aufgaben zu entlasten – etwa vom manuellen Eintippen von Bestellungen in Tabellen. So bleibt Zeit für Content, Kundenzufriedenheit und die Aufgaben, die wirklich zählen.