Am Rande der ShopTalk EU in Barcelona trifft Ben Marks im Commerce-Famous-Podcast auf Jim Herbert – einen Mann, dessen Karriere sich fast lückenlos mit der Entstehungsgeschichte des E-Commerce deckt. Herbert war SVP von BigCommerce EMEA, ist heute CEO von Patchworks, Investor bei Cortical und Mitglied im Advisory Board der MACH Alliance. Im Gespräch blickt er auf seinen Werdegang zurück, erklärt das Geschäftsmodell hinter Patchworks und wagt einen Ausblick auf die kommenden Jahre der Branche.

Vom ZX Spectrum zur Agenturführung

Herbert programmiert nach eigenen Angaben seit seinem achten Lebensjahr. Sein Vater brachte ihm einen Sinclair ZX Spectrum mit nach Hause – begleitet von einer Kassette, die erklärte, wie CPU und ALU funktionieren. Es folgten ein Informatikstudium und der Einstieg in den E-Commerce Ende der neunziger Jahre, zunächst mit Entwicklungsarbeit auf ATG.

Später gründete Herbert mit Freunden die Agentur Syneric, die gegen Portal Tech antrat – ein Unternehmen von Mark Adams. Beide Firmen wurden übernommen: Portal Tech ging an Reply, Syneric an LBI. In sieben Jahren wuchs Herberts Geschäft auf einen Umsatz von 30 Millionen im Jahr. Zu den Kunden zählten unter anderem Superdrug, Gucci und Lenovo. Über die Plattformen, die sein Team baute, wurden nach eigenen Angaben mehr als zwei Milliarden umgesetzt.

Der Einstieg bei BigCommerce – mitten in der Pandemie

Nach dem Verkauf seines Unternehmens legte Herbert eine fünfjährige Pause ein – in der er den Aufstieg von Magento verpasste. 2020 kam über seinen alten Weggefährten Mark Adams die Chance bei BigCommerce: Er sollte für die Expansion in EMEA verantwortlich zeichnen. Der Start fiel mitten in die Corona-Pandemie.

Herbert beschreibt die Situation als von hoher Verantwortung geprägt: ein junges, aber erfolgreiches Team, das teils in Londoner Wohnungen eingeschlossen war, monatliche Video-Calls mit Kollegen im streng abgeriegelten Australien und die typischen Herausforderungen amerikanischer Software auf dem europäischen Markt – Mehrsprachigkeit, unterschiedliche Checkout-Gewohnheiten, lokale Zahlungsmethoden. Auf die Frage nach seinem Gefühl in dieser Phase antwortet er offen: "Ich hatte ziemlich Angst."

Warum Patchworks – und was das Unternehmen leistet

Patchworks existiert seit 2014 und entstand aus der Magento- und Shopify-Agentur Juno Media – benannt nach dem Strandabschnitt Juno Beach, an dem der Großvater des Gründers Dave Wilcher am D-Day kämpfte. Wie viele Integrationslösungen wurde Patchworks aus der Not heraus geboren: Die Agentur wurde immer wieder um Integrationen gebeten und entwickelte eigene Software dafür.

Herbert kam während seiner BigCommerce-Zeit mit Patchworks in Kontakt, da bei Markteintritten in neuen Ländern stets lokale ERP-, OMS- oder WMS-Systeme angebunden werden mussten. Als der Investor auf ihn zukam, überzeugte ihn das Feld: "Integration ist definitiv ein interessanter Ort, an dem man sein kann."

Vom Dienstleister zum Produkt: die neue Plattform

Zentral für Herberts Vision ist der Wandel vom Integrationsdienstleister zum partnerorientierten Produktanbieter. Das alte Toolset unterstützte kein echtes Partnerprogramm; der Aufbau eines neuen Connectors dauerte rund einen Monat. Das überwiegend aus Ex-Boomi-Mitarbeitern bestehende Technikteam in Belfast hatte jedoch bereits eine No-Code-/Low-Code-Alpha entwickelt.

Herbert setzt auf Wiederverwendbarkeit. Zentrale Bausteine sind der Connector Builder, mit dem sich APIs – etwa über Postman-Collections – einlesen und produktiv nutzbare Connectoren erstellen lassen, sowie ein App-Ökosystem. Agenturpartner können Integrationstemplates als "Private Apps" installieren oder im App Store veröffentlichen, wofür Patchworks eine Provision zahlt und das Hosting übernimmt.

  • Ein Shopline-Händler namens MirrorMason band binnen einer Woche selbst ein LineWheel-WMS an – über einen selbst gebauten Connector.
  • Eine Shopify-Integration zum John-Lewis-Marktplatz wurde an einem Montag angefragt, mittags unterschrieben und am selben Abend live geschaltet.
  • CTO Connor integrierte auf der Bühne live fünf Systeme in fünfzehn Minuten – Shopify, Peoplevox, NetSuite und ein per Postman-Import gebauter Gorgias-Connector inklusive Ticketerstellung.

Herbert betont die Kuratierung des App Stores: Mehrfache Integrationen zum selben Zielsystem sind möglich, sofern die Unterschiede klar begründet sind – etwa spezielle Anwendungsfälle wie Zolllager für Wein. Für die Wartung der Apps sind die Vendoren verantwortlich, Patchworks pflegt die Plattform und selbst gebaute Connectoren. Änderungen werden versioniert und nie automatisch als potenziell brechendes Update ausgerollt.

SaaS, Nicht-SaaS und die Grenzen der Standardisierung

Herbert plädiert für Wahlfreiheit. Trotz seiner Rolle als CEO eines SaaS-Anbieters betont er, dass es weiterhin gute Gründe für Nicht-SaaS-Software gebe – etwa bei bestimmter Funktionalität, Größe oder dem Bedarf an Kontrolle über den Code. Bei extrem hohen Transaktionsvolumina könne eine generalistische Integrationsplattform zu teuer werden; für den generalistischen E-Commerce hält er den Ansatz jedoch für den effizienteren Weg.

Ihr wisst, was wir den Leuten geben? Optionalität und Auswahl.

Ausblick: Social Selling, Suiten und die Rolle der KI

Für die kommenden fünf bis zehn Jahre nennt Herbert das Social Selling – über TikTok, Instagram und Facebook – als spannenden Trend. Junge Gründer könnten mit dem richtigen Influencer und Produkt schnell Millionenumsätze erzielen, ohne die geschäftlichen und steuerlichen Folgen zu überblicken. Damit stellt sich für ihn die grundsätzliche Frage: Braucht man überhaupt noch eine Plattform, wenn die soziale Plattform Bestellungen und Retouren selbst abwickelt?

Zugleich wächst laut Herbert das Problem einer "Suite aus Suiten": Ehemals spezialisierte Anbieter wie E-Mail-Marketing-Systeme entwickeln sich zu vollwertigen Suiten, die alle System of Record sein wollen. Hier sieht er den Wert einer Orchestrierungslösung wie Patchworks – kombiniert mit KI. Skripterstellung, das Mapping von JSON-Paketen zweier APIs und weitere Aufgaben ließen sich generativ vereinfachen. Der schwierige Teil bleibe das sichere, ISO-27001-konforme Deployment im geschützten Raum. Langfristig könne KI zudem Datenflüsse optimieren – ein Win-win, das auch die eigenen Hosting-Kosten senke.

Herbert schließt mit einem Bekenntnis zu Transparenz: Offenheit über die eigenen Geschäftsinteressen und die Frage, ob man gemeinsam gewinnen könne, seien für ihn der richtige Weg. Ben Marks kündigt an, das Gespräch in einem Jahr fortzusetzen, um zu prüfen, welche der Prognosen sich bewahrheitet haben.