In der 26. Folge des Commerce Famous Podcast spricht Gastgeber Ben Marks mit Paul Rogers, Mitgründer der Londoner Ecommerce-Beratung und Performance-Marketing-Agentur Vervaunt. Rogers blickt auf eine Karriere zurück, die 2008 begann und ihn über ungewöhnliche Stationen bis zur eigenen Agentur führte. Im Gespräch geht es um die Anfänge im Online-Handel, den Wandel bei Replatforming-Projekten, die Rolle von Daten sowie um die eigene Produktentwicklung im hauseigenen Vervaunt Labs.

Ungewöhnliche Anfänge im Ecommerce

Rogers' Einstieg in die Branche war alles andere als geradlinig. Seine erste Station war ausgerechnet der "Potato Council", eine Organisation zur Förderung des Konsums britischer Kartoffeln, deren Website die Agentur GPMD gebaut hatte. Über deren Gründer Mark Slocum erhielt Rogers immer wieder Schulungen und Ratschläge, bevor er zu einem kleinen Händler namens Garden Games in Oxford wechselte.

Dort lernte er den Handel in seiner rohesten Form kennen. Das Prinzip beschreibt er offen: Man kaufte einen Container mit Nischenprodukten aus China – Spielhäuser, Sandkästen, Outdoor-Spielzeug –, sicherte sich eine Domain, betrieb aggressives SEO samt Kommentar-Spam, verkaufte drei Monate lang und wechselte dann zum nächsten Container. Diese "Shotgun-Ecommerce"-Phase, wie Marks sie nennt, brachte Rogers erstmals in den Bereich SEO und Ecommerce-Analytics. Von dort wechselte er zu GPMD, wo er zunächst in einer Juniorrolle einstieg und sich innerhalb von etwa 18 Monaten zum Head of Digital hocharbeitete.

Prägende Stationen und Mentoren

Rogers betont mehrfach die Bedeutung von Mentorschaft und Community in der Branche. Besonders geprägt hat ihn die Zeit rund um Envica und Session Digital, die er mit einem Spitzenclub des Fußballs vergleicht – eine Ansammlung außergewöhnlicher Talente. Namentlich hebt er Alastair Stead hervor, den er sowohl technisch als auch geschäftlich als herausragend beschreibt.

Eine Schlüsselerfahrung war ein langes Gespräch mit Stead nach einem Vortrag auf der Imagine-Konferenz. Rogers wollte damals ein Start-up namens Audited aufbauen, einen Marktplatz für Nischen-Audits. Stead gab ihm dabei umfangreiche Ratschläge zum Umgang mit geistigem Eigentum und zur Vermeidung von Risiken durch Freelancer.

Eine weitere prägende Station war Klevu, wo Rogers als Berater einstieg, als das Unternehmen erst rund sechs Mitarbeiter zählte. Dort lernte er das Geschäft mit NLP und Machine Learning kennen, lange bevor diese Themen zum Kern vieler SaaS-Unternehmen wurden – und half beim Aufbau eines Partnerkanals.

Der Wandel bei Replatforming-Projekten

Vor der Gründung von Vervaunt hatte sich Rogers stark auf Replatforming spezialisiert. Zusammen mit einem Kollegen namens James zählte er nach eigener Aussage jahrelang zu den wenigen dedizierten Replatforming-Beratern in Großbritannien. Auf die Frage, ob derzeit überhaupt noch replatformt werde, antwortet er differenziert:

Menschen replatformen definitiv gerade jetzt, aber die Projekte haben sich dramatisch verändert.

Konkret sieht Rogers folgende Verschiebungen:

  • Bei den unteren rund 60 Prozent der Projekte ist der Umfang kleiner geworden, und sie werden zunehmend intern oder mit einer Agentur abgewickelt.
  • Große Change-Projekte existieren weiterhin, sind aber seltener geworden.
  • Viele Unternehmen planen Replatforming, kämpfen aber mit der Budgetfreigabe und verschieben Zeitpläne.
  • Shopify ist im Segment der Premium-Fashion-Marken dominant geworden und vereinfacht viele Projekte.

Auffällig sei zudem, dass selbst die Rolle der Agentur kleiner geworden sei – ein Systemintegrator sei zwar oft noch dabei, seine Verantwortung aber stärker begrenzt.

Vom Zentrum zum Baustein: die neue Rolle der Plattform

Ben Marks bringt die These ein, dass die Ecommerce-Plattform früher das Zentrum des Universums war, während umliegende Systeme untergeordnet blieben. Heute sei die Plattform nur noch einer von vielen gleichwertigen Bausteinen neben ERP, PIM oder Customer-Engagement-Systemen. Rogers stimmt zu und schildert, wie sich die Projektstruktur ausdifferenziert hat: Statt eines Systemintegrators, der den gesamten Umfang verantwortet, arbeiten heute oft ein SI für das Frontend, eine separate Kreativ- oder Design-Agentur, ein Drittanbieter für Integration sowie weitere Partner für Analytics und Daten zusammen.

Gleichzeitig beobachtet Rogers eine Zweiteilung des Marktes: Auf der einen Seite immer komplexere Projekte, auf der anderen Seite Shopify, das mit seiner Roadmap wieder mehr Funktionen in den Kern der Plattform verlagert und damit ein Stück weit an die früheren Magento-Zeiten erinnert, in denen sich vieles innerhalb eines Ökosystems abspielte.

Vervaunt Labs: Produkte als Herzstück

Ein besonderer Fokus des Gesprächs liegt auf der Produktentwicklung bei Vervaunt Labs. Rogers erklärt, dass er sich dabei von Vorbildern wie Session und Distilled inspirieren ließ. Das Labs verfolgt zwei Ziele: Mehrwert für Kunden schaffen und das Team engagieren. Inzwischen umfasst das Portfolio rund acht Produkte, davon drei größere, betreut von einem Head of Product und einigen Entwicklern.

Zu den Produkten zählen:

  • Census: eine App für Post-Purchase-Umfragen, derzeit für Shopify, mit rund 300 Marken. Sie stellt variablenbasierte Fragen – etwa nach dem ersten Markenkontakt, nach Versanddienstleistern in bestimmten Märkten oder nach der Altersgruppe – und übergibt die Daten an die CDP.
  • Ein Tool zur automatischen Erstellung dynamischer Produktanzeigen, entstanden aus der Zusammenarbeit mit der Marke Pangaia. Es erzeugt aus dem Katalog kuratierte Anzeigen mit mehreren Attributen und unterstützt inzwischen Video, kategoriebezogene Templates und Tonabstimmung.
  • Ein Produkt für Creative Reporting sowie Lösungen für Inventory Logging und Price Monitoring.

Rogers betont, dass die Produkte mittlerweile im Zentrum des Unternehmens stehen, das Team begeistern und zugleich als Marketinginstrument dienen. Zugleich sei er wachsam gegenüber Ablenkungen – frühere Nebenprojekte hätten selten Erfolg gehabt.

Konferenzen, Podcast und der Antrieb dahinter

Rogers berichtet von einem Auftritt bei einer Konferenz von Brad Redding, Gründer von Elevar, in Charleston. Gemeinsam mit seinem Geschäftspartner Josh sprach er über Datenthemen, On-Site-Experience und Investitionsverschiebungen sowie über Markenaufbau und veränderte Attribution im Zuge der Datenschutzentwicklungen. Selbstkritisch räumt er ein, dass sie zu viel Material in zu kurze Zeit gepackt hätten – wertvolle Lernerfahrungen für die eigene, deutlich größere Konferenz.

Auch den eigenen Podcast, kürzlich von "Replatform" in "Inside Commerce" umbenannt, betreibt Rogers mit hoher Regelmäßigkeit und inzwischen weit über hundert Folgen. Den nötigen Antrieb schreibt er vor allem seinem Kollegen James zu. Marks hebt zum Abschluss eine Eigenschaft hervor, die sich durch das gesamte Gespräch zieht: Rogers wirke nie ganz zufrieden mit dem Erreichten – genau das treibe ihn an, stets das nächste Projekt anzugehen, zum Nutzen der betreuten Unternehmen.