Ein Wechsel an der Spitze: Nach 32 Folgen als Gastgeber von Commerce Famous gibt Ben Marks das Mikrofon an Jason Nyhus, US General Manager von Shopware, ab. In dieser besonderen Episode wird der Spieß umgedreht – diesmal ist Marks der Gast und erzählt von seinem Abschied bei Shopware, seiner neuen unternehmerischen Reise und den prägenden Stationen einer Karriere, die untrennbar mit dem Aufstieg von Magento verbunden ist.

Ein neues Kapitel: Commvisory und die Welt der Payments

Marks startet mit seinem eigenen Unternehmen namens Commvisory. Zum Auftakt liegt der Fokus auf Enablement – dem, was Marks seit jeher ausgezeichnet hat: Menschen dabei zu helfen, Ökosysteme zu verstehen, sowohl community-getriebene als auch partnerschaftliche.

Der langfristige Kern seines Vorhabens liegt jedoch im Bereich Payments. Marks beschreibt, wie viele Händler deutlich zu viel für ihre Transaktionen zahlen. Die Ursachen verortet er in zwei Bereichen: Erstens auf Händlerseite, wo oft nicht die richtigen Daten übermittelt oder die Netzwerkeinstellungen falsch konfiguriert sind, sodass Transaktionen nicht für die niedrigsten Raten qualifizieren. Zweitens auf Seiten des Zusammenspiels von Gateway und Processor, das für die jeweilige Branche unpassend oder schlicht nicht kosteneffektiv sein kann.

Es ist nicht wirklich Aufgabe der Händler, das zu wissen, weil die Regeln unglaublich komplex sind – und sich etwa alle sechs Monate ändern.

Als Beispiel nennt Marks das Visa-Regelwerk, das über 300 Seiten umfasst und dessen Raten sich in kleinen Schritten laufend verschieben. Sein Ziel ist es, Händler nicht nur bei der Kostensenkung zu unterstützen, sondern sie in die Lage zu versetzen zu verstehen, was tatsächlich passiert, wenn eine Transaktion durch das Zahlungsnetzwerk läuft.

Agenturen als neue Nutznießer der Payment-Optimierung

Ein Schwerpunkt von Commvisory ist die Zusammenarbeit mit Agenturen. Marks argumentiert, dass Agenturen zunehmend beratend arbeiten und dass Payments einer der letzten großen Bereiche im E-Commerce sei, in dem Dienstleister einen echten Mehrwert liefern könnten – gerade weil die durchschnittlichen Projektkosten sinken.

Nyhus ergänzt, dass die meisten Agenturen Payments bislang vor allem operativ betrachten: Konnektivität, Betrugsprozesse, Reporting. Marks' Ansatz gehe darüber hinaus, indem er die Kostenseite optimiere und dabei zugleich Betrug reduziere – denn bessere Daten führen zu besserer Entscheidungslogik der Zahlungsanbieter und damit zu günstigeren Raten.

  • Optimierung der Interchange-Qualifizierung durch korrekte Datenübermittlung
  • Passendere Auswahl von Gateway und Processor je Branche
  • Reduzierung von False Positives, Chargebacks und Betrugskosten
  • Sicherstellung erstatteter Interchange-Gebühren bei Rückerstattungen

Warum jetzt der richtige Zeitpunkt für den Abschied ist

Auf die naheliegende Frage, warum er Shopware ausgerechnet in einer starken Phase verlasse, antwortet Marks offen. Shopware übertreffe die Quartalsziele in Nordamerika und Europa, sei die modernste offene Commerce-Plattform und setze KI sinnvoll ein. Für ihn sei es dennoch schlicht an der Zeit gewesen, sich neu herauszufordern.

Nach rund sieben einhalb Jahren bei eBay, Magento und Adobe sowie gut vier Jahren bei Shopware sei der Schritt in die Selbstständigkeit zugleich der beängstigendste seiner Laufbahn. Er habe von zahlreichen Gründern und Unternehmern gelernt und verfüge über ein starkes Netzwerk. Der Einstieg in den Payment-Bereich erlaube es ihm, eine breitere Gruppe von Unternehmen anzusprechen – und das von einer Seite der Branche, in der er bislang nie direkt gearbeitet habe.

Marks würdigt zudem die Transformation von Shopware zu einem internationaleren, disziplinierteren Unternehmen und hebt den Shopware Hub hervor, den Mark Stanley und sein Team über mehr als ein Jahr aufgebaut hätten. Das organische Feedback im Ökosystem sei durchweg positiv. Nyhus verweist auf die kulturellen Unterschiede zwischen amerikanischem und deutschem Zeithorizont – und sieht in der Kombination aus deutscher Gründlichkeit und amerikanischem Tatendrang eine gute Balance.

Vom geplatzten Gehaltsscheck zum Gesicht von Magento

Der Ursprung von Marks' Karriere ist eine Kette glücklicher Zufälle. 2008 arbeitete er in Charleston für eine lokale Webfirma, deren Inhaber einen Gehaltsscheck platzen ließ. Am selben Tag entdeckte Marks auf Craigslist eine Anzeige: Kevin Eichelberger zog von Atlanta nach Charleston, um eine Agentur zu gründen, und suchte den ersten Mitarbeiter mit PHP- und Zend-Framework-Kenntnissen sowie Interesse an einer Software namens Magento. Aus dieser Agentur wurde Blue Acorn.

Auf Ermutigung Eichelbergers wurde Marks auf Stack Overflow und in den Magento-Diskussionen auf Twitter aktiv. Je mehr er teilnahm, desto mehr lernte er – und desto sichtbarer wurde er. Ende 2010 baute Magento ein Bildungsprogramm auf. Marks fragte kurzerhand, ob er unterrichten dürfe, und wurde von Blue Acorn für zwei Wochen pro Monat an Magento „ausgeliehen“. Er lehrte weltweit in den USA, Europa, Großbritannien und Australien.

Wenn du wirklich etwas lernen willst, dann unterrichte es.

Da es keine Dokumentation gab, filmte Magento 2011 die Kurse für YouTube. Bis heute existieren rund 45 Stunden Videomaterial von Marks. Das machte ihn bekannt – so sehr, dass er auf Messen in Indien umringt und sogar auf europäischen Straßen als „Ben Marks von Magento“ erkannt wurde. Genau diese Art von Bekanntheit, die außerhalb des E-Commerce niemanden interessiert, war der Anlass für den Podcast selbst.

Das Magento-Wunder und Roy Rubins Vision

Auf die Frage, warum sich der Magento-Moment nicht replizieren lasse, verweist Marks auf das Timing und ein „Lightning in a Bottle“-Phänomen. Vorläufer war OS Commerce, um das herum ein organisches Extension-Ökosystem entstand. Roy Rubin und Yoav erkannten die Grenzen dieser unreifen Plattform und wetteten darauf, eine vollwertige, anpassbare Open-Source-Commerce-Anwendung zu bauen.

Bei einer Wanderung nahe Los Angeles fragte Marks Rubin, ob er den Erfolg vorhergesehen habe. Rubins Antwort war ein klares Ja: Er habe das damalige Machtgefüge nicht gemocht, in dem professionelle Lösungen wie WebSphere von IBM mit Enterprise-Preisen und -Timelines einhergingen. Sein Kalkül: Wer das System öffnet und andere ihre Kreativität, ihr Wissen über Regionen, Branchen und Händler einbringen lässt, verändert die Erwartungen an den E-Commerce grundlegend.

Empfehlungen und eine Geschichte über Verbindungen

Als neue Tradition bittet Nyhus seinen Gast um Empfehlungen für künftige Folgen. Marks nennt Kevin Eichelberger, den Gründer von Blue Acorn, der die Agentur später über Private Equity ausbaute, bis sie zum Übernahmeziel für Infosys wurde. Als zweiten Namen nennt er Matt von Gene Commerce, dessen Team unter anderem BlueFoot CMS und mit Bluefinch Werkzeuge für die automatisierte Installation und Aktualisierung von Magento-Instanzen entwickelt hat.

Zum Abschluss erzählt Nyhus, wie beide sich kennenlernten. Bei Digital River vollzog er den Wandel vom Commerce-Anbieter zum Merchant of Record. Viele Türen bei Adobe blieben zunächst verschlossen – bis ein gemeinsamer Bekannter ihn an Ben Marks verwies, der offen war, Verbindungen herstellte und Deals ermöglichte. Diese Begegnung, unter anderem eine mehrstündige Taxifahrt von Deutschland nach Amsterdam, war letztlich der Grund, warum Shopware überhaupt auf Nyhus' Radar geriet.