Wer die Geschichte des E-Commerce verstehen will, kommt an Menschen wie Andy Barker nicht vorbei. Seit 1997 arbeitet er in der Branche – vom ersten Kundenservice-Mitarbeiter eines Start-ups bis zum Aufbau ganzer Zahlungsverkehrsorganisationen bei einigen der prägendsten Unternehmen der digitalen Handelsgeschichte. In der neunten Folge der dritten Staffel des Commerce Famous Podcasts erzählt Barker von seinem Werdegang, den Parallelen zwischen den frühen Internetjahren und der heutigen KI-Revolution sowie davon, warum die grundlegenden Probleme im Payment über Jahrzehnte hinweg erstaunlich konstant geblieben sind.

Von der Biochemie zum Code: Der Zufall als Karrieremotor

Barkers Einstieg in die Branche war alles andere als geradlinig. Bei Digital River in Minneapolis begann er als etwa zwanzigster Mitarbeiter – zu einer Zeit, als das Internet brandneu war und man sich ernsthaft fragte, ob E-Commerce überhaupt jemals abheben würde. Als studierter Biochemiker übernahm er zunächst den Telefonsupport und beantwortete abends von zu Hause aus E-Mails, die er auf einer 20-Gigabyte-Festplatte mit sich herumtrug.

Weil die Probleme sich wiederholten, begann er, Code zu schreiben, um sich die Arbeit zu erleichtern. Sechs Monate später wurde er als Entwickler eingestellt.

Was ich im Grunde begriffen habe: Sie haben einen Ingenieur zum halben Preis bekommen.

Von dort ging es steil bergauf: Barker trug bei dem Start-up viele Hüte, lebte mehrfach in Deutschland, um dortige Systeme zu integrieren, und übernahm schließlich um 2005 die Verantwortung für den gesamten Zahlungsverkehr. Es war der Moment, in dem er sich den Namen "the payments guy" verdiente – aus der Payment-Sparte entstand später Digital River World Payments, unter anderem nach der Übernahme von Netgiro.

Warum die KI-Ära der Internet-Frühzeit gleicht

Für Barker ist die heutige Umbruchsituation durch Werkzeuge wie ChatGPT, Cursor und Claude Code direkt vergleichbar mit den Anfängen des E-Commerce. Damals wie heute gebe es keine klassische Ausbildung für die neuen Rollen – gefragt seien vielmehr Neugier, Leidenschaft für das Lösen von Problemen und ein grundlegendes Verständnis von Logik.

Sorgen um den eigenen Arbeitsplatz teilt er nicht. Im Gegenteil: KI mache Produktmenschen effizienter, weil sich Proof-of-Concepts in Sekundenschnelle erstellen ließen, wofür früher Tage, Wochen und Kapazitätsverhandlungen nötig waren.

  • Wichtig sind Menschen, die denken und Probleme lösen können.
  • Reine Kernentwickler sollten über Frameworks und Technologie hinausdenken.
  • Die grundlegenden Payment-Probleme bleiben über Jahrzehnte gleich – sie werden nur komplexer.

Zwei Geschäftsmodelle: Bündeln versus Entbündeln

Barkers Karriere illustriert zwei gegensätzliche Ansätze. Digital River und später GSI Commerce – nach der Übernahme durch eBay zu eBay Enterprise umbenannt – verfolgten die Strategie der Verticalisierung: möglichst viele Dienste wie Payment, Betrugsprävention, Steuer-Compliance, Commerce-Plattform und Marketing anbieten und alle monetarisieren.

GSI, gegründet von Michael Rubin (dem heutigen Fanatics-Chef und Miteigentümer der Philadelphia 76ers), kam dabei ursprünglich aus dem Fulfillment, während Digital River von der Katalog- und Softwareauslieferung her dachte. Beide bauten Systeme einmal und boten sie vielen Händlern an.

Magento stand für das genaue Gegenteil. Mitgründer Roy Rubin demokratisierte den E-Commerce, indem er ein offenes Ökosystem schuf, in dem Agenturen und Systemintegratoren ein Geschäftsvolumen im dreistelligen Millionenbereich generierten.

Es gibt alternative Geschäftsmodelle jenseits reiner Verticalisierung – man kann die Community dabei unterstützen, ihre Familien zu ernähren, und baut dadurch ein größeres, besseres Produkt.

Diese Community-Stärke – maßgeblich geprägt von Ben Marks – bildet bis heute einen breiten Burggraben. In vielen Städten weltweit treffen sich noch immer Meet-Magento-Gruppen.

Payment als Wachstumsmotor: Die Shopify-Stripe-Blaupause

Ein zentrales Thema des Gesprächs war die Erkenntnis, dass Shopify im Kern ein Zahlungsunternehmen mit einem E-Commerce-Produkt ist. Genau diese Logik – Stripe als Standard-Engine hinter Shopify – übertrug Barker auf Magento. Trotz der Trennung von eBay und PayPal nutzte er bestehende Verbindungen, um eine vergleichbare Partnerschaft aufzubauen. Die Herausforderung: Bei einem Open-Source-Produkt kann jeder unter der Haube schrauben, während Shopify ein geschlossenes Ökosystem betreibt.

Aus dieser Arbeit entstand die PayPal Commerce Platform (PPCP), die bis heute als Zahlungsprodukt von Adobe Commerce existiert und für Adobe sehr erfolgreich ist. Barker plädiert dabei klar für Revenue-Share-Modelle in genau zwei Bereichen: bei Payment, wo Kosten ohnehin nur pro Transaktion entstehen, und beim Hosting, wo die Infrastrukturlast an Traffic und Bestellungen gekoppelt ist. Eine umsatzbasierte Beteiligung an der reinen E-Commerce-Plattform lehnt er hingegen ab.

Marketplaces, Payouts und die Rückkehr zu Pagos

Bei Mirakl, einer SaaS-Plattform für Marktplätze, lernte Barker eine neue Seite kennen: nicht das Einziehen von Zahlungen, sondern die Auszahlungsseite an Drittanbieter – mit den strengen Compliance-Anforderungen in Europa und strategischen Grundsatzfragen wie der, ob man selbst zur Bank werden solle.

Zuletzt wechselte er zu Pagos, gegründet von seinen langjährigen Weggefährten Klaes und Albert. Das voll remote arbeitende Start-up mit weniger als 50 Mitarbeitenden ist kein Prozessor und nicht im Geldfluss, sondern konsolidiert, normalisiert und analysiert Zahlungsdaten – gestützt durch KI, die Möglichkeiten zur Steigerung der Akzeptanzraten und zur Kostensenkung identifiziert.

Zu den Kunden zählen Adobe, Eventbrite, GoFundMe, Groupon, Mint Mobile und LastPass. Der kommerzielle Fokus liegt auf Unternehmen mit einem Transaktionsvolumen ab rund 100 Millionen; über einen Self-Service-Ansatz profitieren aber bereits Firmen im Bereich von 50 Millionen aufwärts – ohne Programmieraufwand, allein durch das Einbinden eines Read-only-API-Keys.

Ob Sie ein Payment-Team von 100 Personen sind oder einfach Joan aus der Buchhaltung, die der CFO für Payment verantwortlich gemacht hat – Sie können ein hochperformantes Zahlungssystem betreiben.

Am Ende betont Barker den Wert eines Netzwerks außergewöhnlich kluger Köpfe – und liefert selbst das beste Beispiel für dessen Kraft: Eine zufällige Begegnung am Flughafen von Minneapolis und eine Vorstellung an Ben Marks führten letztlich dazu, dass Podcast-Host Jason heute bei Shopware ist.