In der achten Folge der dritten Staffel des Commerce Famous Podcast spricht Gastgeber Jason mit Jeremy Gryder – einem Berater, der in der E-Commerce-Branche längst zu den wiedererkennbaren Gesichtern gehört. Sein Weg dorthin ist alles andere als geradlinig: vom Theologiestudium über eine Karriere bei BigCommerce bis hin zur eigenen Marke „E-Commerce Redneck“. Im Gespräch geht es um Kultur in Tech-Unternehmen, um persönliche Rückschläge und vor allem um die zentrale Botschaft der Folge: die Kraft der menschlichen Verbindung.
Von der Kanzel in den Vertrieb
Gryder studierte Theologie und wollte ursprünglich als Jugendpastor arbeiten. Direkt nach dem Studium landete er jedoch im Vertrieb – und stellte fest, wie stark sich beide Welten überschneiden. Ob man als Geistlicher eine Idee vermittelt oder als Verkäufer ein Produkt: Es geht immer darum, Menschen für etwas zu gewinnen.
Der Vertrieb brachte ihn dazu, sich Grafikdesign selbst beizubringen. Über eine Agentur, die sich zunehmend mit E-Commerce beschäftigte, gelangte er vor rund 17 Jahren zu seinem ersten Shopsystem – VirtueMart auf Joomla, das er selbst rückblickend als „richtig schlecht“ bezeichnet. Von dort führte sein Weg zu BigCommerce, wo er zu den ersten Mitarbeitern gehörte.
Man verkauft eine Idee, wenn man Pastor ist – und im Business verkauft man wieder eine Idee, ein Konzept oder ein Produkt.
Die frühen Jahre bei BigCommerce
Gryder war einer der ersten rund 70 Mitarbeiter weltweit und beschreibt die Anfangszeit als chaotisch, aber vereint durch eine gemeinsame Mission: Shopify herausfordern. Trotz elektrischer Mini-Bikes in den Fluren, Schaukeln und Videospielen sei intensiv gearbeitet worden. Diese Zeit prägte sein Bild davon, wie es aussehen kann, wenn in der Tech-Welt eine gute Kultur herrscht.
In siebeneinhalb Jahren hatte er neun verschiedene Rollen, die letzten vier Jahre widmete er dem Thema Wachstum. Als Teil einer zwölfköpfigen Gruppe – intern „Shoguns“ genannt und direkt von CEO und CRO gecoacht – half er, BigCommerce ins Mid-Market- und Enterprise-Segment zu bringen. Sechs Monate lang rief er die wichtigsten Bestandskunden an und erklärte ihnen deutliche Preiserhöhungen. Trotz mancher heftiger Reaktionen behielt das Team laut Gryder 88 Prozent dieser Unternehmen. Später betreute er unter anderem die ersten 100 Klaviyo-Kunden auf BigCommerce und arbeitete mit Marken wie P&G, Natori und Ben & Jerry's.
Ein Jahr lang wechselte er nach einer Scheidung in den Support – als sogenannter „E-Commerce Ninja“. Die Kultur habe sich wie eine Familie angefühlt. Amüsant erinnert er sich an Samurai-Schwerter als Auszeichnungen, bei denen er selbst vor möglichen Verletzungen warnte.
Kein Scheitern, sondern eine bemerkenswerte Geschichte
Sowohl Gryder als auch der Gastgeber betonen, dass BigCommerce trotz schwieriger Zeiten an der Börse keineswegs ein Misserfolg sei. Jason ordnet das Unternehmen als eines der wenigen ein, das einen bedeutenden Umsatzstrom rein aus E-Commerce – losgelöst von Zahlungsdiensten wie bei Shopify – aufgebaut hat.
Gryder verteidigt ausdrücklich den ehemaligen Verantwortlichen Brent Bellm und verweist darauf, dass nur wenige Menschen das Unternehmen bis zum Börsengang und durch die Pandemie hätten führen können. Sein Grundsatz: Erfolg entsteht durch das Lernen aus Rückschlägen. In einer Männergruppe namens „metal.men“ habe er festgestellt, dass alle erfolgreichen Mitglieder eines gemeinsam haben – sie sind gescheitert und daraus gewachsen. Dass Shopify gerne ehemalige BigCommerce-Mitarbeiter einstelle, sei ein Beleg für die Qualität der Menschen, die dort ausgebildet wurden.
Der „E-Commerce Redneck“ als Antwort auf dunkle Zeiten
Hinter der markanten Marke steht eine sehr persönliche Geschichte. Nach seinem Weggang von BigCommerce erlitt Gryder zwei Autounfälle, verletzte sich schwer an der Halswirbelsäule und rutschte in eine tiefe Depression – verschärft durch den Tod seiner Ex-Frau. Der „E-Commerce Redneck“ wurde für ihn zum Weg, sich trotz allem wieder nach außen zu wagen.
Mit einem humorvollen Logo und entsprechenden Shirts tauchte er auf Branchenevents auf, brachte Menschen zum Lachen und kam so leichter ins Gespräch. Gryder beschreibt sich als eigentlich schüchtern – die Persona half ihm, Kontakte zu knüpfen, ohne den ersten Schritt machen zu müssen. Prägend war für ihn auch das Vorbild von Robert Alvarez, langjährigem CFO von BigCommerce, der lehrte, zugleich demütig und ambitioniert zu sein.
Ein besonderes Detail: Das Intro seines Podcasts stammt vom unveröffentlichten Song „Country Boy“ seines besten Freundes Bo Hodges, aufgenommen mit namhaften Musikern. Gryder ist die einzige Person, die diesen Titel nutzen darf.
Komplexes verständlich machen
Ein Schwerpunkt des Gesprächs ist Gryders Fähigkeit, E-Commerce, KI und andere komplexe Themen für Menschen zu übersetzen, die zwar ihr eigenes Fach – etwa Herstellung oder Distribution – perfekt beherrschen, aber nicht täglich mit Onlinehandel zu tun haben.
Sein Ansatz: Niemanden für weniger kompetent halten, nur weil er ein anderes Fachgebiet hat. Wer aus einer anderen Expertise komme, verdiene Zuhören, echtes Verständnis und Rückfragen. Erst wenn man Sachverhalte in verständliche Bilder – gewissermaßen in „Gleichnisse des E-Commerce“ – übersetze, entstehe echte Verbindung.
- Vertrieb und Seelsorge teilen dasselbe Prinzip: Menschen für eine Idee gewinnen.
- Unternehmenskultur entscheidet maßgeblich über Erfolg und Stimmung im Team.
- Rückschläge sind kein Endpunkt, sondern Grundlage für Wachstum.
- Kein Shopsystem passt für alle – Beratung sollte plattformagnostisch zum Bedarf führen.
- Community und persönliche Verbindung sind zentrale Wachstumstreiber.
Community, Partnerschaften und Beratung
Gryder plant mit Partnern neue Formate, darunter einen Twitch-Kanal und „E-Commerce-Partys“ rund um große Branchenevents, um Händler von innen und außen der Branche zusammenzubringen. Der Gedanke dahinter deckt sich mit der Idee hinter Shopwares eigenem Community-Format Shoptoberfest.
Wer mit ihm in Kontakt treten möchte, erreicht ihn über LinkedIn oder theecommerceredneck.com. Sein Angebot reicht von Wachstumsberatung über Tech-Stack und Marketing bis hin zu einem breiten Netzwerk. Als Referenz nennt er unter anderem kettlebellkings.com, das er sieben Jahre begleitete und dessen Conversion Rate er nach eigener Aussage rasch verdoppelte.
Am Ende steht die Kernbotschaft der Folge: Authentizität und echte menschliche Verbindung sind in einer zunehmend technischen Branche der entscheidende Erfolgsfaktor.